Dienstag, 21. März 2017

Die beiden Chefs arbeiteten, so lange ich sie kenne, immer in einem Raum. Eigentlich hatten sie Pfarrer werden wollen, bis zum Vikariat hatten sie's schon geschafft, aber es kommt eben doch manchmal anders; nun leiten sie seit fünfundzwanzig Jahren gemeinsam ein Institut.

Komm rein, sagt U. und führt mich in sein neues Büro. Groß, hell, an den Wänden Fotos von Reisen und Familie, Pinwände, Wacken-Plakate und Motorradzubehör; sogar die Hotel-Schuhputzmaschine, die er zum Zehnjährigen von der Belegschaft bekommen hat, hat Platz gefunden. Aus den Rechnerlautsprechern schallt Heavy Metal. U. dreht leiser, bevor er an die Verbindungstür zu R.s Büro klopft.

Bei R. könnte man eine Stecknadel fallen hören. Die Jugendstilmöbel, Schrank und Schreibtisch und Bücherregal aus Familienbesitz, geben dem Raum trotz seiner Kargheit etwas Wohnliches; dem Fenster gegenüber hängt ein Pina-Bausch-Poster. R. faltet sich aus seinem Schreibtischstuhl und grinst; man sieht mir wohl meine Entgeisterung an. Wie hat das alles, frage ich, wie habt ihr jemals in ein Zimmer gepaßt?

Zum Abschied klopfe ich diesmal an zwei Türen, laut an die eine, an die andere leise.





Montag, 20. März 2017

Schon beim Warten am Gleis aufziehende Kopfschmerzen.

Aus dem Zug steigt ein Paar, eine alte Dame in Beige erzählt ihrem Begleiter eine wüste Geschichte, die irgendwas mit Strangulation zu tun haben muß; sie gestikuliert lebhaft, verdreht die Augen und lacht schallend dazu.

Im Großraumwagen dann eine Frau, so schön: Gesicht mit runden Wangen unter einem Schatten von Haar; ihre Haut ist an den Rändern knittrig wie sehr abgegriffenes weiches Leder und liegt zärtlich über dem Knochen. Wenn sie lächelt, vertiefen sich Sterne aus Falten um die Augenwinkel. Am Flughafen steigt sie aus, schwarzer Mantel, schwarzer Schirm, als wolle sie zu einer Beerdigung in einem traurigen Film.

Später dann telefoniert ein Weißbart lautstark auf Schwäbisch über Baumaschinen, gute und schlechte Nachbarn und Vorstandswahlen; es nimmt und nimmt kein Ende. Ich nicke ein. Kurz wach werde ich, als er sehr laut, sehr deutlich nachfragt: Der Staubsauger oder die Zugfahrt?!; grinsend schlafe ich wieder ein.

Als mein Bahnhof naht, ist es schon wieder Nacht; die Gesicher um mich sind von Bildschirmen erhellt. Asphalt glänzt, immerhin, im Frühlingsregen. Ich freue mich darauf, wieder für ein Weilchen an einem Ort zu sein.





Mittwoch, 15. März 2017

So viele lockende Geschichten, die ich lesen könnte, und die Geschichtchen, die nervös hüpfen, weil ich sie nicht notiere – aber ach, ich komme zu nichts.

Eins immerhin macht Freude: LaTeX ist wie Fahrradfahren; so ganz verlernt man's offenbar nicht.

(Die Amseln, wie verrückt, besingen unterdes den Abriß des letzten kleinen Hauses hier im Viertel.)





Mittwoch, 1. März 2017

Da habe ich mir eine Erkältung eingehandelt, mit tränender Nase und zusammengebissenen Zähnen und Herz aus Blei, ganz durch geht mir das Frieren, ich weiß eigentlich überhaupt nicht, wo ich meinen Schal verloren haben könnte und hoffe noch, daß ich mir das alles einbilde, aber es ist wohl, was es ist, es ist Aschermittwoch.





Freitag, 24. Februar 2017

Auf dem Markt fehlt der übliche Kaffeestand; T. und ich kaufen zwei Becher anderswo und stellen uns damit an unseren Stammplatz.
  Oh, der schmeckt ja richtig gut!, freue ich mich.
  Ich wollte, meint T., ihn nicht übermäßig loben, aber ich habe auch schon gedacht, viel schlechter als der andere ist dieser Kaffee nicht.
Er schaut auf, als ich lache. Jaja, das Erbteil.

Im Gespräch mit M. lerne ich über gute Geschichten und eigenwillige Erzählstimmen; daß es für mich eher die Stimme ist als die Geschichten, wußte ich ja. Und M., in dessen Texten sich irgendetwas auf mich reimt (nicht nur auf mich): er scheint es als Makel zu begreifen, daß die Hälfte der Qualität im Leser liegt und nicht im Geschriebenen. Ich verstehe Schriftsteller nicht, scheint's.

Nachts: fiebrige Träume, an den Tagen Frühling. Meine Ohren sind zu verstopft für Vogelgesang, hoffe ich. Daß die Amseln mein Viertel doch nicht ganz verlassen haben.





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