Der Sturm ist vorübergezogen.

Irgendwo beim Kaufhaus wohnt ein Mann, ich sehe ihn morgens mit seiner Isomatte an der Bushaltestelle vorm Eingang, groß und scheu; nie nimmt er Blickkontakt auf, aber einmal starrte er auf meine schlammverkrusteten Schuhe. Einmal kaufte er drinnen ein Glas Naturjoghurt und aß ihn draußen auf der Bank; einmal hatte er Haare und Bart geschnitten. Er scheint nicht zu trinken, nicht zu lesen, nicht zu sprechen. Ich weiß nicht, ob er sich langweilt; vielleicht hat man dazu keine Zeit, wenn man überleben muß. Vorstellen kann ich es mir nicht.

Die Frau, die mich heute ansprach, trug Grün: hellgrüne Jeans, knallgrüne Jacke, darunter einen Strickpullover von sanfterem Ton; an der dunkelgrünen Tasche hing ein geblümtes Tuch, so daß ich nicht als erstes dachte: ohne festen Wohnsitz, sondern: wow, was für ein Sinn für Farben. Sie sei mittellos, sagte sie sachlich und ging dann, trotz verfilzter Haare nicht ohne Eleganz, ihrer Wege.

Das Haus mit der kleinen Wäscherei wird abgerissen, die Kirche hat’s verkauft; die Mieter müssen bis Ende des Jahres raus. Geplant ist ein Block mit Luxusapartments. Genau das, was die Stadt jetzt braucht.





Sie war mir einmal das größte Vergnügen; ich kannte sie so gut das nur möglich war, hatte mehr Freude mit ihr als Mühe, aber dann waren doch andere wichtiger, habe ich sie für Jahrzehnte links liegen lassen, und nun: achje, auweia, lange her. Also habe ich mir einen Lehrer gesucht, dem mein guter Wille reicht, um neue Schritte in die alte Sprache zu wagen.

Je nun.

Die Begeisterung ist sofort wieder da. Das verknappt Verzierte, die Netze aus Klang und Anspielung, die vielen Schichten von Sinn in einer Handvoll Silben: ich sehe es. Aber, ach, ich komme nicht dran. Alle zwei Wörter ein: Oh, das wußte ich mal. Es ist wie Lesen ohne Brille. Ein paar Gewißheiten, und den Rest raten. Grammatik: löchrig. Vokabeln: allesamt entfleucht. Sprachgefühl: schlaftrunken.

Ich bin traurig. Die Schöne, mit der ich früher Hand in Hand ging, dreht sich nicht mal mehr nach mir um.

Ich muß mehr Blumen besorgen.





2020, das begann mit einem Tag voll Sonnenlicht und klingt so hübsch und rund. Gemächlicher ist es nicht.

Zwei Damen in der Tram: wie froh sie seien, jetzt alt zu sein und nicht die Zukunft noch vor sich zu haben.

Neue Dinge: Kleider machen. Eine alte Sprache neu anprobieren.

Wanderwege als Notausgänge.





Ich besuche die Ms im Laden. Im Schaufenster liegt Weihnachtsdekoration. Er kann sich kaum noch rühren; aber das Sortiment hat er komplett im Kopf. Er thront hinter seinem Tresen, feilscht mit Lieferanten am Telefon, und zaubert ein Lächeln auf das Gesicht jeder Kundin, da kann er nicht anders, das liegt ihm im Blut.

Ich bekomme einen Tee gekocht und die Neuigkeiten erzählt; die, und alte Geschichten. Und wie die Firmen immer öfter auf Mindestbestellmengen bestehen oder kleine Läden gar nicht mehr beliefern. Das ist bitter; sie führen das Geschäft in dritter Generation, aber da gibt es keine Loyalität.

Sie ist noch kleiner als beim letzten Mal und wuselt wie immer treppauf und treppab, Ware herbeischaffen, Gewünschtes zeigen; aber, sagt er, sie hört immer nicht richtig zu. Immer wieder muß man sie an was erinnern. Später kann ich nur mit Mühe verhindern, daß sie mir alles, was ich kaufen möchte, schenkt.


Kaffee mit T und V. Dessen Frau hat keine Zeit, gerade hat sie viel zu tun: ihre Kurse sind bestens besucht, Kinderlieder für frischgebackene Mütter. Es geht ein Bi-Ba-Butzemann, Hoppe-hoppe-Reiter, solche Sachen.


Und, ach, der Kirschbaum, den ich von meinem Fenster aus sehen konnte, ist gefällt.





T langweilt sich. Die Tage sind endlos. Man macht gar nicht viel mit ihm, das aber so unvorhersehbar verteilt, daß er zu nichts kommt. Eine Woche ist er schon da; wie lange es noch dauern wird, ungewiß. Und das, wo er nicht mal krank ist. Nur nach dem Auge hatte er mal schauen lassen wollen.

Statt unserer Kaffeetreffen besuche ich T nun auf Station. Das Zimmer ist überheizt, der Kaffee lau und dünn, aber sonst alles wie immer.

Wie ich da hinkomme, behalte ich für mich – den Eingang, den ich ganz vermeide, der flache Bau, vor dem ich die Straßenseite wechsle, und wie mich das ganze Gelände bedrückt, ein schwarzer Sack mit knapper Luft und hetzendem Puls. Zwei habe ich schon da lassen müssen; ganz andere Geschichten, aber der Ort erzählt sie mir jedes Mal aufs neu.

   Oh, danke! Selbst gebacken?
   Ja. Ich habe dir die häßlichen rausgesucht, du kannst sie ja sowieso nicht angucken.
   So schlecht sehe ich aber nicht!
   Das war auch gelogen. Meine Plätzchen sind alle häßlich.