Dienstag, 6. Oktober 2026

Neuerdings meldet sich das Mütterlein am Telefon mit "Hallihallo", keiner weiß, wo sie das her hat.

Für die wöchentliche Tour brauchen wir jede Woche zweidrei Minütchen länger. Es wird Winter, scheint's. Sie trägt den Schal, den ihre Mutter ihrem Bruder gestrickt hat vor einem halben Jahrhundert, damit er auf dem Rad nicht friert.

In ihren Träumen stehen Leute neben ihr, sagt sie. Bruder, Schwester, Mutter. Auch Lebende? Nein, Lebende nie. Aber es ist nicht schlimm, es sind ja alles liebe Menschen.

Alles an ihr verliert an Sicherheit, wird krakelig, durchsichtig, füllt die Kontur nicht mehr.

Im Januar, sagt sie, will sie auf Ps Hochzeit nach Hamburg. Was sie tragen wird, weiß sie noch nicht; Hauptsache Pailletten. Hallihallo.





Donnerstag, 1. Oktober 2026

Nach "Vaterland" von Pawlikowski fühlt man sich, als habe man ein Buch beiseitegelegt, aufgeschlagen an einer Stelle, die man nochmal lesen will.

Beim anschließenden Bier frage ich T, ob er nicht mal mit will in die kleine Stadt, die wir beide aus mehr oder minder guten Gründen verlassen haben? Expedition, Bestandsaufnahme, Rabattenkritik? Das Grausen in seinem Gesicht ist echt; ich muß trotzdem lachen. Also wohl nicht.

Tags drauf begegnet mir in der kleinen Stadt ein Mann, der mir vage bekannt erscheint. Die Leute von damals sind ja jetzt auch alle alt. Freund oder Feind? Müßte ich ihn grüßen? Guckt er nur so, weil ich so gucke?

Eine Straße weiter einer, den ich sogar von hinten erkenne; aber rennen und rufen? Aus dem Alter bin ich raus.

Ich glaube langsam, T hat recht.





Samstag, 19. September 2026

Ihre Rosensträuße waren mühelos abgeknipst, zusammengeklaubt und gebunden mit irgendwelchen Bändchen, Knospen und Verblühtes im Gleichgewicht, voller Dornen, und sie waren die schönsten, die ich kannte.

Es muß schnell gegangen sein. Wahrscheinlich hat sie selbst es gar nicht mitbekommen. Vielleicht hat sie "hopsassa!" gesagt, wie stets, wenn ihr etwas fiel oder zerbrach.

Sie war allein; ihr Liebster ist schon vor zehn Jahren gegangen. Ich hoffe, er hat ihr die Hand gereicht und sie in Empfang genommen.





Freitag, 18. September 2026

Neulich wollte ich zum Zug, aber im Bahnhof, spitz und dringlich über dem Reiselärm, stoppten mich Amselrufe. Es dauerte eine Weile, bis ich das Tier geortet hatte: mehrere Meter in der Höhe hockte es am Rand des geschlossenen Oberlichts. Ich ging zur Information, erkärte, zeigte dem Uniformierten die kleine Amsel, bis er versicherte, man werde sich kümmern, das lasse sich bestimmt öffnen, notfalls die Feuerwehr. Danach rannte ich zum Gleis durch all die Leute, die Koffer zogen, Brötchen aßen, Bildschirme lasen und den Vogelalarm komplett überhören konnten. Man nimmt nur wahr, was man weiß.

Flächige Versiegelung; die Spatzen, die die Stadt nicht mehr hat; Gärten als abwaschbare Wohnzimmer unter freiem Himmel. Aber welche Feuerwehr käme da?





Donnerstag, 10. September 2026

Krähen wehen in losen Verbänden über die Dächer, und für Momente scheint es wirklich so: das Heer im Abenddämmer, flattrig geflickt und weheklagend; doch dann lassen sich einzelne in die Böen fallen, andere kurven elegante Manöver, und da klingen die heiseren Stimmen schon wieder wie Gelächter vom Himmel.

Am Telefon eine Frau, den Tränen nahe, ein Sturzbach von Entschuldigungen, und wie sie das mit zwei Kindern, beide nicht einfach, machen solle und dabei noch arbeiten, wie die Politik das gern sähe; und am liebsten würde ich ihr die Durchwahl ihres Kanzlers geben. So was macht mir sehr schlechte Laune.

Manchen Leuten wird ihre schlechte Laune noch den Kopf retten. T hat für die Arbeit ein LLM ausprobiert: Es war so fröhlich und motivierend, daß er nach ein paar Wortwechseln dachte, Arschloch, und auf weiteren Kontakt verzichtete.





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