Den Laden gibt es seit Jahrzehnten, ein heimlicher Dorfplatz inmitten der Stadt: hier kennt man sich bis ins dritte Glied. Frau F. leitet die Geschicke des Geschäfts, lächelnd und mit fester Hand, und Herr F. macht die Technik. Er kann das; er kann alles, was mit Maschinen zu tun hat. Im Iran war er Pipeline-Ingenieur oder wäre es geworden, wenn ihm nicht die Politik dazwischengeraten wäre.
Herr F. ist ein Bilderbuch-Perser. Immer trägt er Weste, zugeknöpft. Mähne und Bart sind mittlerweile beinah weiß. Er ist stolz auf das, was er geschafft hat: Flucht mit Frau und Kindern, Deutschkurs, Weiterbildungen und Arbeit, Arbeit, Arbeit. Und natürlich dieses Geschäft, dessen zusammengewürfeltes Inventar er in Betrieb hält mit Schraubenschlüsseln und Erfindergeist.
Sein Akzent singt und hat diese dunkel gefärbten as, die ich so gern höre. Oft sagt er Sätze, in denen mein Herz vorkommt oder meine Seele, aber nur, wenn kein Fremder dabei ist. Bei traurigen Geschichten poltert er: nun, jeder ist seines Glückes Schmied, Leben ist grausam, mal geht es so, mal anders; doch Stunden später noch hört man ihn seufzen.
Die Bitterkeit ist ihm nicht fremd. Was alles hätte werden können, und die Ohnmacht; keine Schikane hat er vergessen, keinen Beamten, keinen Vorgesetzten, der ihm je das Leben schwer gemacht hat. Herr F. hat ein langes Gedächtnis. Immer noch sagt er: bei uns im Iran.
Dennoch, das Lachen liegt nur einen schlechten Witz entfernt, und es ist zuverlässig ansteckend. Diesem dröhnenden, tiefen Lachen von Herrn F. könnte sich höchstens eine Maschine entziehen. Wenn überhaupt.
Allmählich denken sie ans Aufhören, die F.s; irgendwann muß es gut sein. Ich schaue mich im Laden um, betrachte die Museumsstücke, die hier Arbeiten aller Art verrichten und deren Mechaniken stillestehen werden ohne die ständige Zuwendung von Herrn F.; ich sehe die Kunden, deren Unterlagen, Abschlußarbeiten, Lebensläufe hier verwaltet werden seit Generationen und deren Aufträge aus zwei, drei Worten bestehen: wie immer, bitte!, ich denke an büschelweise Geschichten und ahne tausend mehr und merke, wie sie selbst langsam zu Geschichten werden, die F.s und ihr Fotokopiergeschäft im Herzen der Stadt. Ohne sie wird es nicht mehr dasselbe sein.
Der Himmel ist hier schon nördlich; die Nacht verspätet sich und erreicht kaum den westlichen Rand des Landes. Es ist schön, dieses Land, doch nah kommt es mir nicht.
Ins Grün und Gelb des gewohnten Fernblicks mischt sich Blau, blau wie fern, wie Ferien, wie Himmel auf Erden. Die Stadt sitzt, ein spitziger Fleck getrockneten Bluts, inmitten von Wasserflächen wie Quecksilber und Vergißmeinnicht.
Ich habe mein ganzes Leben nicht so oft „Schöne Pfingsten“ gewünscht bekommen wie in diesen beiden Tagen im Osten der Republik.
Am Bahnsteig stehen zwei Studenten; sie kommen von einer Familienfeier. Einer liest laut ein Plakat: Giu...seppe, Giuseppe Verdi! Am vierten! – Ach, spielt der hier? – Nee, eine Oper von ihm. – Der ist doch auch schon tot, oder? Zumindest nicht mehr der Jüngste. – Wollte ich immer schon mal hören; da kommen wir wieder, ja?
Einer rührt mich; unterm Arm trägt er ein fleckiges Kopfkissen, und zwischen dem Wischen auf seinem Telefon gräbt er immer wieder die Nase hinein.
Lektüre in der Bahn: Meckel, Licht, dieses schmale Bändchen, das sich vor zwölf Jahren nicht und nicht fertig lesen ließ. Heute ist das Traurige in den Hintergrund getreten; ich staune vor der wunderbaren Sprache, vor dem genauen Blick des Erzählenden auf die Liebe, der ihr doch alles Geheimnis läßt.
Und, schade, doch kein astronomischer Service an Bord des Zuges.
Der Himmel trägt Wolken, die vor allem uns wie gemalt erscheinen, die wir mit Sekt und Brezeln im Theaterfoyer an den himmelhohen Fenstern stehen und die Pause vom Schauen mit Schauen zubringen.
Und wie schön all die Menschen sind, die mir auf dem Heimweg begegnen.
Bei einem der Studenten im Haus tritt eine Dame, die aussieht wie er ohne Vollbart, mit Kittel und Schrubber vor die Tür. Mir damals wäre das unendlich peinlich gewesen, bzw.: das hätte es nicht gegeben, ganz einfach; aber die Zeiten, sie ändern sich.
(Wenn ich mich allerdings recht erinnere, hat mir meine Mutter mal nach einem Umzug den Blumentopf hinterhergefahren, den in der WG keiner haben wollte. Die Pflanze klebte mit allem, was grün war, an der Windschutzscheibe, und so fuhr meine Mutter mit einem üppigen Topf Cannabis sativa auf dem Beifahrersitz quer durch Bayern. Ich habe ihr nie erzählt, was sie da transportiert hatte, und auch nicht, daß das Kraut nach kurzer Zeit in meiner Pflege eingegangen ist.)
Und jeden Morgen zeigt mir die Fassade gegenüber in Spiegelungen, grau oder gold oder blau, den Himmel.
Es ist Mai. Vorhang auf für den Sommer.
Nach sieben Jahren hier möchte ich nun einfach schreiben, ohne Schnickschnack, ohne social und werbefrei.
Devise: mehr Text; weniger Bild.
Mal sehen, was das gibt.
Postscriptum in Zeiten der unkontrolliert weidenden Large Language Models, die überall hinkacken:
Hier wird mit eigenen Augen gesehen, im Kopf formuliert und von Hand getippt. Sollten Halluzinationen zu finden sein, sind das meine persönlichen und haben entweder Gründe oder Spaß gemacht.