Die ganze Stadt voll mit Plakaten: Black Friday, Black Weekend, gar: Black Week. Mir ist schleierhaft, wieso man hier partout ein Konzept einführen will, das aus großen Gruppen von Menschen Reißer, Beißer und Plünderer macht; aber vielleicht lebe ich da wieder neben der üblichen Medienwelt.

Der Rest ist Weihnachten. Ganz neu deprimierend: die Riesenplastikkugeln vom Marktplatzweihnachtsbaum sind dieses Jahr mit Werbung bedruckt.

Plätzchenback- und Häkelpläne wider den Adventsüberdruß.

Nachts Schlaf von Niesen bis Niesen. Nicht so schön.





Die Erde neigt sich, und es wird finster für uns hier auf der Nordhalbkugel. Kleines Licht in der Frühe, Wolle über Wolle. Ich mag den Wechsel. Daß ich in den Nächten mal nicht schlafen konnte vor Hitze, das muß hundert Jahre her sein.

 

Der Herbst hat eine freundlichere Schönheit als der Frühling, sagt B. Im Frühling ist es: Aufbruch! Blüte! Alles neu! Und im Herbst ist es: Laß los, wir haben es geschafft.

 

Morgen wählen sie in den USA, und es stört mich, daß ich mir darüber Gedanken machen muß.

 

Die Ausstellung im Ruhr-Museum gewinnt gegen kleines Fieber und Regen: Fotografien von A. Renger-Patzsch. Schwarzweiß, ganz wunderbar, vor allem die vom Ruhrgebiet Anfang des letzten Jahrhunderts. Mietskasernen mit Kohlgärten, Bergmannswäsche im ewigen Dunst. Ganz ohne störende Autos, immerhin.

(Bloß das Anlegen, das klappt besser bei MKS.)





Sechs Wochen haben sie Zeit, sagt T, dann kommt ein professioneller Entrümpler und entsorgt die Reste. Nun muß er alles noch einmal in die Hand nehmen, was seiner Mutter gehört hat, und vieles, was seit seiner Kindheit im Haus war.

Ihr Lieblingsgeschirr, sagt er, geht auf den Flohmarkt. Das könnte er nicht benutzen. Nicht Tag für Tag; schon gar nicht an Feiertagen. Da gibt es zwei Schüsseln, wertlos und nicht mal schön, aber als Kind liebte er sie, weil mit jedem gegessenen Löffel mehr Blumen am Boden sichtbar wurden. Die hat er sich ausgesucht; und das Bescherungsglöckchen.

Was aber macht man mit 2000 Dias? Die gesamte Familiengeschichte? Ich kann nicht zum Anschauen und Sortieren raten und schon gar nicht zum Wegwerfen. (Ich erinnere mich zu gut daran, wie nach dem Tod des Liebsten alle seine Fotos entsorgt wurden; und wie gern ich die manchmal noch angeschaut hätte, viel, viel später.) Nimm sie an dich und verwahre sie irgendwo, sage ich. Das kann dauern.

  Ach ja: Wäschemangel?
  Nee ... Platzmangel.
  Dacht ich mir.





Auf dem Vorplatz treffe ich V, der für diesen Tag aus dem Urlaub angereist ist. Wir gehen gemeinsam in die Kirche. Die habe ich, obwohl ich jahrelang fast jeden Tag daran vorbeigefahren bin, noch nie betreten; ein freundlicher, fensterreicher Raum mit Bildschmuck irgendwo zwischen Barock und Klassizismus. Die Urne steht in einem Blumengesteck vorm Altar. Die Reihen sind mit Schwarzgekleideten gefüllt; ganz vorn sitzen T und seine Familie.

Bist du auch evangelisch?, frage ich V, als ich mit Rumms über die Kniebank stolpere. So katholisch, wie es nur geht, flüstert V zurück, und tatsächlich, er weiß, was man singt und antwortet, wann man kniet, wann man ein großes Kreuz vor der Brust schlägt oder ein kleines auf die Stirn zeichnet. Ich kann bloß die liturgischen Worte und ein paar Lieder.

Der Priester zelebriert die Messe mit Abendmahl. Bei der Aussegnung singt er auf Latein und anschließend in einer Sprache, die ich nicht kenne. Es sagt vielleicht weniger über diese Gemeinde, daß ihr Priester Afrikaner ist, aber einiges über die Zeit, daß jetzt die einst in fernen Ländern Missionierten den Betrieb aufrechterhalten. (Ob das ein freudiger Hirtendienst ist unter murmelnden Schafen mit Hörgeräten und Gehstöcken, sei dahingestellt.)

Ich mag, wie er den Namen von Ts Mutter ausspricht. Die Daten und Tatsachen dieses Lebens verknüpft er mit dem Ritus, der den meisten der Versammelten so vertraut ist wie ihre schwarze Kleidung.

Die Zeremonien scheinen mir endlos. Als wir schließlich draußen um das Grab versammelt sind, V und ich im Hintergrund, staune ich: So ein ungewöhnlicher Stein! Das gab bestimmt Ärger. Klar, grinst V, das ist Dorf. Außerdem werden sie hinterher diskutieren, wer eigentlich wir sind.

 

In den Häusern und Gärten um den kleinen Friedhof herum toben Kinder und Hunde, laufen Fernseher, schwatzen Nachbarn, und ich denke, hier ist die Kirche wirklich im Dorf; und wir sind, so endgültig das hier alles sein mag, umfangen vom Leben.





Sieben Tage zur See – gründlicher kommt man nicht raus aus dem Alltag. Viel essen, wenig schlafen und den ganzen Tag schauen und lernen.

Diese alten Steuermänner: denen geht nichts kaputt. Längst schon Pensionäre, turnen sie in den Wanten herum mit Fitt und Segelmacherhandschuh und lassen sich vom Deck aus bewundern.

Der ewig junge alte Steuermann sagt mir überm Köhm, ich sei seine liebste Rudergängerin, verläßlich präzise, und da werde ich tatsächlich rot.

 

Einer erzählt, er hätte Depressionen; ein anderer von seiner Herz-OP; eine von ihrer Trennung. Einer sagt: die Wahrheit ist dein Freund. Einer hat der Wahrheit wegen seine Heimat verlassen. Irgendwo dazwischen finden wir uns vermutlich alle.

 

Ein Landgang reicht, um den Matrosen vom Schiff zu kriegen, aber um das Schiff vom Matrosen zu bekommen, braucht es vier, fünf Waschgänge und zwei Wochen Zeit.

Zwei Wochen lang hat mein Festland Seegang, und in meinen Händen fühlt sich alles zart und samtig an, was nicht Tau ist. Zwei Wochen träume ich jede Nacht vom schönsten Schiff der Flotte.

 

(Und dann ist da noch das Stück Schiff, das abgegriffene Werkzeug, das ich eingesteckt und nicht wieder an seinen Platz getan habe; das liegt wunderbar in der Hand und peinlich auf meinem Gewissen. Das werde ich sicher zurückbringen, sobald es nur geht.)