Fassungslos macht mich der Haß, dessen sich die Kommentatoren nicht schämen zu müssen glauben: Wir lassen Menschen ertrinken? Richtig so! Die wollen hier ja nichts als ein besseres Leben! – Wir schicken sie in die Sklaverei? Haben sie verdient, die Rechtsbrecher!

So vom Sofa aus ist leicht entscheiden über Leben und Tod. Aber um Unterschiede zu machen zwischen Mensch und Mensch, muß man schon alles ausgeknipst haben, Werte, Denken, Mitgefühl. Ich hoffe aus ganzer Seele, daß ich das niemals lerne; und daß ich nie auf einen angewiesen bin, der das kann.

Ach.





Das Autohaus, in das mein Vater vor über vierzig Jahren seinen Wagen zur Inspektion brachte, gibt es noch, mitten im Ort; das verrät ein Wegweiser an der Hauptstraße. Ein Name ist vom Firmenschild verschwunden, dafür eine Marke hinzugekommen. Ich wüßte den Weg noch auswendig. Umweg?, fragt M. Nein, will ich nicht. Ich will nicht, daß es anders aussieht, anders riecht, als ich es in Erinnerung habe.

 

Aschenbach, denke ich. Mindestens sechzig, gekleidet wie zwanzig, Haupt- und Barthaar gefärbt. Braune Lederjacke mit Aufnähern, die Jeans hat dicht an dicht Querschlitze in den Hosenbeinen, von der Leiste bis zu den Turnschuhen. Mir zieht sich alles zusammen beim Anblick des mit künstlich gealterter Kleidung künstlich verjüngten Menschen. Ich möchte mal Schwarz, vernünftiges Schuhwerk, zwei Brillen und, für gut, kunstvolle Dreiecksschals und roten Ohrring; aber hat man wirklich die Wahl?

 

Die Kleine ist stolz, daß sie ihre Sommer nicht mehr an einer Hand abzählen kann. So alt schon! Und in zwölf Jahren, sagt sie, als wär's ein Klacks, bin ich achtzehn und ziehe aus.





Die früheste? Vom Arm seines Vaters aus auf eine riesige, graue Wasserfläche schauen, ein Nordseehafen. Zwei muß er da gewesen sein, wenn die Datierung nicht trügt, sagt T.

Bei mir ist es eine rosa Fliesenwand mit draufgerubbelten Rosen im Querformat, etwas schadhaft schon. Könnte der Blick von der Waschmaschine in der allerersten Wohnung sein; die Waschmaschine war damals auch Wickelkommode.

Man weiß es natürlich nicht. Es sind wahrscheinlicher Bilder als Geschichten; wie man gegen das Röhrenradio gerannt ist, hat man ja oft genug erzählt bekommen, daß man sich selber dran zu erinnern glaubt. Aber dann ist es immer noch möglich, daß es Traumbilder sind oder solche, die man sich später vorgestellt hat.

Ich bestaune die Detailtiefe der Reisebücher von P.L. Fermor. Dabei hatte er die meisten seiner Aufzeichnungen verloren, schon Jahre bevor er die Bücher schrieb; aber vielleicht ist das nötig für einen guten Bericht, daß man guten Gewissens einen Teil erfinden kann?

Ich hätte ja gern ein Gedächtnis.





Es ist eine Menge Wissen, Technik und viel, viel Erfahrung. Ein bißchen Mut gehört auch dazu. Wenn nur die Arbeitsbedingungen besser wären und man mehr Zeit hätte für die Behandlungen ... Doch, es macht schon Spaß, sagen die jungen Physiotherapeutinnen. Steh auf und wandle! Später erzählen sie, was sie verdienen. Ich hätte gedacht, Wunder bringen mehr ein.

Vorm Toilettenwagen auf der Festwiese bekomme ich das letzte Ende eines Streits mit. Der Toilettenwagenmann hat sich vor einer Dame aufgebaut und sagt sehr deutlich, mit hochgezogenen Brauen: Sie haben mir gar nichts zu sagen. Ich mache hier ehrliche Arbeit, und Sie, Sie kommen bloß zum Pinkeln!

Hamse 'n bißchen Kleingeld für'n Obdachlosen? – Ich schaue von meinem Buch auf und gleich wieder hinunter: der Mann sitzt im Rollstuhl. Wahrscheinlich ganz jung. Ich krame eine Münze aus der Tasche. Er zeigt auf eine Vorrichtung am Gestänge des Rollstuhls, ich kenne das Gerät aus Verkehrserhebungen, ein mechanischer Zähler. Klick! Das sind alle, die reagieren, ob positiv oder ablehnend; die, die ihn ignorieren, zählt er nicht. 247, steht da. Der Tausender ist heute schon einmal rum, sagt er. Zwölfhundertfünfzig Interaktionen in neun Stunden. Klingt anstrengend, denke ich, und er sagt: kein Wunder, daß ich mir nicht alle Gesichter merken kann! Dann rollt er weiter.





Häkeln besteht aus Schaf, Dranbleiben und Zählen.

Es wäre einfacher, wenn ich zählen könnte. Das heißt, ein entfernter Teil meines Hirns tut nichts anderes; das ist ganz schön, so kann ich meinen Gedanken nachhängen, während sich irgendwo in meinem Kopf die Maschen addieren. Aber wehe, ich will das Ergebnis wissen. Mein Hirn hat den Off-by-one-wenn's-drauf-ankommt-Fehler erfunden.

Hirn: … 43, 44, 45, 46, 47, 48!
Ich: Stimmt das auch?
Hirn: Och. Zähl besser noch mal nach.

Hirn: … 12, 13, 14, 15, …
Ich: Gut, gut machst du das!
Hirn: … 18, 19, 20, 21, …
Ich: Vielleicht wär's einfacher, immer nur bis zehn zu zählen und dann die Zehner zu addieren?
Hirn: … 25, 26, 27, …
Ich: Dann käme jetzt gleich 8, 9, 30?
Hirn: Wenn ich hier nicht in Ruhe arbeiten darf, mach deinen Mist alleine!

Hirn: … 64, 65, 66, 77, 78, …
Ich: He!
Hirn: Haha, nur Spaß, nur Spaß! … Ähm. Wo waren wir –?

Irgendwie werden die Sachen dann trotzdem was. Geduld habe ich, und improvisieren konnte ich schon immer.

 

  Sag mal, wie oft hast du das noch mal aufgemacht?
  Oh, keine Ahnung, wirklich. Habe nicht mitgezählt.