H., immer gut für Antworten, sagt: natürlich sind Verschleierungen Frauenunterdrückung, und als ich schon tief Luft holen will, fährt er fort: genau wie amerikanische Serien auch, überhaupt diese Ideale von Weiblichkeit. Verbote seien unter der Würde einer freiheitlichen Gesellschaft, aber Nachdenken wäre schon mal angebracht.
Beim Wandern dem Sonntagsläuten erlegen. Ich weiß nicht, wie viele Menschen hier noch zum Gottesdienst gehen, aber sämtliche Kirchtürme, die hochgotischen wie die dörflichen, evangelisch und katholisch gleichermaßen, erfüllen die Täler der Gegend mit Jubel. Für mich ein Kindheitsklang, und die Gewißheit: ich könnte in irgendeinen Gottesdienst spazieren und mitfeiern und würde mich nicht ganz fremd fühlen dabei.
Später bin ich dann doch wieder außerirdisch: wo kommen Sie her? Ah, dann parken Sie an der Hauptstraße? Ach, mit dem Zug ... nein? Wie? Zu Fuß?? – Das scheint immer eine Rechtfertigung zu fordern, dabei mache ich das ja nicht, weil ich muß, sondern weil ich's kann.
Die Bänke am Fluß sind nicht bloß besetzt, sondern umlagert; Leute stehen davor, stützen sich von hinten auf die Rückenlehne. Alle Bänke bis auf eine: darauf sitzt eine einzelne Gestalt mit lackroter Haut, von der Schuppen schneien, und kratzt sich mit beiden Händen. Der Wind trägt einen medizinischen Geruch herüber. So viel Platz hat hier niemand sonst.
Vorzuhalten sind (Angaben pro Person):
1 Sack Reis; 18 Badewannen Wasser (wahlweise 1 kl. Stausee); 1 geliebte Garnitur Eßgeschirr und -besteck; 1 Schweizer Taschenmesser, mit alles und scharf; 2 Flaschen Champagner; 1 Spaten; 1 Lexikon, gebunden, Jahrgang egal; Landkarten; Häkelwolle; Kernseife; Tanzmusik; Tiere, alle Arten, jeweils Stücker zwo.
1 Draht zur Gottheit der Wahl.
Warme Hände. Duft von Kaffee. Der Strom, wie er nicht müde wird zu fließen.
Ein Stück gehen; etwas schreiben. Pläne. Vorhaben, und sich nichts davon erwarten.
In der Stadt die kleinen Kinder, die Tauben jagen, und jedes denkt, gleich, gleiiich –
Gute Geschichten, egal welcher Farbe.
Daß M. mir versprochen hat, nicht vor mir zu sterben. Alte Schule: Ladies first. (Doch, das beruhigt.)
Geht vorbei, alles. Nicht notwendigerweise gut, aber: vorbei.
Meine Freiheit ist: abtauchen. Vom Radar verschwinden. Aus dem Raster fallen. Unbehelligt, unbewertet, unbeobachtet Privatsachen tun können.
Wir leben in einer Solidargesellschaft. Alle zahlen Steuern, Beiträge, Rücklagen für Man-weiß-es-nicht, und auch Raucher haben eine Krankenversicherung, Raser eine Unfallversicherung, auch Leute mit geringem Karriereinstinkt ein notdürftiges Auskommen. Wir haben in gewissen Grenzen die Freiheit, Dummheiten zu machen. Diese Freiheit sind wir im Begriff, aufzugeben zugunsten von ... ja, was? Der absoluten individuellen Verantwortlichkeit. Niedrigere Beiträge für Nichtraucher, geringere Kreditwürdigkeit für Leute aus der falschen Wohngegend. Alles passend nach Datenlage zugeschnitten. Risikominimierung.
"Früher bin ich einfach losgelaufen, zwanzig, dreißig Kilometer durch den Wald. Unbesorgt. Würde ich irgendwo umfallen oder mir den Knöchel brechen, würde es heute heißen, wieso hat der kein Mobiltelefon dabei gehabt?"
Es geht vielleicht irgendwann nicht mehr darum, die Privatsphäre als persönlichen sicheren Raum zu verteidigen, sondern als einen der Unsicherheit. Unverwertbarkeit.
– Was möchten Sie, daß aus Ihrem Kind einmal wird? – Es soll ein gutes Leben haben, überall zurechtkommen, keinen Mangel leiden. Es soll sich mal aussuchen können, wie es lebt.
Als ein guter Grund, einen Teil der Freiheit wegzuschenken, gilt landläufig die Liebe.
Von. Und zu.
Die Krähenvögel, die auf der Autobahn von der Fahrspur flüchten bis exakt über die durchgezogene weiße Linie; und wie sie dann dahinter stehen, als könne ihnen keiner was.
Herzblut plus Kürzen, Kürzen und Kürzen, oder so ungefähr doch. Und dann sind sie mir doch nicht alle gleich lieb. Man weiß vorher nie, wie sie werden (außer: kurz).
Geschichten sind der Leim, auf den ich fliege; mit denen kann man mich beschenken, entlohnen, verzaubern. Manchmal ist es eine Formulierung oder die Stimme, eine Geste, ein Blick. Oder es ist die Tatsache, daß diese Erzählung nur für genau ihren Erzähler wahr ist.
Dann natürlich: daß wir in Geschichten leben; daß wir gute Enden brauchen, nicht: glückliche, sondern solche, die nicht verloren sind. Ach ja, und das überall greifbare Gefühl, die große Erzählung, in der wir uns gerade befinden, könne nirgends hin führen oder eine böse Wendung nehmen. Meinerseits Gewißheit: es wird weitergehen, denn wir sind Menschen.
M. schreibt, was viele lesen würden, hinter verschlossener Tür (ich bestaune das); D. kippt sich aus und seziert sich und teilt sich mit der Welt (danke dafür). T., dessen Geschichten ich so mag, will kein Blog (schade).