Donnerstag, 19. März 2026

Hast du das mitgekriegt, sagt mir B am Telefon, M ist tot. Ich denke: wir hatten Jahrzehnte keinen Kontakt, und: jetzt sterben schon die Leute von damals; und dann reise ich in die kleine Stadt, in der ich geboren bin, zu seiner Beerdigung.

Ich weiß nicht mehr, ob ich M über Kirchens oder den Naturschutz kennenlernte. Er war Mitte Zwanzig und hatte schon zwei Leben hinter sich gelassen; er war schmächtig, intelligent, und er war auf eine Art verletzt, wie sie leicht in Bitterkeit mündet. Er trug die Einsamkeit wie einen Mantel, zugeknöpft.

Ich als schüchtern-vorlauter Teenager integrierte ihn in meinen Freundeskreis. Zumindest versuchte ich das; er ließ sich aber nicht integrieren. Was er zuließ, war, daß ich ihm im Park unter einem Baum die Haare schnitt, zwei Handbreit Rabenschwarz, bis man seine Augen sehen konnte.

Als ich die Stadt verließ, traf ich ihn nicht wieder.

Ich habe auch nicht mitbekommen, wie sich sein Leben entfaltete und rund wurde. Wie er fand, was gut und richtig für ihn war; wie er sich einrichtete: ein beständiges, bescheidenes Leben, allein, Reisen auf Papier und in die Welt und viele Freunde, die wußten, wann man ihm seine Ruhe lassen mußte.

Die drängen sich nun in der kleinen Kirche (einige Gesichter glaube ich zu kennen). M sei ein "geselliger Einzelgänger" gewesen, sagt der Pfarrer und muß schlucken; er kannte ihn auch.

Aber auch er weiß nicht, warum M sich das Leben nahm, es gab keinen Anlaß, keinen Verdacht und keine Abschiedsnachricht. In seiner Wohnung lag aufgeschlagen das letzte Buch, das er las, ein Reiseführer.

Der Trauerzug Richtung Friedhof ist lang. Ich gehe nicht mit; ich gehe in den Park und setze mich unter einen Baum, der dreißig Jahre älter ist, allein.