Mittwoch, 3. Januar 2018

Von einer Sekunde auf die andere bin ich wach: Das Geräusch war der Schlüssel, das war das Schloß, das war, wie einer die Tür aufmacht und in die Wohnung tritt. Jetzt: Stille. H. ist schon aus dem Bett gesprungen und stürmt auf den Flur. Was machen Sie hier, höre ich ihn donnern, wie kommen Sie hier rein? Ausflüchte, leiser, eine Männerstimme: in der Wohnung geirrt, und Beschwichtigungen: alles gut. Rückzug, Türenklapp.

Der stand hier, im Dunkeln, an der Tür! H. dreht eine Runde durchs Haus und kommt gleich wieder. Nein, niemand mehr zu finden. Dann läßt er den Schlüssel innen stecken. Es ist halb fünf.

Um kurz nach acht, noch vorm Kaffee, hat H. ein neues Schloß besorgt und eingebaut. Wir telefonieren herum. Der Hausmeister: war's nicht. Der Hüter des Ersatzschlüssels: hat ihn noch. Die Polizei: sagt, da kann man wohl nix weiter tun. Es ist elf Uhr.

Heller Tag, als es an der Tür klingelt. Draußen steht ein junger Mann, den wir noch nie gesehen haben. Äh, ja, er wolle sich wegen heute nacht entschuldigen ... Er habe beim Nachbarn eins drüber übernachten wollen, war morgens leicht angesäuselt von einer Party zurückgekommen, habe aufgeschlossen und sich erst mal nicht mehr ausgekannt. Und während sein Hirn noch nach einer Erklärung für die neue Flureinrichtung kramte, kam plötzlich ein Fremder auf ihn zugeschossen ... Den Rest der Geschichte kennen wir.

Ich bin erleichtert, heißt das doch, daß nicht irgendwelche Leute mit meinem Schlüssel durch die Stadt spazieren. Andererseits scheint es, als hätten wir im Haus ein Einheitsschloß ...

Na, jetzt nicht mehr. Zum neuen Jahr also ein schwererer Schlüsselbund. Und der neue Schlüssel läßt sich zweimal umdrehen, sogar.





Sonntag, 31. Dezember 2017

Aus den Stauseen, in denen die Zeit geblieben ist, würde sie großflächig abgelassen: Überfluß für alle! Gesundheit würde in Fahrradbotentaschen an die richtigen Adressen geliefert und persönlich ausgehändigt. Überall würden in den Städten warme, trockene Orte eröffnet, auf dem Land hingegen: Raum und Ruhe, die Horizonte blankgefegt, eine Handvoll Sterne ganztägig. Geschichten, Geschichten! Und jede dürfte leuchten, so lang sie kann.





Samstag, 23. Dezember 2017

Sie liegen auf Eis, ein paar Dutzend schwarz und silbriger Fische, und starren in die Dunkelheit jenseits der Glasscheibe. Immer wieder zuckt es in dem Haufen, bäumt sich einer, schnellt eine Handbreit in die Luft und scheint dabei einen anderen zu wecken, der dann seinerseits mit dem Schwanz schlägt und springt.

Sie sind sauber aufgeschnitten, sauber ausgenommen; man kann ihnen in die Bäuche schauen bis zum Rückgrat. Kein Tropfen Blut färbt das Eis. Dennoch wird die Kundin, die der Vitrine am nächsten steht, bleich und geht ein paar Schritte beiseite. Die sind ganz frisch geschlachtet, sagt die Verkäuferin; voll Mißbilligung schaut sie auf die zappelnden Forellen, die noch nicht still liegen, noch nicht das Weihnachtsessen sein wollen, als das sie hier verkauft werden.





Montag, 18. Dezember 2017

So kurz die Tage und so sonnenlos, da träume ich nachts von Felsen und Meer. Ich kenne die Traumbilder: das ist die bretonische Steilküste.

Acht oder neun muß ich gewesen sein. Ich erinnere mich an die Routinen eines Sommerurlaubs, den täglichen Aufbruch an den Strand, Gezänk mit den Schwestern, Baguette und salzige Butter aus dem Kofferraum, Sand auf Strohmatten. Die Felsen reichten hier bis zum Wasser, und Teiche im Stein standen voller Wunder.

Wir packten zusammen, wenn die Flut kam und der Streifen Sand schmal und schmaler wurde. An einem heißen Tag war das ziemlich spät; das Licht war schon abendlich verfärbt. Ich mußte mich jedes Mal losreißen von den Krebsen und Schnecken und Anemonen in den Salztümpeln, die bald mit frischem Seewasser geflutet werden würden, und kletterte immer als Letzte den Pfad zum Parkplatz hoch.

Diesmal nicht. Einer der Felsen, die aus dem Sand ragten, hatte unter meinem Tritt hohl geklungen. Die Flut beleckte ihn schon, als ich mich hinabbeugte; schwärzliche, algige Oberfläche mit Seepocken, ja, aber eine ablaufende Welle riß genügend Sand mit sich, daß ich eine Vertiefung sehen konnte. Ich grub nach, da wurde es glatt, schimmernd – das war kein Fels, das war ein Schneckenhaus oder eine Muschelschale, zum größten Teil im Sand; sie mußte riesig sein.

Aber die Flut kam schnell; jede Welle reichte weiter als die vorige. Ich schaffte es nicht, die Muschel auszugraben. Den Hohlraum darunter konnte ich spüren, aber ich dachte an die Wesen aus den Felsenteichen und wagte nicht, hineinzugreifen. Meine Verzweiflung wuchs. Mit jeder Welle wurde das Wasser tiefer, oben auf dem Parkplatz hupte es.

Ich stand auf der Muschel, das Meer reichte mir bis zu den Knien, bis zur Hüfte. Meine Mutter stieg oben aus dem Auto und rief, aber ich konnte doch nicht; dann schubste mich eine Welle um, und ich paddelte an Land.

Die Eltern verstanden nicht, wieso ich so aufgebracht war. Ihr Schimpfen wiederum traf mich nicht. Ich war wütend, daß mir keiner geholfen hatte, und hinzu kam die Kränkung, daß sie mir nicht zu glauben schienen. Ich stellte mir vor, wie meine unwahrscheinlich große Muschel inzwischen tief unter der Wasseroberfläche lag. Würde sie bei der nächsten Ebbe jemand anderes finden? Hatte das Meer sie für immer verschlungen?

Während das Auto fort vom Strand und in die Dunkelheit rollte, während die Badebucht für die nächsten Stunden im Meer versank und ich mit dem letzten Fünkchen Hoffnung kämpfte, senkte sich diese Erinnerung, zusammen mit Bucht und Meer, tief in mein Gedächtnis.





Donnerstag, 14. Dezember 2017

E. hat die Operation gut überstanden, muß aber noch bleiben. Das Personal hier, klagt sie, kümmert sich nicht richtig. Lagern nicht korrekt, decken nicht richtig zu, versprechen viel und vergessen es dann.

Ihre Mitpatientin hat in den ersten Tagen viel geschlafen; jetzt sitzt sie aufrecht im Bett. Sie hat eine tiefe Stimme, Deutsch mit schlesischem Einschlag; ich bin fasziniert. Soll ich Ihnen einen Kaffee mitbringen, frage ich sie. Die trinkt keinen Kaffee, antwortet E., unerwartet garstig.

Das Deckenlicht stört sie, und sie macht es ohne zu fragen aus, obwohl die Mitpatientin liest. Mit ihrer Familie redet die nur Russisch, knurrt E., als sei das eine Rechtfertigung für irgendwas.

Später kommt eine Schwester, die Mitpatientin hat wohl geklingelt, und richtet dieser das Bett. Nein, noch ein Kissen. Und das Kopfende ganz nach oben, kommandiert die alte Frau. Die stellt vielleicht Ansprüche, flüstert E. vernehmlich. Dafür, sage ich, muß sie sich nachher nicht über falsche Lagerung und fehlende Decken beschweren. E. ist beleidigt.

Als ich gehe, bleiben zwei weißhaarige Frauen in Morgenmänteln zurück und eine Feindseligkeit, deren Grund vermutlich keine von beiden kennt; und ich will's auch gar nicht so genau wissen.





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