Es war einmal ein Zivi, der pflegte eine alte Frau, die war taub und blind und in jedem wachen Moment überzeugt davon, sie sei in der Hölle. Egal ob er sie fütterte, streichelte, zudeckte, sie verfluchte ihn, er sei ein Teufel und solle sie nicht länger quälen ... Das ist die schlimmste Geschichte, die ich kenne; aber selbst die kann T nicht aufheitern im Moment.

Als er sich am Ende vom Kaffee umschaut, meint er, er könne wahrhaftig an diesem Platz, Sonne, Blick übers Wasser, Miniaturblätter an den Platanen, nichts auszusetzen finden; das ist was, immerhin.

    Und du, was machst du gerade so?
    Ach, was schön Warmes für den Winter.





Die Industriestadt blüht. Schöner wird's nicht. Was die letzten Stürme an Bäumen stehen gelassen haben, bekommt frische Blätter; ich bestaune jedes einzelne. Die Bergarbeiterhäuschen, alter Backstein, weiße Fensterrahmen, sehen zwischen Kirschen aus wie schwedisches Idyll. Stoisch räumt ein Stadtarbeiter Müll aus den Büschen, in denen Vögel ihr Revier besingen.

Eine Frau gibt es in der Firma, erzählt man mir, die trägt jeden Tag andere Schuhe, immer aber hochhackige, mit denen sie durch Treppenhäuser und Gänge klackert. Das gönne man ihr ja, und es sei auch wirklich ganz egal, was Leute so anzögen, wär's bloß nicht so'n verdammter Radau.

Gern sehe ich die brutalistische Kirche mit integriertem Gemeindezentrum; wie eine Reihe geschliffener Betonsplitter steckt sie in der Stadtlandschaft. Heute weht aus einer ihrer Fensterhöhlungen ein grellrotes Kleid.

Durchsage: Wir möchten Sie auf unseren gastronomischen Service aufmerksam machen. Aufgrund technischer Schwierigkeiten hat unser Bordbistro momentan nichts zu essen und nichts zu trinken. Der ganze Zug lacht.

Die Strecke liegt zwischen Kirschen und Weißdorn, man möchte die Notbremse ziehen und ein wenig hinaus.





M und ich teilen eine Marotte: nach dem Essen alles möglichst bald wieder aufzuräumen. Zuschrauben, zusammenstellen, stapeln, einwickeln, wegtuppern. Besondere Zufriedenheit schaffen möglichst passende Behältnisse oder mehrere Dinge, die sich in eines fügen. Gemütlich ist für uns, was bei anderen ungemütlich heißt.

T und ich ernten wieder Blicke, als er den Cafétisch freiräumt (also, das ist jetzt oval) und mir mithilfe von Zuckerstreuer, Löffeln, Väschen, Krims und Krams Pitch und Wicker, Infield, Outfield, Boundary, Bowler, Batsmen und Keeper erklärt. Er liebt an diesem Sport vor allem die Berichterstattung und die Skandale; ich, daß in Weiß und mit Pullunder gespielt wird nach Regeln und Maßen, die ich mir niemals werde merken können.

M, sage ich, kennst du bestimmt den Drang, wenn man das Füllgut aus einer Tüte genommen hat, die Tüte möglichst knapp wieder zuzumachen und passend abzuschneiden? – Was?? Nein. Wirklich, du bist schlimmer als ich.





Nach einem Abend voller Gespräche über Craftbeer, Älterwerden, Erkältungsstadien, Sportwagenfahrverhalten, Hundefriseure, Krankheiten, Teppichmoden und Tapenadenrezepte singt, knapp außerhalb des Scheins der Tankstelle und den Verkehr wie Stille übertönend, eine Nachtigall.





Blaue Luft, und die Straßenplatanen riskieren Grün. Man könnte einen Hocker auf den Balkon. Grünzeug vielleicht, das auch mal blüht. Drunten flattern Mäntel, Sonnenbrillen rutschen aus Frisuren. Irgendwer hat orientalische Musik aufgedreht, Leute auf der Straße klatschen und juchzen. Eine Amsel überzieht die Stunde mit Gesang wie Zuckerguß, die gute Sorte Zuckerguß mit bißchen Salz drin.

Ich hoffe bloß, ich habe ausreichend Kaffee für drei Tage.