Um kurz nach sechs, beim Kaffeekochen, ist mir der Tag schon verdorben: im Innenhof wird am Wilden Wein gerissen, der dieses Jahr endlich für eine Wiese hätte durchgehen können. Ein Blick aus dem Fenster bestätigt: ein Berg glänzenden Blattwerks liegt am Boden, Strang um Strang fällt dazu. Die Mauern stehen nackt und unansehnlich. Nichts ist übrig von meinem Gartenersatz. Das wird ein heißer Sommer für den Hof.

Ein paar Stunden später, ich habe dem Hausmeister eine böse Mail geschrieben, ist immer noch nicht Ruhe. Es zetert und klagt ohne Pause: die Kohlmeisen, die in der Pflanze genistet haben müssen, sind auf der Suche nach, ja, was?

Ich schleppe heute einen schwarzen Fels mit mir herum. Es gibt bitter wenig Grün in der Stadt; wieso dann das Wenige ausreißen? Und dabei noch Vogelnester zerstören? Es kümmert sich sonst keiner darum, wie das Haus aussieht, aber wilder Wein, das geht offenbar nicht. Armselig ist das. Wessen Vorstellung von "schön" wurde da umgesetzt?

Daß es solche Menschen gibt! Die sich über so Vitales beschweren; aber auch solche, die dann auf Kommando Schluß machen mit dem Leben. Im Juni. Nicht mal bis September warten konnten sie.

Ich hätte nicht übel Lust, sie dafür anzuzeigen.





Wow, denke ich, als mich federnden Schrittes eine Frau überholt mit Kupferhaar und Haut wie Wasser und Milch. Ein paar Meter weiter bleibt sie plötzlich stehen und dreht sich um, knickt übertrieben in der Hüfte ein; es könnte gotisch aussehen, wäre nicht ihr Grinsen und höbe sie nicht die Hände zu zwei Victory-Zeichen. Ich schaue nicht, für welche Linse sie posiert.

Etwas weiter teilt sich der Strom der Fußgänger um zwei Weißhaarige, einen langen Mann und eine Frau in rotem Kleid, die in inniger Umarmung stehen; wären sie fünfzig Jahre jünger, könnten die Passanten nicht verständnisvoller wegschauen.

Was der Sommer bislang brachte: Warten auf Gewitter. Ein Loch in der Straße, in dem oft ein Mann steht und telefoniert. Entenmägen, in Fett gegart. Das erste Kilo Kirschen ganz für mich.





Um mich herum trennt man sich, wird krank auf den Tod, verliert Lebensgrundlagen, muß schlimme Entscheidungen treffen, und ich?
Mir geht die Waschmaschine kaputt.

Hab ich's gut.





Die Wettervorhersage irrt zu unseren Gunsten. Himmelfahrt, Schwarzdrossel und Zaunkönig, und nur ganz am Ende Halsweh.

Einen schönen Sommer wünsche ich uns allen.





Auf den letzten hundert Metern verengt sich die Bahn und zwingt die Finalisten in eine Reihe. So können sie einzeln begrüßt, beklatscht und fotografiert werden. Ich klatsche und winke, als M nach genau der geschätzten Zeit vorüberspurtet; er hebt knapp die Hand. Wenig später sammle ich ihn ein. Er ist vollkommen erschöpft. Ziel erreicht.

 

M läuft zum ersten Mal in meiner Stadt. So kommt es, daß ich zum ersten Mal am Straßenrand stehe und jubele. Die plastiklastig-professionelle Organisation des Ganzen wundert mich nicht, eher schon die gute Stimmung bei allen, Läufern, Helfern, Zuschauern. Ich lasse mich anstecken und freue mich, als ich sehe, wie M auf der Strecke sich freut, als er mich am Straßenrand sieht.

Einige im Publikum schwenken Schilder: Genieß es, du hast dafür bezahlt!, oder: Umkehren wär jetzt auch blöd!, oder einfach: Du schaffst es!, und damit sind irgendwie alle Läufer gemeint. Konkurrenz gibt es unter vielleicht zwanzig, dreißig Sportlern, der Rest macht das, um's zu machen.

Auch die Läufer tragen ihre Gesinnung auf den Hemden. Farben, Schriftzüge, Firmenlogos, Teamnamen; angeknüpfte Ballons, verzierte Mützen, ganze Kostüme. Einer ist ohne Schuhe unterwegs, die Ballen mit Tape umwickelt.

 

In einer Tiefgarage ziehen die Läufer sich um, schmieren sich ein, justieren Technik und dehnen sich. Dann sucht jeder sein Startfeld und wartet in der Morgenkühle. Die Straße, sonst vierspurig für Autos, füllt sich mit bunten Menschen, die auf der Stelle hüpfen, Gymnastik und Selfies machen. M, frage ich, mußt du dich nicht auch, ich weiß nicht, aufwärmen? – Nö, das integriere ich in den Lauf.

Irgendwann Musik über Lautsprecher (Highway to Hell), Ansagen, Moderation, ein Countdown. Nichts passiert, aber jetzt sind alle still und schauen in eine Richtung. Dann macht das gesamte Feld einen Schritt nach vorn, einen nur, und die Spannung springt über die Absperrungen und erfaßt auch das Publikum. Letzte Anweisungen und Grüße werden gerufen, Kameras gezückt; dann bewegen sich die Läufer. Schrittempo. M lächelt noch einmal herüber. Schneller geht es, einige hinter den Absperrungen gehen mit, winkend, wie einem abfahrenden Zug hinterher.

Ich verfolge, wie M Blick und Kräfte sammelt und nach vorn richtet, auf das 42 Kilometer entfernte Ziel. Er löst sich von der Straße, von der Stadt um ihn herum, löst sich von Tageszeit und Temperatur, löst sich von allem; er fällt in Trab, ich sehe, wie seine Schulterblätter sich gleichmäßig im Laufrhythmus bewegen, und fort ist er, ganz für sich zwischen Tausenden von anderen, wie davongeflogen.