Im Zug hält mir eine Frau ihr Handy quasi direkt unter die Nase, auf dem Bildschirm: Mundwinkel, Fotos von Mundwinkeln in jeder Beleuchtung, in endloser Prozession, jeder einzelne ein für sie personalisierter Vorwurf. Mundwinkel-Doomscrolling.
B, die Schöne mit dem weichen Herzen und den sanften Händen, kennt nichts als harte Entscheidungen vor lauter Gewissen, aber sie zögert keine Sekunde, einem die Rippen zu brechen, wenn es um sein Leben geht.
Er habe sich, sagt K, den Baum zeigen lassen, an dem sein alter Freund sich aufgehängt hat. Sonst wäre es in seiner Phantasie jeder einzelne des Waldes gewesen; nie wieder hätte er dort hingekonnt.
Und ich? Ich gehe eine Runde. Ein paar Kilometer Weg, Papier und Stift. Möge es helfen.
Das leichte Gepäck doch immer zu schwer, in Durchgängen steckenbleiben damit; und die fremden Betten viel zu weich, der Mond zu grell, der Kaffee fern in der knapp bemessenen Nacht.
Wohin die Bahn mich trägt, wann mein Kalender will.
(Aussteigen wäre schön.)
Auf dem Graspfad zwischen tropfenden Bäumen diskutieren M und ich, was es bedeutet, wenn etwa eine KI Musik oder Geschichten schreibt, die Menschenwerk in nichts nachstehen. M fürchtet, dann wäre alles, was wir tun, sinnlos, nur mehr persönliches Steckenpferd, Zier und Sport. So ist es mit fast allem gegangen, was vor ein paar hundert Jahren noch lebenswichtig war: Technik und Wissen wird museal oder geht verloren.
In Ls Leistungskurs Deutsch verfaßt man Aufsätze per Maschine, auch wenn's nicht erlaubt ist. L tickt anders und schreibt selbst. Neulich akzeptierte der Lehrer ihre Arbeit nicht, während ein Mitschüler, der schon mehrmals aufgeflogen war, auf seine generierte Hausarbeit eine gute Note bekam. Für L ist die Konsequenz: Sie schreibt weiter, sie will die Dinge durchdenken, und nimmt die Bewertung nicht mehr ernst.
Im Blog "einfach schreiben", zweckfrei und unbeobachtet, was ich hier eigentlich wollte, ist nicht mehr. Das große Auge der Konzerne schaut auch mir über die Schulter. Mein Zeug wird verwertet, für das ich nie bezahlt worden bin. (Von wem auch.) Antville beißt schon zurück (danke!); aber wirklich zu machen ist da anscheinend nicht viel. Maschinenethik, Regulierung und Rechtsprechung mit Zähnen: für so was haben wir die falschen Politiker gewählt, vielleicht gibt es die richtigen auch gar nicht; die Gier in Regierung. Viele, viele Menschen machen wenige reich, mit ihrem Blut, ihrem Schweiß, ihrer Lebenszeit und jetzt eben mit ihren Worten. Lauf der Dinge.
Gegen die allgemeine Vereinnahmung würde ich gern mehr tun können. Wollte ich sicherstellen, daß meine eigenen Texte nicht verwertbar sind, müßte ich auf Zettel schreiben. Das macht mir aber weniger Spaß; und den (selten genug geworden!) mag ich mir nicht nehmen lassen.
Ich denke weiter nach.
Gute Nachrichten nehme ich ja gerne, gerade im Moment.
Was zu ergänzen wäre: Nicht mehr vor jeder Reise ermitteln müssen, bei welchem Umstieg man welchem Verkehrsverbund welchen Betrag zu geben hat (und wehe, man hat nur Bargeld/kein Kleingeld/die falsche Karte/Ermäßigung) – dieses Ticket spart Nerv. Egal wo einsteigen, ohne Kontrollangst und Zeitfensterstreß ... Unschätzbar.
Ausflüge in die nähere Umgebung sind einfach und machbar. (Sogar viele Fähren sind enthalten!) Am Ziel gebe mindestens mal ich weitaus skrupelloser Geld für Nahrung und Vergnügungen aus, wenn die Reise bereits abgegolten ist. Keine Ahnung, ob das irgendwer mißt, aber die heimische Wirtschaft dürfte es spüren.
Für viele Menschen werden Reisen und Besuche leichter oder überhaupt erst möglich (kostet ja nur Zeit!). Ich habe im Zug einen etwas zerknitterten alten Herrn getroffen, der mich fragte, ob es in meiner Stadt ein erschwingliches Restaurant in Bahnhofsnähe gebe. Er war quer durch die Republik nach Wuppertal unterwegs, um sich mal die Schwebebahn anzuschauen. Ein Paar mit Töchterchen fuhr im Bummelzug ins Allgäu; statt Flugreise leisteten sie sich dieses Jahr Ferien auf dem Bauernhof. Und ob ich ohne das Ticket jede Woche Besuche in einem anderen Krankenhaus machen würde ...? Dieses Ticket ist ein Mittel gegen Langeweile und Einsamkeit.
Alles in allem kein kleines Wunder. Sollte die neue Regierung das alles wirklich wieder abschaffen wollen, gehen, hoffe ich, 13 Millionen dagegen auf die Straße.
In der Zeitung ist viel die Rede von Ausweitung des Jagdrechts. (Überhaupt alle diese Wesen, die sich nicht schicken und einfach still aussterben wollen.) Die Krähen, schreibt M dazu, haben ein Landwirteproblem. Landwirte sollten endlich zum Abschuß freigegeben werden.
Ich wußte heute in meiner Straße keine Antwort auf die Frage, wo in der Stadt man denn einen Kaffee trinken kann, wenn man nicht so viel Geld hat.
Auf der Haben-Seite: endlich weiß ich wieder, wie herrlich es sich schläft beim Geräusch leichten Regens. Und es gibt dieses Jahr wilde Brombeeren.