Montag, 5. November 2018

Die Erde neigt sich, und es wird finster für uns hier auf der Nordhalbkugel. Kleines Licht in der Frühe, Wolle über Wolle. Ich mag den Wechsel. Daß ich in den Nächten mal nicht schlafen konnte vor Hitze, das muß hundert Jahre her sein.

 

Der Herbst hat eine freundlichere Schönheit als der Frühling, sagt B. Im Frühling ist es: Aufbruch! Blüte! Alles neu! Und im Herbst ist es: Laß los, wir haben es geschafft.

 

Morgen wählen sie in den USA, und es stört mich, daß ich mir darüber Gedanken machen muß.

 

Die Ausstellung im Ruhr-Museum gewinnt gegen kleines Fieber und Regen: Fotografien von A. Renger-Patzsch. Schwarzweiß, ganz wunderbar, vor allem die vom Ruhrgebiet Anfang des letzten Jahrhunderts. Mietskasernen mit Kohlgärten, Bergmannswäsche im ewigen Dunst. Ganz ohne störende Autos, immerhin.

(Bloß das Anlegen, das klappt besser bei MKS.)





Sonntag, 4. November 2018

Mein Küchen-und-Schreibtischstuhl, auf dem ich sitze, wenn ich esse, arbeite und Besuch empfange, ist mein alleralltäglichstes Ding. Ein Bauernstuhl, bequem geschwungen, ohne Schnörkel und Quatsch, schon mal repariert (nicht ganz fachgerecht mit dicken Schrauben); er knackt beim Setzen und etwas anders beim Aufstehen, und der Lack ist schadhaft.

Grün gestrichen ist er, seit er das erste Mal ausgemustert und zum Kindermöbel degradiert wurde. Auf der Unterseite der Sitzfläche steht handschriftlich "Walter Müller", so hieß der Großvater des Liebsten, der den Stuhl beim Tischler in Auftrag gegeben hat; sein Name wurde auf das Werkstück gekrakelt, vom Lehrling vielleicht.

Der Liebste hat ihn damals mitgenommen, als er auf den Sperrmüll sollte, und dann kam der Stuhl zu mir und folgte mir überall hin, wo ich je wohnte.

Knack, empfängt er mich morgens zum ersten Kaffee. Knack, schickt er mich abends zu Bett. Zwischen Knack und Knack liegen meine alltäglichen Stunden.

 

Nach einer Idee von Ulli (Café Weltenall).





Samstag, 27. Oktober 2018

S bekommt zwischendrin einen dringenden Anruf: die Schwiegermutter, sie braucht vier Kilo mehlig kochende Kartoffeln. Und was die Schwiegermutter damit will? Kochen und einfrieren, vermutet S. Die Schwiegermutter sammle nämlich Gefriertruhen wie andere Leute Fotoalben, am liebsten gut gefüllt. Erwarte sie vierzig Gäste, backe sie zwanzig Kuchen, mit deren aufgetauten Resten sie dann übers Jahr die engere Familie füttere. Einmal habe sie achtzig Stück Butter gewollt, die habe man in zwei Geschäften eingekauft, um nicht unter den Verdacht des gewerblichen Verbrauchs zu fallen. Und was sie dieses Jahr einfriert: Walnüsse, kiloweise.

Da können die schlechten Zeiten ruhig kommen; Hauptsache, der Strom geht nicht aus.





Radiopredigten, sagt V, könne er innerhalb zweier Minuten zuordnen: bei den Evangelischen ist es Gelaber. Bei den Katholiken ist es deprimierend: das reine Jammertal. – Klar; einem Katholiken muß das Abstrakte verschwurbelt scheinen. Ich hingegen empfinde als geradezu unverschämt, wie unter Glöckchenklang und Weihrauchschwaden nichts weniger versprochen wird als: du mußt nicht sterben; dein Begräbnis ist eine Aussaat. Aber klar, so was zieht im Jammertal.

Meine Zeitgeber sind Bahnhofsuhren und die an Glockentürmen; die von Apotheken und anderen Geschäften bleiben ja allmählich alle stehen und werden früher oder später abmontiert. Und wie ich mit M aus dem Wald komme, wissen wir schnell, wo wir hinmüssen: Das da ist Eich, mit dieser riesigen Kirche, das lassen wir rechts liegen; wir wollen dort rüber, auf das romanisch-gotische Turmkonglomerat zu. Kann man nix sagen: Kirchen geben Orientierung.

Später stehe ich staunend im Mariendom. So eine herrliche Verschwendung von Raum; so etwas aus der Zeit Gefallenes, verrückt und wunderbar.





Freitag, 19. Oktober 2018

Sechs Wochen haben sie Zeit, sagt T, dann kommt ein professioneller Entrümpler und entsorgt die Reste. Nun muß er alles noch einmal in die Hand nehmen, was seiner Mutter gehört hat, und vieles, was seit seiner Kindheit im Haus war.

Ihr Lieblingsgeschirr, sagt er, geht auf den Flohmarkt. Das könnte er nicht benutzen. Nicht Tag für Tag; schon gar nicht an Feiertagen. Da gibt es zwei Schüsseln, wertlos und nicht mal schön, aber als Kind liebte er sie, weil mit jedem gegessenen Löffel mehr Blumen am Boden sichtbar wurden. Die hat er sich ausgesucht; und das Bescherungsglöckchen.

Was aber macht man mit 2000 Dias? Die gesamte Familiengeschichte? Ich kann nicht zum Anschauen und Sortieren raten und schon gar nicht zum Wegwerfen. (Ich erinnere mich zu gut daran, wie nach dem Tod des Liebsten alle seine Fotos entsorgt wurden; und wie gern ich die manchmal noch angeschaut hätte, viel, viel später.) Nimm sie an dich und verwahre sie irgendwo, sage ich. Das kann dauern.

  Ach ja: Wäschemangel?
  Nee ... Platzmangel.
  Dacht ich mir.





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