Sonntag, 17. Januar 2021

Als kleines Kind faszinierte es mich. Die Männer im Dorf, denen immer eine Kippe auf der Unterlippe klebte. Die Ladenbesitzerin, deren Zeige- und Mittelfinger unabwaschbar gelb waren. Qualm, der im Gasthaus an die graue Decke stieg; glühende Punkte im Weinzelt bei der Kerb. Rauchen war gleich Erwachsensein.

Mein Vater erzählte vom Hungern in der Kriegsgefangenschaft, wie sie sich gegenseitig den Appetit verdarben, um selbst mehr zu bekommen. Das, oder Essen gegen Zigaretten tauschten, die so gut waren wie Geld. – Warum? – Alle wollten Zigaretten haben, alle rauchten. – Du etwa auch?? – Ja natürlich, ich auch. – Und warum rauchst du jetzt nicht mehr? – Das ist ungesund. Dein Opa ist dran gestorben. – Und warum wollen dann alle rauchen? – Wollen? Die wollen ja nicht, die müssen!

Die müssen!, das ist mir im Ohr geblieben und hat mich fürs Leben gegens Rauchen gefeit. Später habe ich gedacht, daß vielleicht genau das meinen Vater zum Entzug gebracht hat nach dem Krieg: daß er es leid war, abhängig zu sein. Um im Tauschhandel das begehrte Gut nicht zu brauchen, sondern darüber zu verfügen.





Samstag, 16. Januar 2021

Naßkalt und windig. Die Nacht wie Mühlsteine. Ob es der Schnee bis hierher schafft?

Immerhin: Die Tage werden länger.





Freitag, 1. Januar 2021

Möge es besser werden!

Statt zwei Stunden Mörser zu Mitternacht gab es stündlich zwei versprengte Böller; zum Schlafen war das nix, aber relativ eine stille Nacht.

Letztes Bild aus dem alten Jahr: Fünf vielleicht Dreijährige, deren Mütter sich auf dem Marktplatz unterhalten (auf Abstand und maskiert), bestaunen den Stadtwerker, der die Tonnen in den brüllenden Müllwagen leert, Mordsgerüttel mit nichts als einem lässigen Hebeldruck, Fluppe im Mundwinkel. Und während die Mütter sich darüber austauschen, was sie Silvester machen (und was nicht), kann man zuschauen, wie in fünf jungen Hirnen der Plan keimt: Müllmann werden; rauchen, nur noch Orange tragen. Wenn nicht nächstes, dann übernächstes Jahr.

Liebe Menschen, die Sie hier vorbeischauen: haben Sie's gut! So gut es nur geht. Und finden Sie Freuden, gerne ungeahnte, unbekannte, unverhoffte. Danke fürs Hiersein.





Freitag, 25. Dezember 2020

Hatte sein Schlimmes. Hatte aber auch sein Gutes: den ersten Dezember, in dem ich daheim bleiben darf und meine Ruhe habe.

Was wird: weiß man nicht; das ist verschieden schlimm. Etwa daß S, die Apokalyptische, sich angesteckt hat bei einem Kollegen. Dessen Schnelltest war negativ gewesen, da hat sie ihn im Auto mit ins nächste Dorf genommen. Hätte sie wissen müssen, sagt sie; nun kann man nur Daumen drücken.

Wie für U und seinen Laden; für D und J, zwischen denen schon einmal die Grenze geschlossen wurde; für T und alle Künstler; für M und die Traurigen; für die Alten; für die Schulkinder. Für alle, denen Sicherheit und Wärme fehlen.

Ich wünsche uns allen (und einigen im besonderen) Phantasie. Und, ja, doch, Liebe.





Donnerstag, 26. November 2020

Neuerdings grüßt mich der Nachbar mit den blauen Augen und dem stahlgrauen Haar. Jahrelang hat er an mir vorbei oder durch mich hindurchgeschaut, wie der sehr, sehr alte Herr G, Frau K aus meinem Haus, ihre Freundin und die anderen, mit denen er unter einem Fenster oder in einem Hauseingang tratschte. Es gab eine richtige Nachbarschaft in der Straße, als ich herzog; die Post klingelte nie vergebens, kein Auto wurde unbemerkt zerkratzt, und man wußte, wer nachts lärmend heimgekommen war.

Aber die Zeit, die Zeit: Nach zwei neuen Hüften kam Frau K ins Heim; ihre Freundin hörte irgendwann auf, sich die Haare zu färben, manchmal steht sie mit Rollator an der Gehsteigkante und weiß nicht weiter. Daß einer gestorben war, erfuhr ich gelegentlich beim Bäcker (so jung! noch neddemol achzisch!); oder ich sah die Autos des Bestatters, der Entrümpler, der Handwerksbtriebe und irgendwann die Möbelwagen neuer Mieter. Die Gegend verändert sich, die Bewohner werden jünger, lauter und bleiben nicht mehr lang.

Und jetzt grüßt der Blauäugige mich. Vielleicht bin ich reingealtert in die Gegend; nach zwölf Jahren zählt man hier wohl langsam doch zum Inventar.





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