Zwar verläuft sich der Strom der Wanderer mittlerweile – Wispertalsteig, Lahn-Camino, Moselsteig, der etwas unglücklich benamste Ahrsteig: wandern kann man überall –, doch ähnelt der Rheinsteig an manchen Tagen einer Ameisenstraße. Man reiht sich ein in den bunten Treck, erkennt Hüte, Rucksäcke, Trikots wieder und wieder, grüßt sich irgendwann, und beim nächsten Mal gebt ihr ein aus.
Anders die Entgegenkommenden: jeden sieht man nur einmal, aber sie fallen mehr auf. Einige hört man von weitem schon, und während man auf dem Weg zur Seite rückt, schaut man sich an. Mindestens kurz.
Die Leute sind unterschiedlich höflich. Manchen merkt man an, daß sie eigentlich lieber allein hier wären. Das geht mir ähnlich: mein Territorium erweitert sich, wenn ich draußen bin; die Anwesenheit anderer empfinde ich als Störung: was machen die hier in meinem Urlaub!
Ich übe mich daher in Freundlichkeit: Treffe ich Einzelne, grüße ich. Bei Gruppen sage ich der ersten in der Schlange Hallo und dem letzten, denen dazwischen nicke ich nur zu. Auf schmalen Pfaden bleibe ich stehen und lasse Ältere, Ungeübte, Erschöpfte vorbei. Läßt jemand mich vorbei, bedanke ich mich. Zwei, drei Mal habe ich Hilfe angeboten, als mir das nötig schien.
Anders als die Angewohnheit, draußen keine Spuren zu hinterlassen, ist das eine Entscheidung gegen meinen eigenen Impuls, mich wortlos in die Büsche zu schlagen. Mein Verstand sagt mir: es geht nur freundlich mit den Menschen, und draußen zu Fuß unterwegs sind wir doch alle gleich.
(Radfahrer übrigens grüßen nie; die Ausnahme zu dieser Regel muß mir noch begegnen.)
Ich mag das: Menschen möglichst viel Raum in möglichst wenig Worten geben. Worte, die sich mit dem, was sie weglassen, zu erkennbaren Skizzen verdichten.
Dennoch gibt es Personen, die sich entziehen; bei denen ich mich scheue, auch nur den Anfangsbuchstaben ihres Namens zu notieren. Nicht aus Furcht vor Erkennbarkeit; eher um nicht etwas Schwebendes festzuschreiben. Oder: ihm nicht gerecht zu werden.
Mit manchen dieser Menschen beschäftige ich mich gedanklich, schriftlich und im Leben. Manche kommen sogar in meinen Textchen vor, doch ohne daß da wirklich etwas über sie stünde; nichts Greifbares, nichts Gültiges.
Einer, von dem ich nicht weiß, ob er sich von mir kennen läßt (und ob ich's überhaupt richtig versuche). Einer, nah und vertraut, bei dem ich schier verzweifle über all das, was ich noch nicht weiß. Eine, die ich so lange kenne, daß ich sie vielleicht gar nicht mehr richtig sehe. Einer, den ich gar nicht kenne; nur das Mitgefühl, das mancher seiner Sätze in mir weckt. Eine, über die ich immer noch nicht hinweg bin.
Nicht nah genug, zu nah, das scheinen gute Gründe für ein Stillschweigen. Und dennoch lauere ich darauf, doch irgendwann die Worte zu finden, die mehr sind als die halbe Wahrheit.
Mein Herz schlägt da eigene Wege ein. Auf einmal halte ich die Luft an, und in mir geht die Sonne auf, während ich am liebsten hüpfen würde: Ist. Das. Wunderbar.
Es sind Menschen, Geschichten, Zufälle und Ideen, die mein Entzücken wecken: Menschen, die für etwas brennen. Ein Bild mit einer hübschen Absurdität. Kleine, um einen Fehler herum funktionierende Systeme; alte Gebräuche, die als schöne Hülle vorsichtig weitergereicht werden. Sinn abseits von Verdienst; die Würde des Kaputten. Dinge, die sich der Funktion entziehen, Menschen, die nicht passen wollen. Sehnsucht. Das Größere, nie Ganze auf den zweiten Blick.
Ein Teil meiner selbst schaut nachsichtig: Haste wieder was gefunden?, aber selbst dieser Teil wird ganz still, wenn es um Liebe geht, so unbegreiflich und zwecklos, wie sie nun eben ist, und wider alle Zerbrechlichkeit. Die macht mich lange froh, und ich fürchte wenig, solange es sie gibt.
Und wie ich traurig werden kann anstelle anderer, und wie sinnlos das ist. Menschen lassen sich nicht ändern oder gar retten; das können sie alles, alles nur selbst. Oder eben nicht. Aber gelassen zusehen, wie sich jemand ins Unglück bringt, dazu bin ich immer noch nicht alt genug.
Ich zähle zur recht großen Gruppe der Ungeselligen. Das ist mir nicht neu; doch was immer noch zwackt, ist, mißverstanden zu werden, aufgrund falscher Annahmen einen verkehrten Platz zugewiesen zu bekommen. Ich bin nicht Gruppentier genug, irgend etwas richtigzustellen.