Donnerstag, 16. Februar 2017

Wenn für das, was gesagt werden müßte, Worte ohnehin nicht reichen, flüchte ich mich in die Kürze, geradezu: Ruppigkeit.





Montag, 13. Februar 2017

Die aufrichtig ungeliebte Stadt empfängt mich mit einem Wetter zum Reinspringen, das darf ich einen ganzen Tag lang aus dem Fenster angucken. Und das ständige Angeraunztwerden: was sie hier als "Herzlichkeit" verkaufen, könnte man auch "alternative Höflichkeit" nennen.

Nachts dann eine Übelkeitsattacke, die mich ohnmächtig auf die Badezimmerfliesen streckt, Himmel aber auch, muß man hier sogar das Abendessen von zuhause importieren? Später fällt mir ein, daß mir im Traum davor in einem vergoldeten Trump-Restaurant schlecht wurde, während der Hausherr Gäste grüßend durchs Lokal zog.

In der Stunde vor der Heimfahrt sieht der Himmel grau und alles andere schon wieder rosiger aus. Im Café beim Bahnhof bekomme ich Milchkaffee in der Tassen-Entsprechung eines Maßkrugs.

Die hockt immer da, beschwichtigt eine Passantin den kleinen Jungen an ihrer Hand. Der Kleine verdreht sich nach der alten Frau mit Kopftuch, die aus einem Dorf vor hundert Jahren zu stammen scheint. Sie ist in Decken und einen Schlafsack gewickelt und ruft den Vorübergehenden zahnlose Segnungen nach oder Flüche, man versteht ja nichts. Ich lege etwas in ihren Pappbecher und sende der Frau Trippmadam einen gedanklichen Gruß. Dann darf ich endlich wieder heim.





Mittwoch, 8. Februar 2017

In der Schlange an der Garderobe spricht mich jemand von hinten an, mit meinem alten Namen. Auch wenn er inzwischen weißhaarig ist und ein bißchen kleiner als ich, erkenne ich meinen alten Lehrer sofort. Biologie, fünfte und sechste Klasse. Es ist die bekannte Mischung aus Freude und Entsetzen, wenn mir das Früher begegnet. Damals war er jünger als ich heute, und ich habe heute keinen Beruf mit einem Namen, sondern Beschäftigungen mit Umschreibungen.

Ein bißchen Fieber habe ich mitgenommen aus dem Theater, und scheußliche Träume, in denen der Bühnenaufbau von ichweißnichtwem verändert wird, immer wieder, vielleicht von mir selbst.

Warme Milch. Honig. Schlaf. Und früh das Wasser aus der Dusche, heißer als sonst, eine Weile wie einen Mantel aus Regen tragen. Bis zum Wochenende muß ich einsatzbereit sein, da habe ich wieder keinen Beruf.





Freitag, 3. Februar 2017

Der kleinste Betrag, den der Bankautomat ohne weiteres Geklicke zum Abheben anbietet, ist hier zehn Euro. Mir, aus einer Fünfzig-Euro-Gegend, kommt das entgegen.

Du hast ja Krümel auf dem Kleid – und sonst doch immer so perfekt! – Die Außensicht verblüfft mich bisweilen. Ich nehme noch einen Keks.

Am Nachmittag Regen und Sonne durcheinander, abends ein Himmel mit galoppierenden Wolkenherden, rot, rauch- und feuerfarben, türkis, ein Geschenk auf den Heimweg.





Mittwoch, 1. Februar 2017

H. ist königlich noch, wenn sie in Turnschuhen zum Briefkasten geht; alles wendet sich ihr zu. Ihre Stimme ist hell und weich und klingt leise nach ihrer Heimat. H.s Geschichten, das war schon immer so, sind drastisch und landen schnell auf dem Friedhof, und oft grübele ich nachher, hat sie das wirklich gesagt?

H. reagiert auf Unterbrechungen, indem sie einfach lauter spricht. In ihrem unaufhaltsamen Fluß von Worten blitzt es manchmal auf, treibt eine Formulierung vorbei, ein Satz oder mehrere, die klingen wie von hundertjährigem Gebrauch so zugerichtet, daß sie sich in meinem Gedächtnis verhaken, aber während ich noch diesem Ton nachsinne, geht es schon weiter und weiter.

... den Sohn von der Schwester vom Großchen hatte ich am liebsten, ein gerahmtes Bild über der Anrichte, früher hat man das so gemacht, der hieß der schöne August, so schön!; fünfzehn war er, da ist ihm im Wingert das Pferd durchgegangen, ein furchtbares Unglück, schrecklich; ihn und sein Brüderchen hab ich sonntags immer gegossen ...

Schon im Sichten merke ich, daß da in meiner Erinnerung einfach nur Worte sind, wie die bunten Steine, die man im Bachwasser lassen muß, damit sie leuchten.





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