Dienstag, 25. April 2017

M. erzählt von einer Klausur, unter die ein Student geschrieben hatte, er habe nicht erwartet, hier Lernstoff aus der Mittelstufe produzieren zu müssen; die wurde im Lehrstuhl herumgereicht.

Arme Jugend von heute. Stundenpläne bis ins letzte Semester. Lernziellisten. Und bevor sie ein Buch anfassen, fragen sie, ob das prüfungsrelevant sei. Das gab es bei uns auch schon, sagt M. Ja, in den Nebenfächern vielleicht, aber uns Hauptfachstudenten wäre der Eindruck, daß wir's so genau eigentlich nicht wissen wollen und nur lernen, um die Prüfung zu bestehen, unendlich peinlich gewesen. Oder? Da frage ich den richtigen; M. lernt, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, wofür das gut sein sollte.

V., in der sechsten Klasse, ärgert sich: Man zeige ihnen jede Menge Stoff; aber zum Einüben sei gar keine Zeit, immer gehe es gleich weiter zum nächsten Thema. V. läßt sich deswegen daheim Übungsaufgaben geben (V.s Mutter unterrichtet Mathematik, der Opa Latein, da wird das noch eine Weile gehen); aber was wird aus Schülern, denen keiner antworten kann? Denen es reicht, wenn sie von der Sache mal gehört haben?

M., sage ich, du bist ein Dinosaurier. Ich weiß, knirscht er. Dann rezitiert er ein Gedicht, das ich längst wieder vergessen habe, und wir sprechen von erfreulicheren Dingen.





Samstag, 22. April 2017

Die Tür zur Schalterhalle der Bank ist viel zu schwer, und wie sich der fragile alte Herr dagegenstemmt, sieht aus wie eine Übung in Vergeblichkeit. Eine jüngere Frau kommt hinzu und drückt von hinten mit einer Hand gegen das Türblatt. Der alte Herr scheint kurz überrascht, wie leicht das plötzlich geht; dann dreht er sich um mit hochgezogenen Brauen und Ach-so-Blick. Die Frau lächelt freundlich und sagt das einzige, was jetzt die Welt wieder ins Lot bringen kann; sie lächelt und sagt: Dankeschön, bevor sie hinter ihm durch die Tür tritt.





Sonntag, 16. April 2017

Mitten in der Nacht weckt mich ein Glockenton, tief und tragend, und gleich fallen andere ein: die Kirchen der Stadt erheben ihre bronzenen Stimmen. Martinus, Beatrix und Lioba, Heiliggeist, Elisabeth, Albertus und Dreifaltigkeit, Alexander, Prosper und Franz Xaver, Judas Thaddäus, Willigis und Bonifaz, Magdalene, Quintin und immer wieder: Maria, Maria, Maria, und das Lumpenglöckchen läutet den Diskant dazu.

Jubel füllt die Dunkelheit, Christ ist erstanden, das Fasten vorbei; ich drehe mich um und schlafe zu freundlichen Träumen wieder ein.

Es ist schon hell, da werde ich von hohen Stimmen wach. Lachen, Rufe, Geschrei, dazwischen mahnende Worte Erwachsener: Leon! Mia! Amy-Sofie, laß die anderen auch! Ostereiersuchen im Hinterhof.





Samstag, 15. April 2017

Das eigene Gewicht in Haferbrei, und draußen Regen.

Endlich, endlich fertig: das Erbstück, das Wahnsinnsprojekt. Jetzt ist es aus meinen Händen, sehr anständig ist es geworden, C. hätte es gefallen. Und es wird, wie's aussieht, noch zur rechten Zeit erscheinen. Einen Blumenstrauß habe ich dafür bekommen. Und ich besitze jetzt die Blaupause für Sammelbände nach Belieben; ich fürchte mich schon.

Jetzt: zwei Tage schlafen, bitte. Oh, und Rindfleischsalat, aus dem Zwerchfell; das wäre schön.





Mittwoch, 12. April 2017

Im Traum rammt Enoch zu Guttenberg den Taktstock in meinen Bauch und zwirbelt mir energisch die Eingeweide auf. Ich kenne den Mann gar nicht, aber er macht mir zum Schlaf den Schmerz plausibel.

Bei Tag schickt man mich ins Krankenhaus und ordnet, weil: "ist nichts" gibt's nicht, Untersuchung nach Untersuchung an.

Es ist etwas Seltsames mit der Zeit in Krankenhäusern. Alle, die hier arbeiten, hasten mit wehenden Kitteln auf raschen Gummisohlen, alle Insassen, ob krank oder man weiß es nicht, wie ich, sitzen und schlurfen auf den Gängen herum, grad so ohne festzuwachsen. "Gleich" ist hier ein dehnbarer Begriff. Die Frau Doktor kommt gleich, zwei Stunden später stürmt sie zur Tür herein; sagt: ich muß Ihren Befund holen, bin gleich zurück, und die Bäume unten an der Straße werden grün darüber.

Ich werde ("man könnte noch") für eine Untersuchung "schnell dazwischengeschoben" und schlurfe, meine Akte unterm Arm, treppauf, treppab durch die Gebäude; an der Anmeldung fragen sie, ob ich geflogen sei. Dann sitze ich noch knapp zwei Stunden in einem und ("gleich") eine halbe in einem anderen Wartezimmer. Die Untersuchung wird gemacht, aber der Spezialist zum Auswerten ist erst morgen wieder da.

So bleibe ich ("es könnte ja") auf Station. Hinter der Fensterscheibe färbt der Himmel sich und beschlägt mit Nacht, die Sterne sind einer nach dem anderen plötzlich da, ohne daß ich gesehen hätte, wie. Die Aussicht hier ist besser als daheim.

Das Essen nicht. Am nächsten Morgen, als (schon Stunden in den Tag) auch der Spezialist nichts finden konnte, will ich nach Hause. Man könnte noch, sagt die Ärztin, aber, danke, nein. Kommen Sie wieder, wenn noch etwas ist, und ich würde es wirklich tun.

Gegen Abend endlich bin ich wieder, wo die Zeit nicht klebt wie Leim. Aus den großen Boxen Clicks & Cuts, wie eine verklärte Erinnerung ans MRT.





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