In drei Tagen an zwei Flüssen gegangen. Einmal, weil es herrlich ist (und der Vollständigkeit halber); einmal, um einen Zug zu erreichen (und: weil’s geht.)

Den schönen Fluß umschnörkelt ein Zierweg, lauter Umwege, um nur ja keine Aussicht zu verpassen. Daß man das schneller haben könnte, wissen wir und gehen jede einzelne Schleife mit Andacht, denn auch das Nutzlose will erledigt sein. Wir müssen ja nicht; das ist Grund genug.

Tags drauf stehe ich am Dorfbahnhof, und die Bimmelbahn fährt nicht. Ich mag keine Stunde am Gleis warten, sondern nehme den Radweg flußaufwärts, glatt und eben und um diese Uhrzeit nicht mehr arg befahren, bis ins nächste Städtchen. Die Zeit ist knapp, darum bleibe ich an den schönsten Stellen nicht stehen, die Kamera bleibt in der Tasche. Trotzdem lasse ich im Gehen alle Eile hinter mir, die Landschaft rückt nah und näher mit Burgen, Weinbergen, Weidenschatten, Nachtigall und den Düften des Sommers; ein Frachtkahn überholt mich einen Kilometer lang. Als ich den Bahnhof erreiche, fühle ich mich prächtig. Es macht nichts, daß auch der nächste Zug ausfällt.

Gehen können, gehen dürfen, gar beides zugleich: großes Glück.





Es ist Mittelalter, Antike, Steinzeit. So einfach, daß man's nicht erfinden könnte, und wenn man es genau betrachtet, wären wir Menschen ohne nicht weit gekommen.

Die Möglichkeiten setzen sich aus Farben, Fasern, Bindungen endlos immer wieder neu zusammen. Was man tut, ist dabei immer wieder dasselbe – jede Abweichung wird mit Unregelmaß bestraft.

Die Kette erfordert Planung: berechnen, auszählen, fädeln, ziehen, wickeln, noch einmal fädeln, knoten, dann zusehen, daß sich die Fäden gut verteilen und bloß nirgends durcheinandergeraten.

Beim Schuß kommt's, wie's kommt; man weiß es vorher nicht. Sicher, auch den Faden muß man in die Hand nehmen und auf die Nadel wickeln, aber wie er sich dann ins Fach legt, ob er glatt bleibt, sich sträubt oder spaltet, wird man sehen.

Spannung ist alles. Am ärgerlichsten: wenn man am Anfang nicht aufpaßt bei der Kette und die dann zum Ende hin durchhängt. Aber das ist wohl überall dasselbe.





Unter Schirmen, mit Schildern und Transparenten ziehen die Schüler durch die Stadt, hinter einem Polizeiwagen mit Blaulicht her. Die Fahnen im hinteren Teil stammen von Parteien und Organisationen; schön bunt. Weil ihr uns die Zukunft klaut!, und recht haben sie. Lang ist der Zug nicht, aber die gesamte Straßenbtreite nimmt er ein. Hinter dem letzten Transparent fährt ein weiterer Einsatzwagen; die Kolonne von Autos, Transportern, LKW, die hier zum Schrittempo gezwungen wird, ist ein Vielfaches so lang wie die gesamte Demo, ein Ende nicht abzusehen, und das scheint mir ein guter Witz.

Nun, bitte, weiter so. Pestet eure Eltern, wenn das nächste SUV zur Diskussion steht oder der Flug auf die Malediven (für euch wurde schließlich die Quengelware erfunden). Geht zu Fuß, nehmt das Rad. Erforscht die Zusammenhänge, eine andere Chance habt ihr nicht, und wählt, sowie ihr nur könnt.





Warum geben Sie denn die schöne Kommode weg, fragt das junge Paar, das mein altes Möbelstück mitnimmt (umsonst an Selbstabholer). Tischlerarbeit, sicher hundert Jahre alt, der Name des Auftraggebers steht in der obersten Schublade. Ich brauche Platz, sage ich. Verkaufen? Hätte ich nicht gekonnt. Verschenken, das geht.

Weg sind ein billiger Sessel, ein teureres Sofa, weg ist die Liege meiner ersten Liebesnächte (wie schmal!, und der Liebste war ein Riese). Auch die alten Kleider habe ich fortgetan, oh, und den alten Schlafsack, der mir so lang auf dem Gewissen lag. Behalten habe ich: das Nachthemd des Großvaters, den ich nie kannte; die Wäsche, die mir der Liebste heimlich mit Mustern bedruckt hatte. Eines seiner Hemden. Beinah alle Bücher, alle Briefe. Die zwei häßlichsten Stofftiere der Welt.

Manchmal war's so schwer, daß ich M anrufen mußte und ihm erzählen, was da durch meine Hände ging. Manches war erstaunlich leicht, und schön, wie Platz wurde.

Wir sind, sagt M, Archivare unser selbst. Das Schlimme ist, füge ich hinzu, sentimentale Archivare.





Die Stadt begrüßt Reisende mit Möwengeschrei, obwohl's vom Bahnhof zum Wasser noch ein Stückchen ist. Ich schaue mir alles an, auch den Zoo, und lasse bei den Menschenaffen eine Orang-Frau durch mich hindurchblicken. Die Axolotls tun nichts, wie lange man auch wartet; der Tintenfisch ignoriert den neongelben Spielball und bleibt in seiner Höhle. Im Polarium wandert ein riesiger Eisbär mit ausgreifenden Schritten immerzu hin und her auf den vielleicht fünfzig Metern neben seinem Schwimmbecken, und ich stelle mir ein Hamsterrad in Eisbärgröße vor. Die Großkatzen besuche ich besser nicht.

Als ich, drei Städte später, zuhause in meine Straße einbiege, singt eine Amsel wie vom Blatt, noch nicht ganz sicher, aber das wird schon, ganz bestimmt.