Freitag, 22. September 2017

Aus seinem Dachfenster habe er eine Eule gefilmt, schwarz vorm Nachthimmel auf dem Nachbardach, im Zwiegespräch mit einer zweiten, mitten in der Stadt!, dann jedoch, immerhin von dem Schuhuh aus dem Schlaf gerissen, die Aufnahme im Tran gelöscht.

Ich hingegen muß einen Teil der Kartoffeln wegwerfen, sie sind angekohlt. Habe ich nicht gesehen, entschuldige ich mich bei T., die Glühbirne im Herd ist kaputt.

Früher wurde im Dorf die Straßenbeleuchtung ausgemacht, von elf bis vier. Mit dem Rad heimfahren war riskant, aber man konnte um Mitternacht im Garten sitzen und die Sterne sehen.

Die Nacht, was die Stadt von ihr übrig läßt, reicht jetzt wieder genau über den halben Tag.





Donnerstag, 21. September 2017

Wie arg eng die äußere Welt geworden ist. Dafür fallen die inneren Grenzen; die endlose Flut von Informationen und Betroffenheiten verlangt neue Disziplin. Ein globales Hast du schon gehört? Das muß dich doch aufregen? Da kannst du doch nicht untätig zusehn? Und dann? Abwarten, Abgrenzen, Einordnen, Sichheraushalten. Abschalten, gelegentlich. Das Urteil der Dickfelligkeit, ja, Borniertheit aushalten.

Zwei wunderschöne Texte dazu, schon etwas älter, einer reflektierend, einer Reflex.

Wohlstand für alle. Familien respektieren. Stärke Durchgreifen Sicherheit. Leistung. Bedenken second. Die Plakate werden immer dünner. Wir leben längst auf Pump, Was ist eigentlich nötig?, und: Wir werden teilen müssen, das ist nicht populär, das schreibt keiner, und schon gar nicht die mit dem C. Zwei Samstage pro Woche, das wäre immerhin wirklich mal was anderes.

Von den letzten Wanderungen mit leeren Taschen heimgekehrt. War klar, die ganzen Walnußbäume erfroren im frühen Sommer; aber trotzdem.





Sonntag, 10. September 2017

Es flogen Gänse über die Stadt, ihre Schreie am Himmel ein rostiges Geklirr; noch kein großer Zug, im Wolkengrau waren sie nicht auszumachen. Wie ich standen viele andere an ihren Fenstern und schauten und schauten, da entdeckte ich unten, mitten auf der Straße, Herrn E., strichschmal und ein bißchen struppig in zu weitem Anzug, genau so, wie ich ihn von den Straßen meines Heimatstädtchens kannte vor dreißig, vierzig Jahren. Auch er hatte das Gesicht nach oben gewandt. Als er mich sah, hob er freundlich eine Hand.

Dann war der Spuk vorüber, die Stadt atmete aus und ging weiter ihren Geschäften nach.





Samstag, 9. September 2017

Versuch, im Fieberschädel aufzuräumen. Die Träume sind längst versickert, natürlich, aber da waren noch Sachen zu tun.

Wiederentflammte Begeisterung: die deutsche Romantik; ihr abseitigerer Zweig. Wunsch, mit Licht und Wolldecken ausgestattet in einer Bibliothek eingeschlossen zu werden; zugleich (theoretische) Verzweiflung, weil ich mir ja doch nicht alles merken könnte.

Und, ach, der dritte Teil vom Kater Murr!

M., dessen Karte mit Besserung mich so gefreut hat, vermisse ich retrograd als Kindheitsfreund.

Immer fehlt eine Vokabel, ein besseres Wort; nie ist eine Decke lang genug, und Tee: erst zu heiß, dann kalt.

Merke: Wenn mir was fehlt, bleibe man mir tunlichst fern.





Dienstag, 5. September 2017

Reisender, willst du nach Süden, so bringt dich die Bahn bis Rastatt. In der Gegend hat sie leider ihre Gleise verloren; drum herrscht, bis Baden-Baden, Schienenersatzverkehr.

Eine Stunde mehr, Reisender, plane ein. Der Zug hält in Rastatt, wo er sonst nicht gehalten hätte; wie auch, er paßt ja kaum in dieses Bahnhöfchen. Und dann entfaltet sich das Schauspiel, wie zwei Ladungen Zugpassagiere am viel zu engen Bahnsteig gleichzeitig aus- und einsteigen wollen. Man drängt sich, man hat Streß, man fährt sich gegenseitig mit Rollkoffern über die Füße, aber irgendwie geht es: eine Woge Menschen ergießt sich auf den Bahnhofsvorplatz und strömt in Richtung der wartenden Busse.

Dort stehen Leute in Warnwesten und dirigieren: Busse in Lücken, Menschen mit Handgepäck in Reise-, Menschen mit Kinderwagen in Niederflurbusse. Es gibt viel zu regeln: Wir haben eine Haltestelle bekommen, sagt ein Warnwestenmann, die müssen wir dreifach belegen, sonst kommen wir nicht nach. Auch das klappt, wunderbarerweise: Alle Menschen mit allem Gepäck werden weitertransportiert.

In den Fahrzeugen ist es eng und gemütlich. Vor allem in den Kurven kommt man leicht ins Gespräch. Neinnein, nichts passiert. Waren Sie wandern? Schöne Gegend hier, doch. Festhalten ... Oh, schon da? Das ging schnell.

In Baden-Baden dann das umgekehrte Spiel: raus aus den Bussen; die besonders Eiligen sind sich selbst die Nächsten, die anderen grinsen einander zu in Komplizenschaft. Es wird kaum geschimpft; es gibt wenig Grund zu schimpfen. Rein in den Zug, und weiter geht's. Na, Reisender? War doch gar nicht so tragisch.

Ich habe das ja immer gern, wenn's außergewöhnlich zugeht.





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