C wohnt jetzt allein. Seine Frau hat ihn verlassen. Er hatte eine Affäre, mehrere Jahre lang; als es herauskam, hat sie ihre Sachen gepackt und die beiden Jungs mitgenommen. Sie leben jetzt einen Ort weiter. Besuche müssen geregelt, Besitz und Verpflichtungen auseinanderdividiert werden, der ganze Rattenschwanz.

 

Über Bs Ehe wußte ich nur, daß sie unglücklich gewesen sein muß. Pedantisch und empfindlich sei ihr Mann gewesen; fremd und seltsam erschien er seinen Enkeln. B hat ihn um knapp dreißig Jahre überlebt, schweigsam, Kreuzworträtsel gelöst und zu Weihnachten allen Socken gestrickt.

Beim Ausräumen ihres Hauses fanden wir ein Nachkriegsbuch über Demokratie und politische Verantwortung. Auf dem ersten Blatt stand, voller Wünsche und Hoffnung, Meiner geliebten B, kurz nach der Heirat gewidmet von ihrem Mann. Ob sie das je gelesen hat? Keiner wußte es; keiner glaubte es.

Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei; irgendwann gibt er nämlich auf.

 

Cs Ex-Frau ist dann durchs ganze Dorf gelaufen, hat bei allen Freunden und Bekannten über C hergezogen und gnadenlose Rache geschworen, persönlich wie finanziell, denn es sei zweifelsfrei klar, wer schuld ist. Und jetzt heißt es: C hat ja Mist gebaut, aber da kann er froh sein, daß er die Frau los ist, der Arme.

 

– Dabei ist es einfach, eine gute Ehe zu führen.
– So? Und wie geht das?
– Es müssen nur beide wollen!





Radiopredigten, sagt V, könne er innerhalb zweier Minuten zuordnen: bei den Evangelischen ist es Gelaber. Bei den Katholiken ist es deprimierend: das reine Jammertal. – Klar; einem Katholiken muß das Abstrakte verschwurbelt scheinen. Ich hingegen empfinde als geradezu unverschämt, wie unter Glöckchenklang und Weihrauchschwaden nichts weniger versprochen wird als: du mußt nicht sterben; dein Begräbnis ist eine Aussaat. Aber klar, so was zieht im Jammertal.

Meine Zeitgeber sind Bahnhofsuhren und die an Glockentürmen; die von Apotheken und anderen Geschäften bleiben ja allmählich alle stehen und werden früher oder später abmontiert. Und wie ich mit M aus dem Wald komme, wissen wir schnell, wo wir hinmüssen: Das da ist Eich, mit dieser riesigen Kirche, das lassen wir rechts liegen; wir wollen dort rüber, auf das romanisch-gotische Turmkonglomerat zu. Kann man nix sagen: Kirchen geben Orientierung.

Später stehe ich staunend im Mariendom. So eine herrliche Verschwendung von Raum; so etwas aus der Zeit Gefallenes, verrückt und wunderbar.





Wann sind Sie eigentlich das letzte Mal irgendwo reingegangen ohne Plan, ohne Einladung, ohne auch nur eine Ahnung, was das werden könnte, und dann wurde es etwas Erstaunliches?

Ich überlege immer noch.





Nicht mal ne Woche, und bezahlt, jaja, aber ich habe keine Lust; nette Menschen da, und das Essen gut, aber ich mag nicht. Zum Wochenende wieder daheim sogar, und das soll es etwa besser machen?

Ich möchte meine Tage in ihrer Länge am Schreibtisch und mit ihren kleinen Gängen, den Mittwoch, den Montag und die anderen, einfach wie immer, mag kein Wetter verpassen und keinen Wechsel im Licht, keinen Kaffee und kein Gespräch, ja, verflixt, könnt ihr mich nicht in Ruhe lassen?

Nun hör aber auf. Nicht mal ne Woche.





Na, Leichtmatrosin, begrüßt mich T. Ich schenke ihm Topflappen, meine ersten seit der dritten Klasse, in Notfallrot und Kriegsschiffgrau.

Er sei, erzählt er, im Garten des Heims zwei alten Leutchen begegnet; der Mann habe sich an den Rosen zu schaffen gemacht, sie, am Beetrand und nicht mehr gar so mobil, habe wohlgemut erzählt, daß sie sich schnell noch um die Blumen kümmern müßten, dann packen, und morgen ganz früh, da führen sie nach Schlesien. Tags drauf das gleiche Bild, und sie erzählte, morgen gehe es nach Bad Lippspringe; jeden Tag ein anderes Ziel.

Vielleicht ein guter Punkt, um da zu bleiben, denke ich. Immer was zu tun, und immer etwas, um sich drauf zu freuen. Aber was weiß ich; ich habe ja jetzt schon keine Lust, mich für den nächsten Segeltörn anzumelden, und der ist in zwei Jahren. Aufs Reisen, anders als aufs Wandern, freue ich mich frühestens dann, wenn ich unterwegs bin.

Kennst du das?, frage ich T. Mir scheint das das Gegenstück zu sein zu den Leuten, die, egal wo sie sind, von Erlebnissen anderswo reden. Hic Rhodos, hic salta, fuhr man dem antiken Athleten über den Mund, als der in Athen prahlte, wie toll er auf Rhodos gesprungen sei. Spring halt hier, wenn du's so gut kannst.

Das, sagt T, hieß bei uns im Dorf: Dehemm honn alle Buuwe Kligger!

 

  Wie hießen im Dorf eigentlich Topflappen – Dibbelumbe?