Donnerstag, 8. Juni 2017

So viele haben gegeben, getan und gebangt, daß aus Anstoß und Plänen doch noch was wird, und nun ist das Buch Papier. Heute wird es der Öffentlichkeit vorgestellt. Ich aber werde mir vorstellen, C. säße im Publikum und blätterte in seinem Exemplar: ich würde hoffen, er übersieht das In Erinnerung auf der ersten Seite.

Die Vergessenheit ist eine höfliche Zahlungserinnerung, ein kulleräugiges Maskottchen, eine geheuchelte Anteilnahme. Tagebuch, Flaschenpost, Lebenswerk vielleicht: ausgeknipst. Ein bißchen was in Archiven, ein bißchen was in Caches. Ich bin traurig, nur Trümmer bleiben. Nichts Halbes, nichts Ganzes.

... undulierende Vollmondnacht. das Riesenrad rumpelt und quietscht, wohin man sich setzt beschmiert man sich mit Öl, grünlich schimmernd, ...

Und wirklich Schluß?





Dienstag, 30. Mai 2017

– He, he! Was machen die Kinder da vorn! Füße überkops!
– Ballett? Ich sehe nix, wo?
– Deutsche Mannschaft im Kinderverbiegen. Da, schon wieder!
– Laß mich mal auf deinen Platz, von hier sehe ich doch gar nix. Ah, da. Jaja, die haben auch die Frisuren ...
– Knüddel aufm Kopp, und das am Feiertag. Vielleicht so ein 100-Prozent-Internat, wo sie den ganzen Tag nix machen als Knüddel aufm Kopp.
– Nu laß sie doch. Sind doch Kinder.





Samstag, 27. Mai 2017

Zwei oder mehr Hiesige, da gedeiht er schon: haste das gehört? Wer was und mit wem, das Wann nicht so entscheidend, denn auch der Großvater vom Helmut damals, genau das gleiche Spiel. Das Dorf weiß alles und vergißt nichts.

Wichtig die Verortung: zu jeder Geschichte gehört die Scholle. Der Klaus, weißte, wennde am Bahnübergang links ab, und das Grundstück hinterm Gasthaus, das ist dem Bruder, der hat sich vor zehn Jahren totgesoffen, also, der Klaus. Die Ingrid, von der Schreinerei die Jüngste, die dann nach Ixthausen gegangen ist, wie der Bruder den Betrieb ... So zieht das Netz sich eng und enger.

Und was da alles nicht verstanden wird: wie kann man nur? Was haben die sich dabei gedacht? Wer wär aber auch darauf gekommen? Und die armen Kinder, und immer alles mit Moral. Dazwischen Altes: ja, die lebt auch schwer. Stehn der Tage zweie überre Erde.

Weltbewegend ist das alles nicht, was durchgehechelt wird; Tod und Teufel, Krankheit und Verworfenheit und dieser ungepflegte Rasen, wie beim Willi, und der hat damals den Verstand verloren nach dem Scheunenbrand, auch schon, ach, ewig her, da hat die Großmutter von Marthas Schwiegervater noch gelebt.

Das ist mehr als exakte Überlieferung, es ist der Kleber, mit dem, wer hier lebt, haften bleibt und Allianzen zementiert. Salz, Hefe, Kitt und Sprengstoff der Gemeinschaft.

Ich kann das nicht, nicht mal so tun als ob. Daß die anderen nicht verstummen, wenn ich mich an den Tisch setze, wundert mich.





Freitag, 26. Mai 2017

Laß mal gucken, sagt C., und dann fragt er, was meine Friseurin zu meinen weißen Haaren sagt. Und ob ich Drüberfärben immer ablehne? C., sage ich, nach all den Jahren passiert mal was Interessantes mit meinen Haaren, und dann: drüberfärben? Nee. Da bist du konsequent, sagt C.; er hadert ja eher mit seinen Silberschläfen. Dann reden wir von Augenbrauen und über die Haartracht von Tschechinnen, aber das ist einer der Witze, die kann man nicht mal sich selbst erklären am Tag danach.





Dienstag, 23. Mai 2017

So wenig Wege, daß ich bald keine Wurzeln mehr spüre. Nur Erinnerung.

Wie ich in einem weißdorngesäumten Waldstück einer Singdrossel nachpfiff, die fantastische Melodien sang, süß und voller Sprünge; wie ich dann versuchte, ihr was vorzupfeifen, aber sie verstummte plötzlich und flog davon. Vermutlich gehört mir jetzt ein Vogelrevier in den Hunsrückhöhen.

Das letzte Mal, als ich bei wolkenlosem Wetter nach oben schaute und alles voller winziger Schatten sah, leuchtend umrissen, ein einziges Flimmern und Wimmeln, das bei jeder Augenbewegung mitzuckte. Mouches volantes: wenn blauer Himmel einfach nicht mehr so erfreut wie früher mal.





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