Freitag, 20. April 2018

Erinnerst du dich, fragt S beim Kaffee, an unsere alte Musiklehrerin? Natürlich erinnere ich mich. Frau F wollte mal Karriere als Konzertpianistin machen; aber ein Unfall, eine Verletzung der Hände – so wurde sie Lehrerin. Sie trug die Haare in einem roten Nest und hatte ein schönes, markantes Profil. Die Schüler lachten über sie. Eigentlich kam sie wohl nur in die Schule, um den Flügel zu benutzen; in ihren Freistunden füllte sie den gesamten Bau mit Musik.

Die ist jetzt auch im Heim, sagt S. Sie habe sie an das Klavier im Aufenthaltsraum gesetzt, um ihr eine Freude zu machen, aber Frau F habe vergessen, wie man spielt. Alles habe sie vergessen, vielleicht sogar die Musik ganz und gar.

So viele Demente, fährt S fort und nimmt sich Milch. Die Leute bleiben immer länger körperlich gesund, jaha, noch stimmt das; aber die Zähen, die, die Verzichten und Durchkommen gelernt haben, die sterben jetzt allmählich weg. Die Späteren, da ist S sicher, die können nichts mehr ab. Lauter Verweichlichte, die beim ersten Hindernis die Segel streichen. Bald hat sich das mit dem Immer-Älter-Werden, prophezeit S.

(T nennt sie "die Apokalyptische", wenn sie nicht da ist.)





Donnerstag, 19. April 2018

Es war einmal ein Zivi, der pflegte eine alte Frau, die war taub und blind und in jedem wachen Moment überzeugt davon, sie sei in der Hölle. Egal ob er sie fütterte, streichelte, zudeckte, sie verfluchte ihn, er sei ein Teufel und solle sie nicht länger quälen ... Das ist die schlimmste Geschichte, die ich kenne; aber selbst die kann T nicht aufheitern im Moment.

Als er sich am Ende vom Kaffee umschaut, meint er, er könne wahrhaftig an diesem Platz, Sonne, Blick übers Wasser, Miniaturblätter an den Platanen, nichts auszusetzen finden; das ist was, immerhin.

    Und du, was machst du gerade so?
    Ach, was schön Warmes für den Winter.





Mittwoch, 18. April 2018

Die Industriestadt blüht. Schöner wird's nicht. Was die letzten Stürme an Bäumen stehen gelassen haben, bekommt frische Blätter; ich bestaune jedes einzelne. Die Bergarbeiterhäuschen, alter Backstein, weiße Fensterrahmen, sehen zwischen Kirschen aus wie schwedisches Idyll. Stoisch räumt ein Stadtarbeiter Müll aus den Büschen, in denen Vögel ihr Revier besingen.

Eine Frau gibt es in der Firma, erzählt man mir, die trägt jeden Tag andere Schuhe, immer aber hochhackige, mit denen sie durch Treppenhäuser und Gänge klackert. Das gönne man ihr ja, und es sei auch wirklich ganz egal, was Leute so anzögen, wär's bloß nicht so'n verdammter Radau.

Gern sehe ich die brutalistische Kirche mit integriertem Gemeindezentrum; wie eine Reihe geschliffener Betonsplitter steckt sie in der Stadtlandschaft. Heute weht aus einer ihrer Fensterhöhlungen ein grellrotes Kleid.

Durchsage: Wir möchten Sie auf unseren gastronomischen Service aufmerksam machen. Aufgrund technischer Schwierigkeiten hat unser Bordbistro momentan nichts zu essen und nichts zu trinken. Der ganze Zug lacht.

Die Strecke liegt zwischen Kirschen und Weißdorn, man möchte die Notbremse ziehen und ein wenig hinaus.





Donnerstag, 12. April 2018

Häkeln besteht aus Schaf, Dranbleiben und Zählen.

Es wäre einfacher, wenn ich zählen könnte. Das heißt, ein entfernter Teil meines Hirns tut nichts anderes; das ist ganz schön, so kann ich meinen Gedanken nachhängen, während sich irgendwo in meinem Kopf die Maschen addieren. Aber wehe, ich will das Ergebnis wissen. Mein Hirn hat den Off-by-one-wenn's-drauf-ankommt-Fehler erfunden.

Hirn: … 43, 44, 45, 46, 47, 48!
Ich: Stimmt das auch?
Hirn: Och. Zähl besser noch mal nach.

Hirn: … 12, 13, 14, 15, …
Ich: Gut, gut machst du das!
Hirn: … 18, 19, 20, 21, …
Ich: Vielleicht wär's einfacher, immer nur bis zehn zu zählen und dann die Zehner zu addieren?
Hirn: … 25, 26, 27, …
Ich: Dann käme jetzt gleich 8, 9, 30?
Hirn: Wenn ich hier nicht in Ruhe arbeiten darf, mach deinen Mist alleine!

Hirn: … 64, 65, 66, 77, 78, …
Ich: He!
Hirn: Haha, nur Spaß, nur Spaß! … Ähm. Wo waren wir –?

Irgendwie werden die Sachen dann trotzdem was. Geduld habe ich, und improvisieren konnte ich schon immer.

 

  Sag mal, wie oft hast du das noch mal aufgemacht?
  Oh, keine Ahnung, wirklich. Habe nicht mitgezählt.





Freitag, 6. April 2018

M und ich teilen eine Marotte: nach dem Essen alles möglichst bald wieder aufzuräumen. Zuschrauben, zusammenstellen, stapeln, einwickeln, wegtuppern. Besondere Zufriedenheit schaffen möglichst passende Behältnisse oder mehrere Dinge, die sich in eines fügen. Gemütlich ist für uns, was bei anderen ungemütlich heißt.

T und ich ernten wieder Blicke, als er den Cafétisch freiräumt (also, das ist jetzt oval) und mir mithilfe von Zuckerstreuer, Löffeln, Väschen, Krims und Krams Pitch und Wicker, Infield, Outfield, Boundary, Bowler, Batsmen und Keeper erklärt. Er liebt an diesem Sport vor allem die Berichterstattung und die Skandale; ich, daß in Weiß und mit Pullunder gespielt wird nach Regeln und Maßen, die ich mir niemals werde merken können.

M, sage ich, kennst du bestimmt den Drang, wenn man das Füllgut aus einer Tüte genommen hat, die Tüte möglichst knapp wieder zuzumachen und passend abzuschneiden? – Was?? Nein. Wirklich, du bist schlimmer als ich.





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