Die Mutter steht am offenen Fenster und kämmt ihre drei kleinen Töchter, zwei dunkel, eine hell. Am Ende zupft sie die langen Haare aus der Bürste und läßt sie vom Wind davontragen. Draußen warten schon die Vögel, stürzen sich aus den Bäumen auf die leichten Bäusche und pflücken sie aus der Luft. Die Kinder schauen mit runden Augen zu: Was wollen die damit? – Nun, die nehmen euer Haar als Polster für ihre Nester, damit es die Vogeljungen schön weich haben.
Eins der drei Mädchen war ich. Der Gedanke gefällt mir noch heute: Federbetten für kleine Vögel; besser als die Vorstellung von Vogelnestern auf dem Kopf.
Der Dichter von damals ist heute Schriftsteller. Ich habe noch nichts von ihm gelesen; aber das Genre hätte er mir ohnehin nicht zugetraut.
Erstaunlich, plötzlich neben zwanzig vergangenen Jahren zu stehen. Er weiß meinen Namen noch, ich sein Autokennzeichen. Was machst du so? nur ironisch; in den Gesprächsflauten Gekicher. Er ist auf der Hut, wer könnte es ihm verdenken; immerhin ist er einigermaßen berühmt, und er hat einen einsamen Beruf.
So unverhofft wie ihn treffe ich auch das junge Ding wieder, das ich damals war. Zu jung für Zukunft, zu jung, um andere Menschen wirklich zu sehen; und doch dachte ich damals: der kann was. (Heute klopfe ich mir innerlich auf die Schulter: na bitte.) Und ich merke, wie viel von dem jungen Ding noch übrig ist – die Gedankensprünge, der Spaß am Absurden, die Zerstreutheit (schlimmer geworden). Die Mischung aus Schüchternheit und Impulsivität, inzwischen geglättet und poliert von Benimm.
Dafür sehe ich heute viel genauer, verstehe mehr.
Am Ende tauschen wir Mailadressen aus, der Schriftsteller und ich.
Blog zum Vergnügen. Keine weiteren Absichten.
Wird langzeitarchiviert.
Des weiteren: Texte alle meine. Für Links hafte ich nicht.
Kontaktdaten nur aus triftigen Gründen.
[zur Zeit nur per Kommentar erreichbar]
Die Definition von Unglück ist einfacher als die von Glück. Vielleicht ist das der Grund, warum so viele Menschen so viel mehr von ihrem Unglück reden.
Um sich selbst kreisen und sich im Weg stehen, sich am eigenen Schopfe aus dem Sumpf ziehen, den Staub von den Sohlen schütteln. Irgendwas geht immer.
Zum Glück muß man wohl ein großes Talent haben; zum Unglück womöglich noch größeres.
Soll bloß keiner denken, er wisse, wie die Façon aussieht, nach der ein anderer glücklich zu werden habe.
Schenken ist oft so viel leichter als annehmen. Aber was muß ein Mensch erlebt haben, der in jeder Gabe ein Gift vermutet?
Und mit Ansprüchen und Erwartungen ... ach, fangen wir gar nicht an damit. Immer diese meine Marotte, verstehen zu wollen. Als würde das glücklich machen.
Die Wirtin, die auch mit zwei neuen Knien und einer neuen Hüfte nicht aufgibt. Mit dem Rollator pendelt sie lächelnd zwischen Küche und Gastraum, Geschirr und Besteck und selbstgekochte Marmelade vorn im Transportkorb. Wer hätte da das Herz, sich wegen einer nicht ganz sauberen Tasse zu beschweren?
Die Lehrerin, die bei jedem Fehler sagt: macht doch nichts!, und der größte Fehler wäre, ihr das abzunehmen.
Der alte Mann, der seine Besitztümer auflistet, mit Kaufpreis und Anschaffungsdatum. Er kann die Listen nicht mehr lesen, er kann nicht einmal die Dinge sehen, die er zittrig notiert. Er ordnet und ordnet und ordnet, und ich weiß nicht, ob ich verstehen will, wieso.
Die Frau, die mitten in der Stadt das einzige Grün beackert, das es für sie gibt: die Baumscheibe zwischen den Parkplätzen vorm Haus. Gartenblumen hat sie darin, nichts Eßbares – die Hunde; manchmal klingelt sie und bittet, man möge ein Auto etwas zur Seite fahren, damit sie jäten kann. Dann beschließt die Stadt: Sanierung. Die Straße wird aufgerissen, die Bäume fallen, und das kleine Beet mit den eben erblühten Tagetes: weggebaggert. Die Baumscheibe soll einen Deckel aus Metall bekommen, gegen die Hunde.
Das kleine Mädchen, das in Müdigkeit und Bedrängnis nicht nach einem Stofftier jammert oder einer Kuscheldecke, sondern nach: ein Buch, ein Buch!
Der waschechte Ingenieur, Ingenieur und nichts als Ingenieur, der die Welt zerlegt und repariert und dem Poesie so nutzlos wie ein Kropf erscheint – und der dann so ein zartes, schönes Ding sagt über Spatzen, so schön, daß es mir den Atem verschlägt. (Und das vergessen zu haben ich mich gräme.)
Nächste Seite