Montag, 22. Januar 2018

T. erzählt von früher. Von der Bäurin, die sich in dreißig Zentimeter Bach ertränkte; von dem Selbstmörder, den er bei einer Nachtfahrt im Straßengraben fand (ein Stückchen weiter lag der Motorblock auf der Fahrbahn) und von dem Besoffenen, den Freunde nach einer Party vor der Haustür abgeladen hatten, der aber gar nicht schlief, sondern tot war, Schädelbruch. Geschichten vom Lande.

Sein Großvater, sagt T., habe immer die Tageszeitung beiseite gelegt mit den Worten: Jo, jo. Mer meent alls, es kennt nimmeh lang daure.





Sonntag, 21. Januar 2018

Ärgerliche Tage in der ärgerlichen Stadt; aber man kann sich's nicht aussuchen. Ein Schönes gab es dann doch für mich: die Fenster zwischen den U-Bahn-Waggons, quadratisch mit gerundeten Ecken, und wie sie sich gegeneinander verschieben in den Kurven; meins wackelt immer eine Winzigkeit früher als das dahinter. Fern hinter zweifach Glas das Innere des nächsten Wagens, wie ein Aquarium oder wie die Szene eines Films. Die Akteure führen Pappbecher zum Mund, unterhalten sich ohne Ton und sind ganz mit sich und ihren Telefonen beschäftigt; bloß ein Kleinkind am unteren Rand der Scheibe guckt zurück.

Auf der Heimfahrt: draußen Schneewälder, innerlich Aufatmen.

Im letzten Regionalzug, da ist die Landschaft schon wieder matschig wie üblich, stempelt die Kontrolleurin meine Rückfahrkarte ab und sagt: Willkommen zuhause!





Samstag, 6. Januar 2018

Gegen Abend Sängerwettstreit zweier Amseln in der Stadt, über den Lärm der Straße hinweg.





Auf dem Acker, in der lehmigen Achselhöhle einer Weggabelung, hat sich ein Schlechtwettersee gebildet, über den könnte man selbst mit Anlauf nicht springen. Er muß das Wintergetreide überrascht haben; das ist darin ertrunken und hat nun die Blattunterseiten gegen die Unterseite der Wasserfläche gelegt, alle wie in einer Strömung Richtung Wald.

Heute jagen die Wolken, und dahinter ist der Himmel klar; der Pfütze Grund genug, ihn blau zu spiegeln.





Donnerstag, 4. Januar 2018

J. ist Fachmann für seltsame Blickwinkel, und wenn man das mit schrägem Vogel meinen würde, wäre es ein Wort für ihn: sich den gewöhnlichen Dingen aus ungewöhnlichen Richtungen nähern und dabei akrobatische Manöver fliegen. Bei D. hingegen muß ich an eine Quelle denken, unaufhaltsam, ohne daß man ihre Kraft als Gewalt zu spüren bekäme; erfaßt alles, reagiert auf alles, was zu ihr kommt, zieht aus tiefen Schichten, gibt.

Bei J. und D. lassen sich Paar- und Künstlersein so genau nicht trennen. (Ihr Gespräch hat etwas unendlich Vertrautes, gesteigert dadurch, daß jedes in seiner Mundart spricht und gelegentlich Worte des anderen ausprobiert wie kleines Salzgebäck.)

Zwischen beiden geht es hin und her: geschehene und erfundene Geschichten, Theorien, Ideen und Assoziationen; das mäandert fort und fort, und neben dem zurückgelegten Weg entsteht eine funkelnde Spur aus Bestauntem, Fotografiertem, Erzähltem. Sie fügen der Welt hinzu, jedes für sich und gemeinsam, mehr als die Summe.

Kunst nicht als Gemachtes, Kunst als Gelebtes. Oder vielleicht noch etwas über Kunst hinaus.





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