Mittwoch, 19. Juli 2017

Kleine Geschichte für M.

Der Test für Frische, Straff- und Wohlgeformtheit: ob ein Bleistift, druntergeklemmt, hält oder nicht.

Hält: Durchgefallen.
Fällt runter: Bestanden.

(Ist genau der Quatsch, nach dem es klingt.)

 

Als ich vielleicht zwölf war, verdrehte sich das Mannsvolk im Dorf den Kopf nach Manuela: sechzehn, gerade eben und unerwartet erblüht zur ländlichen Sexbombe. Ihre Uhrglasfigur wußte sie mit weiten Röcken und engen Blusen zu betonen. Ging sie mit Absätzen und Wippehaar durchs Dorf, folgten ihr die Blicke, und man hörte, je nach Jahrgang und Geschlecht, Abfälliges oder Anerkennendes über Beine, Titten, Arsch.

Die Mädchen meines Jahrgangs plagte Neid, nur halb verstanden; heimlich übten sie Lidstrich und probierten die BHs, die sie zuhause fanden. Doch was half's, wenn denen doch die Füllung fehlte: Manuelas Brüste, denen der Ausdruck Atombusen mühsam gerecht zu werden suchte, biblische Türme, ach, Möpse oder gar noch dickere Hunde, aufgeschürzt jeden Stoff straff spannend wie Beton.

Anschauen, anfassen, haben – nachts lagen sicher viele im Dorf wach und dachten an die Fülle von Manuelas Brüsten. Ich jedenfalls tat es. Irgendwann bald würde es auch bei mir so weit sein, und die Vorstellung, nie wieder auf dem Bauch schlafen zu können, quälte mich. Oder meine Füße nur zu sehen, wenn ich mich vornüberbeugte. Und immerzu beäugt zu werden. Ich zog die Bettdecke ganz fest, klemmte sie mit den Armen ein und betete inbrünstig, daß der liebe Gott mich verschonen möge – bitte, bitte nicht wie Manuela.

 

– Trägst du etwa gar keinen BH?
– Na, wofür denn?





Montag, 17. Juli 2017

H. und A. besuche ich nur alle paar Jahre. Diesmal ist alles anders: Kind 3 ist da, und endlich, endlich haben sie ein Haus gefunden.

H. führt mich durchs Erdgeschoß, als könne er es selbst noch gar nicht fassen. Räume, mit Flügeltüren verbunden; ein Kamin (qualmt leider); Eichenstabparkett, im großen Zimmer das makellose, im kleinen das Holz mit den Astlöchern; ein Wintergarten, in den es reinregnet, eine kühle Küche mit Holzofen. Überall stehen Möbel, als seien sie auf Durchreise. Bücher und Akten wachsen neben den Regalen die Wände hoch. Auf, hinter, unter allem Kinderspielzeug, an der Wohnzimmerdecke vor der Terrassentür eine Schaukel. Es ist wunderschön.

A. steht im Garten, den Jüngsten auf dem Arm, und spielt Fußball mit der Vierjährigen. Der Elfmeterpunkt ist kahl und steinhart. A. ist so gelassen, wie ich wenige Mütter kenne, ihre Fragen so präzise wie eh und je. Was ich denn zu meiner Freude tue? Ich könnte was vom Schreiben sagen, aber. Also sage ich nichts.

Später macht H. ein Feuer auf der Terrasse. Er lebt in einer Stadt, in der zwei Akademikergehälter nur mit Glück reichen für ein Dach überm Kopf und seine Studenten schicker sind als er; sogar die Obdachlosen hier, sagt er, seien aus dem Katalog. Aber als er im Qualm steht und mit Feuerschale und Holzscheiten hantiert, wirkt er ganz und gar zufrieden.

Projekte hat er, aller Art. Ein Buch schreiben, eine Wand rausbrechen, ein Dach erneuern. Drei Kinder großziehen im immer wilderen Garten. Ich wünsche ihm und den Seinen, daß das Glück gern wohnen bleibt im Haus am See.





Donnerstag, 13. Juli 2017

Luft und Himmel sind klargespült vom Nachtregen; die Platanen recken sich vor Sehnsucht nach den Wolken. Diesen Sommer gibt es eine Sopranistin im Viertel und einen neuen Vogel; beide singen oft in den Nachmittagsstunden. Die Sängerin wird immer besser.

Ehe für alle, knurrt T., dann muß ich jetzt auch, oder was? Ich erzähle ihm die Geschichte von dem Paar, das nach zwölf Jahren groß heiratete und keine sechs Monate später geschieden und zerstritten war. In Hundejahren, sagt T., ist das gar nicht mal so kurz. Seinen Bekannten habe die Braut gleich in der Hochzeitsnacht verlassen, mit einem Trauzeugen. Ob man sich von so was je erholt?

Auch über die G20-Krawalle reden wir; so nah war Hamburg nie. Und Amerika. Und all die Orte auf der Welt, an denen Unrecht geschieht. Danke, Internet.

Ich denke an M., der klagt, daß diese Nähe krank macht. Die und der Anspruch, auf dem Laufenden zu bleiben. Ein geborener Archivar, schreibt M., muß in den unendlichen Speichermöglichkeiten untergehen.

Aber das Netz umfaßt sein Leben, wie es meines umfaßt. So weit, den Stecker zu ziehen, ist er nicht: was wir hier haben, sei die möglichste aller weltlichen Bestien.

Man müßte sich freimachen von all dem, was man muß. Draußen wartet dieses Bild von einem Sommertag; man braucht nur ein Stück vor die Tür zu gehen ...





Samstag, 8. Juli 2017

Die Heimwege sind das Schönste. Natürlich ist die Landschaft auch auf dem Hinweg schön, aber auf der Heimreise gehört sie schon fast wieder mir, kann ich sie mit noch fremdem Blick auslegen wie eine Karte und mich auf sie, nicht mehr nur an ihr freuen.





Dienstag, 4. Juli 2017

Der Biobauer hat den Zorn. Er hält Milchvieh, mitten im Dorf, und bei ihm kaufe ich Butter, die nach den Jahreszeiten schmeckt. Aber diese Butter ist die letzte, denn das Vieh muß er aufgeben; er kann die Auflagen nicht mehr erfüllen.

Auflagen, immer neue. Sonst werden ihm die Subventionen gestrichen. Weniger Geld würde er ja in Kauf nehmen – aber für ihn geht es um die Existenz, es geht nicht mehr ohne die Zuschüsse. Das allein ist ihm bitter. Und dann noch solche Geschichten:

Eine schöne Streuobstwiese habe er mit hundert Jahre alten Apfelbäumen, die hätten sie ihm nachgezählt: zwei Bäume zuviel für die Fläche, zack: Intensivobstbau, zack: Zuwendungen gestrichen. Oder der Wildpflanzenstreifen am Bach, den er stehen gelassen hat für die Insekten und Vögel: nicht gemulchte Fläche, zack, Geld gekürzt. Nun müßte er eine Umweltsünde begehen, Brutstätten niedermachen, um Geld zu bekommen, als Biobetrieb. Da sitzen weder Bauern noch Ökologen in den Behörden, sondern Kaufleute. Er redet von seiner Existenz, von Umwelt, von Tradition. Sie reden von Zahlen.

Neulich war er auf einem Dorffest, schöne Reden gab es über den traditionsreichen Agrarstandort und darüber, daß Familienbetriebe besonders gefördert werden müßten, da traf er die zuständige Politikerin am Grill und fragte sie, was er denn machen sollte. Er müsse sich ordentlich informieren, es gebe da Beratungsangebote, kam die Antwort, luftig und sehr von oben herab, und beim Erzählen noch ballt er die Fäuste.

Nun also kein Milchvieh mehr; das ist das erste. Die Kinder hätten sich für andere Berufe entschieden, sagt er, Landwirt der soundsovielten Generation und Biobauer der ersten Stunde, und, ganz ehrlich, er sei heilfroh darum.





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