Samstag, 27. Mai 2017

Zwei oder mehr Hiesige, da gedeiht er schon: haste das gehört? Wer was und mit wem, das Wann nicht so entscheidend, denn auch der Großvater vom Helmut damals, genau das gleiche Spiel. Das Dorf weiß alles und vergißt nichts.

Wichtig die Verortung: zu jeder Geschichte gehört die Scholle. Der Klaus, weißte, wennde am Bahnübergang links ab, und das Grundstück hinterm Gasthaus, das ist dem Bruder, der hat sich vor zehn Jahren totgesoffen, also, der Klaus. Die Ingrid, von der Schreinerei die Jüngste, die dann nach Ixthausen gegangen ist, wie der Bruder den Betrieb ... So zieht das Netz sich eng und enger.

Und was da alles nicht verstanden wird: wie kann man nur? Was haben die sich dabei gedacht? Wer wär aber auch darauf gekommen? Und die armen Kinder, und immer alles mit Moral. Dazwischen Altes: ja, die lebt auch schwer. Stehn der Tage zweie überre Erde.

Weltbewegend ist das alles nicht, was durchgehechelt wird; Tod und Teufel, Krankheit und Verworfenheit und dieser ungepflegte Rasen, wie beim Willi, und der hat damals den Verstand verloren nach dem Scheunenbrand, auch schon, ach, ewig her, da hat die Großmutter von Marthas Schwiegervater noch gelebt.

Das ist mehr als exakte Überlieferung, es ist der Kleber, mit dem, wer hier lebt, haften bleibt und Allianzen zementiert. Salz, Hefe, Kitt und Sprengstoff der Gemeinschaft.

Ich kann das nicht, nicht mal so tun als ob. Daß die anderen nicht verstummen, wenn ich mich an den Tisch setze, wundert mich.





Freitag, 26. Mai 2017

Laß mal gucken, sagt C., und dann fragt er, was meine Friseurin zu meinen weißen Haaren sagt. Und ob ich Drüberfärben immer ablehne? C., sage ich, nach all den Jahren passiert mal was Interessantes mit meinen Haaren, und dann: drüberfärben? Nee. Da bist du konsequent, sagt C.; er hadert ja eher mit seinen Silberschläfen. Dann reden wir von Augenbrauen und über die Haartracht von Tschechinnen, aber das ist einer der Witze, die kann man nicht mal sich selbst erklären am Tag danach.

Sommermorgen. Eine glänzende Spinne hängt mit übereinandergeschlagenen Beinchen von der Decke. Ich muß sie stören, wenn ich Kaffee möchte, und Kaffee möchte ich. Wie entschuldigt man sich bei einer Spinne?





Dienstag, 23. Mai 2017

So wenig Wege, daß ich bald keine Wurzeln mehr spüre. Nur Erinnerung.

Wie ich in einem weißdorngesäumten Waldstück einer Singdrossel nachpfiff, die fantastische Melodien sang, süß und voller Sprünge; wie ich dann versuchte, ihr was vorzupfeifen, aber sie verstummte plötzlich und flog davon. Vermutlich gehört mir jetzt ein Vogelrevier in den Hunsrückhöhen.

Das letzte Mal, als ich bei wolkenlosem Wetter nach oben schaute und alles voller winziger Schatten sah, leuchtend umsäumt, ein einziges Flimmern und Wimmeln, das bei jeder Augenbewegung mitzuckte. Mouches volantes: wenn blauer Himmel einfach nicht mehr so erfreut wie früher mal.





Freitag, 19. Mai 2017

Kein guter Morgen, wenn man geweckt wird von lautem Schlorchzen aus dem Bad, wo Fremdabwasser sich einen Weg aus der Toilette bahnt.

Schnell jetzt. Im Haus verbreiten: bitte nicht spülen. Den Haupthahn zudrehen, falls einer doch. Klempnernotruf: Firma Nummer drei hat genügend Leute, ja, wir kommen. Halbe Stunde.

Eine, na, noch eine, vielleicht drei halbe Stunden auf das Strömen in den Eingeweiden des Hauses lauschen und auf das Plitsch und Plätsch im Bad. Allerhand Textiles ruinieren. Müllsäcke füllen. T. schickt derweil mitfühlend einen Link zum Lied von Reinhard Mey.

Endlich die Klingel: grimmig stapfen zwei Mann in Rot ins Haus, ohne Umschweife ins Bad. Beide sind kahl und kleiner als ich; einer, echt jetzt, Italiener, der andere sehr von hier. Sie gehen direkt ans Werk.

Das sind die Leute, für die Gummihandschuhe erfunden wurden. Ihr flexibler Bohrer frißt sich durchs Leitungsgekröse, es klingt furchtbar, aber sie unterhalten sich über Fußball; da bin ich beruhigt.

Dauert gar nicht lang, und eine Kamera wird in die Tiefe geschickt. Schattenhaftes, Kurven, dann ein Schwall Wasser: hurra, es läuft, ich kann es auf dem Bildschirm sehen! Die Handwerker teilen meine Begeisterung; die Kamera erspare ihnen, Toiletten abzumontieren.

Schließlich ist vom ganzen Spuk nichts übrig als eine übelriechende Pfütze. Ich überlege kurz, Kaffee anzubieten, aber ich hätte bloß Schokoladenkuchen da.

Später, beim Kaffee mit T., habe ich eine Bäckertüte mit Weihnachtsplätzchenaufdruck und dem Slogan: Endlich Winter! Ein Unglück, meint T., kommt halt selten allein.





Donnerstag, 18. Mai 2017

Das Kind hat seine Lehrerin in Grammatik korrigiert. Nun mag das nötig gewesen sein, doch mangelte es hier an Zartgefühl und Diplomatie. Auf beiden Seiten: das Kind hat seither keine Freude mehr am Unterricht.

Ihm fehlt's an Ehrgeiz. Tut, was es muß, und übersteht den Rest; nach Schlafenszeit liest es sich in andere Welten.





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