Um elf muß ich arbeiten, kein Pardon. Aber nach Mittag, am Bahnhof treffe ich M, und zusammen gehen wir uns das letzte Ende des Klimastreiks anschauen: bunte Buden, Musik, sehr junge Leute, die auf einer Bühne sehr vernünftige Sachen sagen. M war schon auf der großen Demo, Stunden habe es gedauert, bis man überhaupt loskonnte, so viele Menschen. Es ist halt wichtig.

Im Zug nach Hause verschlägt es uns in Hörweite eines angetrunkenen Trupps von Jungmännern; der Lauteste fantasiert Bomben auf die Klimademonstranten, rühmt sich seines geilen dicken Autos und ebensolcher Eier, und die Greta, die würde er mal durchficken. M und ich schämen uns fremd. Bei Facebook gibt’s das dann wohl schriftlich, die verwaschene Aussprache abgebildet in Rechtschreibung. Es fällt mir enorm schwer zu glauben, daß die im echten Leben aber doch ganz nett sind.

Ich denke noch eine ganze Weile darüber nach. Daß ich nicht sehr schlechte Laune bekommen habe, liegt an M, dem Klugen, mit dem ein Blick zur Verständigung reicht und mit dem sich Trotz und Verzweiflung in einen Witz ummünzen lassen. M lebt kompliziert, erträgt Menschenmengen kaum und verabscheut alles Laute, aber er ist tatsächlich hergekommen; das reicht mir zu Gelassenheit.

Für den Moment zumindest.





Fenster und Türen geschlossen halten; das Licht löschen; schweigen, höchstens flüstern. Vielleicht meint sie dann, es sei keiner zuhaus. Kleidung: leichte oder keine.

Keinen Ventilator anmachen, keine Eiswürfel für den Kaffee bereiten. Das weckt nur falsche Erwartungen.

Alle Arbeit aufschieben, das Brüten, die heiße Wäsche, das Kochen sowieso. Dem Kühlschrank lauschen, wie er sich müht.

Umlaute tippen und is, und sich Pünktchen für Pünktchen zu Regenwölkchen denken bis zum Wolkenbruch.

Handstand machen, denn in Bodennähe bleibt der Kopf kühler. Aber sachte, daß es nicht zur Hirnschmelze kommt.





In drei Tagen an zwei Flüssen gegangen. Einmal, weil es herrlich ist (und der Vollständigkeit halber); einmal, um einen Zug zu erreichen (und: weil’s geht.)

Den schönen Fluß umschnörkelt ein Zierweg, lauter Umwege, um nur ja keine Aussicht zu verpassen. Daß man das schneller haben könnte, wissen wir und gehen jede einzelne Schleife mit Andacht, denn auch das Nutzlose will erledigt sein. Wir müssen ja nicht; das ist Grund genug.

Tags drauf stehe ich am Dorfbahnhof, und die Bimmelbahn fährt nicht. Ich mag keine Stunde am Gleis warten, sondern nehme den Radweg flußaufwärts, glatt und eben und um diese Uhrzeit nicht mehr arg befahren, bis ins nächste Städtchen. Die Zeit ist knapp, darum bleibe ich an den schönsten Stellen nicht stehen, die Kamera bleibt in der Tasche. Trotzdem lasse ich im Gehen alle Eile hinter mir, die Landschaft rückt nah und näher mit Burgen, Weinbergen, Weidenschatten, Nachtigall und den Düften des Sommers; ein Frachtkahn überholt mich einen Kilometer lang. Als ich den Bahnhof erreiche, fühle ich mich prächtig. Es macht nichts, daß auch der nächste Zug ausfällt.

Gehen können, gehen dürfen, gar beides zugleich: großes Glück.





Es ist Mittelalter, Antike, Steinzeit. So einfach, daß man's nicht erfinden könnte, und wenn man es genau betrachtet, wären wir Menschen ohne nicht weit gekommen.

Die Möglichkeiten setzen sich aus Farben, Fasern, Bindungen endlos immer wieder neu zusammen. Was man tut, ist dabei immer wieder dasselbe – jede Abweichung wird mit Unregelmaß bestraft.

Die Kette erfordert Planung: berechnen, auszählen, fädeln, ziehen, wickeln, noch einmal fädeln, knoten, dann zusehen, daß sich die Fäden gut verteilen und bloß nirgends durcheinandergeraten.

Beim Schuß kommt's, wie's kommt; man weiß es vorher nicht. Sicher, auch den Faden muß man in die Hand nehmen und auf die Nadel wickeln, aber wie er sich dann ins Fach legt, ob er glatt bleibt, sich sträubt oder spaltet, wird man sehen.

Spannung ist alles. Am ärgerlichsten: wenn man am Anfang nicht aufpaßt bei der Kette und die dann zum Ende hin durchhängt. Aber das ist wohl überall dasselbe.





Unter Schirmen, mit Schildern und Transparenten ziehen die Schüler durch die Stadt, hinter einem Polizeiwagen mit Blaulicht her. Die Fahnen im hinteren Teil stammen von Parteien und Organisationen; schön bunt. Weil ihr uns die Zukunft klaut!, und recht haben sie. Lang ist der Zug nicht, aber die gesamte Straßenbtreite nimmt er ein. Hinter dem letzten Transparent fährt ein weiterer Einsatzwagen; die Kolonne von Autos, Transportern, LKW, die hier zum Schrittempo gezwungen wird, ist ein Vielfaches so lang wie die gesamte Demo, ein Ende nicht abzusehen, und das scheint mir ein guter Witz.

Nun, bitte, weiter so. Pestet eure Eltern, wenn das nächste SUV zur Diskussion steht oder der Flug auf die Malediven (für euch wurde schließlich die Quengelware erfunden). Geht zu Fuß, nehmt das Rad. Erforscht die Zusammenhänge, eine andere Chance habt ihr nicht, und wählt, sowie ihr nur könnt.