Freitag, 23. Oktober 2026

In der kleinen Stadt fallen die Temperaturen, die Blätter, das Mütterlein auf dem Gehsteig. Die Sanitäter sind sehr nett.

Auf dem Weg in die Notaufnahme, zu Fuß der Rettung hinterher, beschenkt mich die Stadt mit Nüssen, taschenweise, und einer hübschen Glaskugel. Ist dann auch alles nicht so schlimm, sechs Wochen stillegen sollen reichen.

Nun sitzt sie zwischen Bügelwäsche und Fotos, die sie noch sortieren will.

Ich muß drei Geschichten schreiben, eine davon für öffentlich, eine vielleicht, eine für zwei Menschen. Kleidung flicken. Wege gehen. Alles vor dem Winter.





Dienstag, 6. Oktober 2026

Neuerdings meldet sich das Mütterlein am Telefon mit "Hallihallo", keiner weiß, wo sie das her hat.

Für die wöchentliche Tour brauchen wir jede Woche zweidrei Minütchen länger. Es wird Winter, scheint's. Sie trägt den Schal, den ihre Mutter ihrem Bruder gestrickt hat vor einem halben Jahrhundert, damit er auf dem Rad nicht friert.

In ihren Träumen stehen Leute neben ihr, sagt sie. Bruder, Schwester, Mutter. Auch Lebende? Nein, Lebende nie. Aber es ist nicht schlimm, es sind ja alles liebe Menschen.

Alles an ihr verliert an Sicherheit, wird krakelig, durchsichtig, füllt die Kontur nicht mehr.

Im Januar, sagt sie, will sie auf Ps Hochzeit nach Hamburg. Was sie tragen wird, weiß sie noch nicht; Hauptsache Pailletten. Hallihallo.





Donnerstag, 1. Oktober 2026

Nach "Vaterland" von Pawlikowski fühlt man sich, als habe man ein Buch beiseitegelegt, aufgeschlagen an einer Stelle, die man nochmal lesen will.

Beim anschließenden Bier frage ich T, ob er nicht mal mit will in die kleine Stadt, die wir beide aus mehr oder minder guten Gründen verlassen haben? Expedition, Bestandsaufnahme, Rabattenkritik? Das Grausen in seinem Gesicht ist echt; ich muß trotzdem lachen. Also wohl nicht.

Tags drauf begegnet mir in der kleinen Stadt ein Mann, der mir vage bekannt erscheint. Die Leute von damals sind ja jetzt auch alle alt. Freund oder Feind? Müßte ich ihn grüßen? Guckt er nur so, weil ich so gucke?

Eine Straße weiter einer, den ich sogar von hinten erkenne; aber rennen und rufen? Aus dem Alter bin ich raus.

Ich glaube langsam, T hat recht.





Samstag, 19. September 2026

Ihre Rosensträuße waren mühelos abgeknipst, zusammengeklaubt und gebunden mit irgendwelchen Bändchen, Knospen und Verblühtes im Gleichgewicht, voller Dornen, und sie waren die schönsten, die ich kannte.

Es muß schnell gegangen sein. Wahrscheinlich hat sie selbst es gar nicht mitbekommen. Vielleicht hat sie "hopsassa!" gesagt, wie stets, wenn ihr etwas fiel oder zerbrach.

Sie war allein; ihr Liebster ist schon vor zehn Jahren gegangen. Ich hoffe, er hat ihr die Hand gereicht und sie in Empfang genommen.





Freitag, 18. September 2026

Neulich wollte ich zum Zug, aber im Bahnhof, spitz und dringlich über dem Reiselärm, stoppten mich Amselrufe. Es dauerte eine Weile, bis ich das Tier geortet hatte: mehrere Meter in der Höhe hockte es am Rand des geschlossenen Oberlichts. Ich ging zur Information, erkärte, zeigte dem Uniformierten die kleine Amsel, bis er versicherte, man werde sich kümmern, das lasse sich bestimmt öffnen, notfalls die Feuerwehr. Danach rannte ich zum Gleis durch all die Leute, die Koffer zogen, Brötchen aßen, Bildschirme lasen und den Vogelalarm komplett überhören konnten. Man nimmt nur wahr, was man weiß.

Flächige Versiegelung; die Spatzen, die die Stadt nicht mehr hat; Gärten als abwaschbare Wohnzimmer unter freiem Himmel. Aber welche Feuerwehr käme da?





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