Neuerdings grüßt mich der Nachbar mit den blauen Augen und dem stahlgrauen Haar. Jahrelang hat er an mir vorbei oder durch mich hindurchgeschaut, wie der sehr, sehr alte Herr G, Frau K aus meinem Haus, ihre Freundin und die anderen, mit denen er unter einem Fenster oder in einem Hauseingang tratschte. Es gab eine richtige Nachbarschaft in der Straße, als ich herzog; die Post klingelte nie vergebens, kein Auto wurde unbemerkt zerkratzt, und man wußte, wer nachts lärmend heimgekommen war.

Aber die Zeit, die Zeit: Nach zwei neuen Hüften kam Frau K ins Heim; ihre Freundin hörte irgendwann auf, sich die Haare zu färben, manchmal steht sie mit Rollator an der Gehsteigkante und weiß nicht weiter. Daß einer gestorben war, erfuhr ich gelegentlich beim Bäcker (so jung! noch neddemol achzisch!); oder ich sah die Autos des Bestatters, der Entrümpler, der Handwerksbtriebe und irgendwann die Möbelwagen neuer Mieter. Die Gegend verändert sich, die Bewohner werden jünger, lauter und bleiben nicht mehr lang.

Und jetzt grüßt der Blauäugige mich. Vielleicht bin ich reingealtert in die Gegend; nach zwölf Jahren zählt man hier wohl langsam doch zum Inventar.





Die geschätze Blognachbarin erkundigt sich – danke! Mir geht's gut, außer der Technik ist alles in Ordnung. Erst war ich ein wenig offline wg. Arbeit und Strickenlernens, dann wollte mein Bilderblog nichts mehr von mir wissen, dann war ich ihm (eigentlich dem ganzen Internet) ein Weilchen bös, und nun ist Herbst, und ich habe drei Pullover mehr. Immerhin.

Wie schön, wenn's wärmt! Das Wesen des Geschenks ist ja, daß es unverdient ist und keine Schulden macht. Insofern.

Ansonsten: Pullover Nr. 4 und ein bunter Schal mit Dreier-Nadeln; dann endlich ein Buch, durch das ich vorsichtig streife wie durch frischen Schnee: elfhundertvierundsechzig Seiten, und ich darf sie alle lesen.

(Über das Mittelalter weiß ich, daß Briefe von den Boten, die sie beförderten, unterwegs auf den Marktplätzen verlesen wurden, so daß das Volk teilhaben durfte an den Gedanken der schreibenden Schicht. Das, was nur für den Empfänger bestimmt war, stand in einem gekennzeichneten Abschnitt; der wurde verschwiegen. Briefgeheimnis.)





Schon morgens irgendwas zwischen unleidlich und untröstlich, als fehlte mir was, als hätte ich was verloren, und erst später am Tag gemerkt: sie haben den Flugverkehr wieder aufgenommen. Längst noch nicht im Halbminutentakt, aber durchaus zu hören, wenn man dem Sommer die Fenster geöffnet hat.





"Oh, neue Frisur – sieht toll aus!" – Ähm ...

 

Wenn ich frage, ob ich langsam mal wieder die Haare geschnitten kriege, sagt mein Friseur: Och, heute nicht, das geht noch. Dafür schneidet er dann auch montags.

Er versteht, was ich will, wenn in meiner Beschreibung Kehlung oder positiver Sturz vorkommt. Es geht zackzack, keine Schere, nur Langhaarschneider, und ich muß nicht erklären, wieso man mit mir nicht über GNTM reden kann.

Auf meine anschließende Frage, wie es aussieht, antwortet er: normal. Einen Spiegel gibt es nicht; dafür kostet der Haarschnitt nicht mal ein halbes Vermögen.

Da geh ich wieder hin.





Auf dem Dach nebenan liegt ein abgestürzter Meisenknödel, den haben die Hausrotschwänzchen entdeckt und halten sich seit Tagen daran schadlos. Stille Genießer sind sie nicht. Pausenlos posaunen sie herum: Nein, was ist das denn! Da haben wir aber was gefunden! Großartig! Ist das nicht die Wucht! – Ich wundere mich, daß offenbar nur ich aufmerksam geworden bin und nicht die Konkurrenz oder das Raubgetier.

Die nächste Frau, sagt H, sollte aber essen, was der Kollege kocht. Naja, sage ich, daß er für sie immer etwas extra machen mußte; aber es gibt doch noch andere Kriterien … H ist sicher: Wenn einer so viel Freude am Kochen hat, so gut kocht, und dann ißt sie es nicht? Jeden Tag aufs neue? Das ist Höchststrafe. Sie muß gern essen, sonst wird das nix.

Kein Kaffee mit T, weil ich huste.

Im übrigen soll es, wie immer, nächste Woche regnen.