Auf dem Markt fehlt der übliche Kaffeestand; T. und ich kaufen zwei Becher anderswo und stellen uns damit an unseren Stammplatz.
  Oh, der schmeckt ja richtig gut!, freue ich mich.
  Ich wollte, meint T., ihn nicht übermäßig loben, aber ich habe auch schon gedacht, viel schlechter als der andere ist dieser Kaffee nicht.
Er schaut auf, als ich lache. Jaja, das Erbteil.

Im Gespräch mit M. lerne ich über gute Geschichten und eigenwillige Erzählstimmen; daß es für mich eher die Stimme ist als die Geschichten, wußte ich ja. Und M., in dessen Texten sich irgendetwas auf mich reimt (nicht nur auf mich): er scheint es als Makel zu begreifen, daß die Hälfte der Qualität im Leser liegt und nicht im Geschriebenen. Ich verstehe Schriftsteller nicht, scheint's.

Nachts: fiebrige Träume, an den Tagen Frühling. Meine Ohren sind zu verstopft für Vogelgesang, hoffe ich. Daß die Amseln mein Viertel doch nicht ganz verlassen haben.





Die aufrichtig ungeliebte Stadt empfängt mich mit einem Wetter zum Reinspringen, das darf ich einen ganzen Tag lang aus dem Fenster angucken. Und das ständige Angeraunztwerden: was sie hier als "Herzlichkeit" verkaufen, könnte man auch "alternative Höflichkeit" nennen.

Nachts dann eine Übelkeitsattacke, die mich ohnmächtig auf die Badezimmerfliesen streckt, Himmel aber auch, muß man hier sogar das Abendessen von zuhause importieren? Später fällt mir ein, daß mir im Traum davor in einem vergoldeten Trump-Restaurant schlecht wurde, während der Hausherr Gäste grüßend durchs Lokal zog.

In der Stunde vor der Heimfahrt sieht der Himmel grau und alles andere schon wieder rosiger aus. Im Café beim Bahnhof bekomme ich Milchkaffee in der Tassen-Entsprechung eines Maßkrugs.

Die hockt immer da, beschwichtigt eine Passantin den kleinen Jungen an ihrer Hand. Der Kleine verdreht sich nach der alten Frau mit Kopftuch, die aus einem Dorf vor hundert Jahren zu stammen scheint. Sie ist in Decken und einen Schlafsack gewickelt und ruft den Vorübergehenden zahnlose Segnungen nach oder Flüche, man versteht ja nichts. Ich lege etwas in ihren Pappbecher und sende der Frau Trippmadam einen gedanklichen Gruß. Dann darf ich endlich wieder heim.





In der Schlange an der Garderobe spricht mich jemand von hinten an, mit meinem alten Namen. Auch wenn er inzwischen weißhaarig ist und ein bißchen kleiner als ich, erkenne ich meinen alten Lehrer sofort. Biologie, fünfte und sechste Klasse. Es ist die bekannte Mischung aus Freude und Entsetzen, wenn mir das Früher begegnet. Damals war er jünger als ich heute, und ich habe heute keinen Beruf mit einem Namen, sondern Beschäftigungen mit Umschreibungen.

Ein bißchen Fieber habe ich mitgenommen aus dem Theater, und scheußliche Träume, in denen der Bühnenaufbau von ichweißnichtwem verändert wird, immer wieder, vielleicht von mir selbst.

Warme Milch. Honig. Schlaf. Und früh das Wasser aus der Dusche, heißer als sonst, eine Weile wie einen Mantel aus Regen tragen. Bis zum Wochenende muß ich einsatzbereit sein, da habe ich wieder keinen Beruf.





Der kleinste Betrag, den der Bankautomat ohne weiteres Geklicke zum Abheben anbietet, ist hier zehn Euro. Mir, aus einer Fünfzig-Euro-Gegend, kommt das entgegen.

Du hast ja Krümel auf dem Kleid – und sonst doch immer so perfekt! – Die Außensicht verblüfft mich bisweilen. Ich nehme noch einen Keks.

Am Nachmittag Regen und Sonne durcheinander, abends ein Himmel mit galoppierenden Wolkenherden, rot, rauch- und feuerfarben, türkis, ein Geschenk auf den Heimweg.





Überlandbahn: Die Hügel breiten sich winterlich nackt unter einem Himmel, halb Barock, halb ganz großes Kino. Opal und Kupfer und Ferne, golden beflaumt, und alles hinter Zugfenstern verschwendet.

Das letzte Mal war es Sommer, ein staubiger Abend, und C. fuhr auf einer Strecke mit Aussicht rechts ran. Wir sagten nicht: wie das hier an den Herzsaiten zupft, und auch nicht: it's an acquired taste, aber ein Stückchen gehen wollten wir, bald.

Ich muß ein Stückchen gehen, und bald.