Schon beim Warten am Gleis aufziehende Kopfschmerzen.

Aus dem Zug steigt ein Paar, eine alte Dame in Beige erzählt ihrem Begleiter eine wüste Geschichte, die irgendwas mit Strangulation zu tun haben muß; sie gestikuliert lebhaft, verdreht die Augen und lacht schallend dazu.

Im Großraumwagen dann eine Frau, so schön: Gesicht mit runden Wangen unter einem Schatten von Haar; ihre Haut ist an den Rändern knittrig wie sehr abgegriffenes weiches Leder und liegt zärtlich über dem Knochen. Wenn sie lächelt, vertiefen sich Sterne aus Falten um die Augenwinkel. Am Flughafen steigt sie aus, schwarzer Mantel, schwarzer Schirm, als wolle sie zu einer Beerdigung in einem traurigen Film.

Später dann telefoniert ein Weißbart lautstark auf Schwäbisch über Baumaschinen, gute und schlechte Nachbarn und Vorstandswahlen; es nimmt und nimmt kein Ende. Ich nicke ein. Kurz wach werde ich, als er sehr laut, sehr deutlich nachfragt: Der Staubsauger oder die Zugfahrt?!; grinsend schlafe ich wieder ein.

Als mein Bahnhof naht, ist es schon wieder Nacht; die Gesicher um mich sind von Bildschirmen erhellt. Asphalt glänzt, immerhin, im Frühlingsregen. Ich freue mich darauf, wieder für ein Weilchen an einem Ort zu sein.





Da habe ich mir eine Erkältung eingehandelt, mit tränender Nase und zusammengebissenen Zähnen und Herz aus Blei, ganz durch geht mir das Frieren, ich weiß eigentlich überhaupt nicht, wo ich meinen Schal verloren haben könnte und hoffe noch, daß ich mir das alles einbilde, aber es ist wohl, was es ist, es ist Aschermittwoch.





Auf dem Markt fehlt der übliche Kaffeestand; T. und ich kaufen zwei Becher anderswo und stellen uns damit an unseren Stammplatz.
  Oh, der schmeckt ja richtig gut!, freue ich mich.
  Ich wollte, meint T., ihn nicht übermäßig loben, aber ich habe auch schon gedacht, viel schlechter als der andere ist dieser Kaffee nicht.
Er schaut auf, als ich lache. Jaja, das Erbteil.

Im Gespräch mit M. lerne ich über gute Geschichten und eigenwillige Erzählstimmen; daß es für mich eher die Stimme ist als die Geschichten, wußte ich ja. Und M., in dessen Texten sich irgendetwas auf mich reimt (nicht nur auf mich): er scheint es als Makel zu begreifen, daß die Hälfte der Qualität im Leser liegt und nicht im Geschriebenen. Ich verstehe Schriftsteller nicht, scheint's.

Nachts: fiebrige Träume, an den Tagen Frühling. Meine Ohren sind zu verstopft für Vogelgesang, hoffe ich. Daß die Amseln mein Viertel doch nicht ganz verlassen haben.





Die aufrichtig ungeliebte Stadt empfängt mich mit einem Wetter zum Reinspringen, das darf ich einen ganzen Tag lang aus dem Fenster angucken. Und das ständige Angeraunztwerden: was sie hier als "Herzlichkeit" verkaufen, könnte man auch "alternative Höflichkeit" nennen.

Nachts dann eine Übelkeitsattacke, die mich ohnmächtig auf die Badezimmerfliesen streckt, Himmel aber auch, muß man hier sogar das Abendessen von zuhause importieren? Später fällt mir ein, daß mir im Traum davor in einem vergoldeten Trump-Restaurant schlecht wurde, während der Hausherr Gäste grüßend durchs Lokal zog.

In der Stunde vor der Heimfahrt sieht der Himmel grau und alles andere schon wieder rosiger aus. Im Café beim Bahnhof bekomme ich Milchkaffee in der Tassen-Entsprechung eines Maßkrugs.

Die hockt immer da, beschwichtigt eine Passantin den kleinen Jungen an ihrer Hand. Der Kleine verdreht sich nach der alten Frau mit Kopftuch, die aus einem Dorf vor hundert Jahren zu stammen scheint. Sie ist in Decken und einen Schlafsack gewickelt und ruft den Vorübergehenden zahnlose Segnungen nach oder Flüche, man versteht ja nichts. Ich lege etwas in ihren Pappbecher und sende der Frau Trippmadam einen gedanklichen Gruß. Dann darf ich endlich wieder heim.





In der Schlange an der Garderobe spricht mich jemand von hinten an, mit meinem alten Namen. Auch wenn er inzwischen weißhaarig ist und ein bißchen kleiner als ich, erkenne ich meinen alten Lehrer sofort. Biologie, fünfte und sechste Klasse. Es ist die bekannte Mischung aus Freude und Entsetzen, wenn mir das Früher begegnet. Damals war er jünger als ich heute, und ich habe heute keinen Beruf mit einem Namen, sondern Beschäftigungen mit Umschreibungen.

Ein bißchen Fieber habe ich mitgenommen aus dem Theater, und scheußliche Träume, in denen der Bühnenaufbau von ichweißnichtwem verändert wird, immer wieder, vielleicht von mir selbst.

Warme Milch. Honig. Schlaf. Und früh das Wasser aus der Dusche, heißer als sonst, eine Weile wie einen Mantel aus Regen tragen. Bis zum Wochenende muß ich einsatzbereit sein, da habe ich wieder keinen Beruf.