Mittwoch, 30. Mai 2018

Das Autohaus, in das mein Vater vor über vierzig Jahren seinen Wagen zur Inspektion brachte, gibt es noch, mitten im Ort; das verrät ein Wegweiser an der Hauptstraße. Ein Name ist vom Firmenschild verschwunden, dafür eine Marke hinzugekommen. Ich wüßte den Weg noch auswendig. Umweg?, fragt M. Nein, will ich nicht. Ich will nicht, daß es anders aussieht, anders riecht, als ich es in Erinnerung habe.

 

Aschenbach, denke ich. Mindestens sechzig, gekleidet wie zwanzig, Haupt- und Barthaar gefärbt. Braune Lederjacke mit Aufnähern, die Jeans hat dicht an dicht Querschlitze in den Hosenbeinen, von der Leiste bis zu den Turnschuhen. Mir zieht sich alles zusammen beim Anblick des mit künstlich gealterter Kleidung künstlich verjüngten Menschen. Ich möchte mal Schwarz, vernünftiges Schuhwerk, zwei Brillen und, für gut, kunstvolle Dreiecksschals und roten Ohrring; aber hat man wirklich die Wahl?

 

Die Kleine ist stolz, daß sie ihre Sommer nicht mehr an einer Hand abzählen kann. So alt schon! Und in zwölf Jahren, sagt sie, als wär's ein Klacks, bin ich achtzehn und ziehe aus.





Sonntag, 13. Mai 2018

Die Wettervorhersage irrt zu unseren Gunsten. Himmelfahrt, Schwarzdrossel und Zaunkönig, und nur ganz am Ende Halsweh.

Einen schönen Sommer wünsche ich uns allen.





Montag, 7. Mai 2018

Auf den letzten hundert Metern verengt sich die Bahn und zwingt die Finalisten in eine Reihe. So können sie einzeln begrüßt, beklatscht und fotografiert werden. Ich klatsche und winke, als M nach genau der geschätzten Zeit vorüberspurtet; er hebt knapp die Hand. Wenig später sammle ich ihn ein. Er ist vollkommen erschöpft. Ziel erreicht.

 

M läuft zum ersten Mal in meiner Stadt. So kommt es, daß ich zum ersten Mal am Straßenrand stehe und jubele. Die plastiklastig-professionelle Organisation des Ganzen wundert mich nicht, eher schon die gute Stimmung bei allen, Läufern, Helfern, Zuschauern. Ich lasse mich anstecken und freue mich, als ich sehe, wie M auf der Strecke sich freut, als er mich am Straßenrand sieht.

Einige im Publikum schwenken Schilder: Genieß es, du hast dafür bezahlt!, oder: Umkehren wär jetzt auch blöd!, oder einfach: Du schaffst es!, und damit sind irgendwie alle Läufer gemeint. Konkurrenz gibt es unter vielleicht zwanzig, dreißig Sportlern, der Rest macht das, um's zu machen.

Auch die Läufer tragen ihre Gesinnung auf den Hemden. Farben, Schriftzüge, Firmenlogos, Teamnamen; angeknüpfte Ballons, verzierte Mützen, ganze Kostüme. Einer ist ohne Schuhe unterwegs, die Ballen mit Tape umwickelt.

 

In einer Tiefgarage ziehen die Läufer sich um, schmieren sich ein, justieren Technik und dehnen sich. Dann sucht jeder sein Startfeld und wartet in der Morgenkühle. Die Straße, sonst vierspurig für Autos, füllt sich mit bunten Menschen, die auf der Stelle hüpfen, Gymnastik und Selfies machen. M, frage ich, mußt du dich nicht auch, ich weiß nicht, aufwärmen? – Nö, das integriere ich in den Lauf.

Irgendwann Musik über Lautsprecher (Highway to Hell), Ansagen, Moderation, ein Countdown. Nichts passiert, aber jetzt sind alle still und schauen in eine Richtung. Dann macht das gesamte Feld einen Schritt nach vorn, einen nur, und die Spannung springt über die Absperrungen und erfaßt auch das Publikum. Letzte Anweisungen und Grüße werden gerufen, Kameras gezückt; dann bewegen sich die Läufer. Schrittempo. M lächelt noch einmal herüber. Schneller geht es, einige hinter den Absperrungen gehen mit, winkend, wie einem abfahrenden Zug hinterher.

Ich verfolge, wie M Blick und Kräfte sammelt und nach vorn richtet, auf das 42 Kilometer entfernte Ziel. Er löst sich von der Straße, von der Stadt um ihn herum, löst sich von Tageszeit und Temperatur, löst sich von allem; er fällt in Trab, ich sehe, wie seine Schulterblätter sich gleichmäßig im Laufrhythmus bewegen, und fort ist er, ganz für sich zwischen Tausenden von anderen, wie davongeflogen.





Donnerstag, 3. Mai 2018

Die früheste? Vom Arm seines Vaters aus auf eine riesige, graue Wasserfläche schauen, ein Nordseehafen. Zwei muß er da gewesen sein, wenn die Datierung nicht trügt, sagt T.

Bei mir ist es eine rosa Fliesenwand mit draufgerubbelten Rosen im Querformat, etwas schadhaft schon. Könnte der Blick von der Waschmaschine in der allerersten Wohnung sein; die Waschmaschine war damals auch Wickelkommode.

Man weiß es natürlich nicht. Es sind wahrscheinlicher Bilder als Geschichten; wie man gegen das Röhrenradio gerannt ist, hat man ja oft genug erzählt bekommen, daß man sich selber dran zu erinnern glaubt. Aber dann ist es immer noch möglich, daß es Traumbilder sind oder solche, die man sich später vorgestellt hat.

Ich bestaune die Detailtiefe der Reisebücher von P.L. Fermor. Dabei hatte er die meisten seiner Aufzeichnungen verloren, schon Jahre bevor er die Bücher schrieb; aber vielleicht ist das nötig für einen guten Bericht, daß man guten Gewissens einen Teil erfinden kann?

Ich hätte ja gern ein Gedächtnis.





Samstag, 28. April 2018

Es ist eine Menge Wissen, Technik und viel, viel Erfahrung. Ein bißchen Mut gehört auch dazu. Wenn nur die Arbeitsbedingungen besser wären und man mehr Zeit hätte für die Behandlungen ... Doch, es macht schon Spaß, sagen die jungen Physiotherapeutinnen. Steh auf und wandle! Später erzählen sie, was sie verdienen. Ich hätte gedacht, Wunder bringen mehr ein.

Vorm Toilettenwagen auf der Festwiese bekomme ich das letzte Ende eines Streits mit. Der Toilettenwagenmann hat sich vor einer Dame aufgebaut und sagt sehr deutlich, mit hochgezogenen Brauen: Sie haben mir gar nichts zu sagen. Ich mache hier ehrliche Arbeit, und Sie, Sie kommen bloß zum Pinkeln!

Hamse 'n bißchen Kleingeld für'n Obdachlosen? – Ich schaue von meinem Buch auf und gleich wieder hinunter: der Mann sitzt im Rollstuhl. Wahrscheinlich ganz jung. Ich krame eine Münze aus der Tasche. Er zeigt auf eine Vorrichtung am Gestänge des Rollstuhls, ich kenne das Gerät aus Verkehrserhebungen, ein mechanischer Zähler. Klick! Das sind alle, die reagieren, ob positiv oder ablehnend; die, die ihn ignorieren, zählt er nicht. 247, steht da. Der Tausender ist heute schon einmal rum, sagt er. Zwölfhundertfünfzig Interaktionen in neun Stunden. Klingt anstrengend, denke ich, und er sagt: kein Wunder, daß ich mir nicht alle Gesichter merken kann! Dann rollt er weiter.





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