Dolly Parton, weiß T beim Kaffee, habe mal an einem Dolly-Parton-Ähnlichkeitswettbewerb teilgenommen und den zweiten Platz belegt. Zwei Tische weiter fällt einem Mann die Kuchengabel auf den Teller.

Wenn ich mit T irgendwo Kaffee trinke, haben wir eigentlich immer Publikum, egal ob er aus seiner Zeit als Lokalreporter oder von damals ausm Dorf erzählt. Einmal, da war noch H dabei, wandelnes Linguistik-, Elektrotechnik- und Küchenlexikon, kam eine Frau extra an unseren Tisch, um uns zu sagen, sie habe ja noch nie einem so inspirierenden Gespräch gelauscht.

Leider, da sind T und ich uns einig, fehlt in unserer Stadt ein Café, wo man stundenlang in wechselnden Tischgesellschaften Stammgast sein könnte. Wir trauern dann unserem Kleinstadtkaffeehaus nach, einem Tortenparadies mit schwedischen Designtapeten, das in den Neunzigern schloß; wenn so was hier eröffnen würde – also, wir wären da. Wird aber vermutlich nicht passieren. Solche Cafés kann man heute nicht mehr machen. Hachja, seufzt T, früher. Da hatte man noch Zeit; da war früher alles besser und die Zukunft trotzdem rosig.





Die Tage werden merklich kürzer. Mauersegler, die dieses Jahr spät geschlüpft sind, werden nun bald vergeblich in ihren Nestern warten, daß die Eltern Futter bringen; irgendwann werden sie, von Hunger und innerer Unruhe angetrieben, zum Ausgang der Bruthöhle hüpfen und zum ersten Mal hinausschauen. Sie waren noch nie in der Luft. Abends dann stürzen sie sich in die Tiefe und fliegen achttausend Kilometer nonstop bis über den Äquator. (Manche von ihnen werden, wenn sie im nächsten Mai zurückkehren, ihre Bruthöhlen nicht mehr vorfinden: in der Stadt saniert und baut man gerade Dächer aus. Die Segler werden trotzdem Jahr für Jahr die Fassaden anfliegen und die alten Nesteingänge suchen.)

Im Naturschutzgebiet kommen sie uns entgegen, eine kleine Kette, drei plüschig graue zwischen zwei prachtvollen weißen Tieren: die Schwanenfamilie flußab-, wir drei in unseren Paddelbooten flußaufwärts. Wir halten den Abstand maximal. Als wir glücklich vorüber sind, hebt hinter uns ein gewaltiges Getöse an: einer der Altschwäne startet zum Flug und rennt über den Fluß, schwingenschlagend und schnaufend, auf uns zu und peitscht mit seinen Schwimmfüßen die Wasseroberfläche. Er hebt dann aber doch nicht ab, sondern bremst abrupt, so daß uns seine Bugwelle weiter den Fluß hinaufschiebt. Dann wohl keine Schwanenküken zum Abendessen, witzeln wir; aber wir haben verstanden.

Der Fluß führt Hochwasser, die Uferpflanzen treiben wie Tang unter der Oberfläche. Wieder ist es eine Schwanenfamilie, diesmal mit zwei Jungen, die in Formation am Uferrand gegen die Strömung ankämpfen. Der vordere der Altvögel steuert die fast überspülte Kaimauer an und wuchtet sich hinauf, um den Landeplatz zu sichern. Zeitgleich mit den Jungtieren kommen die Spaziergänger an, ein ganzer Schwarm, Kameras gezückt und auf die Vögel gerichtet. Ehe diese sich auch nur niederlassen können, brechen die Alten den Versuch ab und scheuchen die erschöpften Kleinen ins Wasser zurück. Die Menschen am Ufer verlaufen sich so schnell, wie sie eben gekommen sind, und tippen Kommentare zu den Schwanenfotos in ihre Telefone.





Der Radweg versackt in schlammigem Wasser, das Geländer hält sich etwas länger oben. Mit der Strömung rutschen die Möwen draußen auf dem Fluß rückwärts, fliegen auf, setzen sich dann stromaufwärts aufs Wasser und treiben, Bürzel voran, wieder vorbei. Das andere Ufer ist so weit weg wie selten. Es weht eisig auf der Promenade.

Am Anleger lecken Wellen, jemand hat auf die Kaimauer einen Eßzimmerstuhl gestellt. Ein Mann kauert auf den Stufen daneben, wo sie gerade noch trocken sind, und spielt Mundharmonika.

Einen anderer kommt mir entgegen, er wird auch näher kaum größer, der Hut wie von einem Erwachsenen geborgt, der Mantel aus Flicken wie Gefieder, die Füße ragen aus weiten Hosenbeinen. Er spricht lebhaft, dem Fluß zugewandt, ich verstehe kein Wort. Ich kann nicht anders, nach ihm drehe ich mich um, vielleicht breitet er die Flügel aus und fliegt übers Wasser davon, mit den Möwen spielen, vielleicht.





Mit T spiele ich gelegentlich "... könnte eine Band heißen", wenn wir über seltsame Wörter stolpern. Die düpierten Architekten, Kolonne ohne Einsatzort, Echthaartoupet ... Harry Rowohlt habe mal abgelehnt, einen Bandnamen aus dem Englischen zu übersetzen mit der Begründung, die Rolling Stones hießen ja auf Deutsch auch nicht Sich regen bringt Segen. Ich hätte eher gedacht, Wer rastet, der rostet; darüber streiten wir ein bißchen.

Vor zwanzig oder vierzig Jahren (wenn man Zeitangaben in D-Mark umrechnet, stimmt's meist) spielte im Landkreis mal, erzählt T, eine Band namens Eintritt frei; das gab Ärger.

Ich erinnere mich an ein Gemeindehaus-Konzert. Die Band mischte Neue Deutsche Welle mit Easy-Listening-Jazz. Mein Freund spielte Trompete, Saxophonisten und Schlagzeuger waren Brüder. Der Sänger und Gitarrist machte die Texte: Er ist kein Kommissar (... schwab-schwab-didab ...) und nicht beim BKA (... dab-didab ...) doch er ist wunderbar (... dadadaa daa daa daaaaaaa ...) er heißt Matulaaaa .... Völlig banane, aber ging ins Ohr.

Als die Band auf die Bühne trat, standen unten im Saal sämtliche Metalfans, die das Städtchen aufzubieten hatte, und starrten auf die Querflötistin (Freundin des Sängers), die sofort losnörgelte: Orr, ich hab doch gesagt, Black Penis ist bescheuert als Name!

Die einzig existente Probenaufnahme von Black Penis (auf Kassette) wurde weit vor der Jahrtausendwende von einem Autoradio gefressen. Wirklich und wahrhaftig: vergessene Musik.

   Wieso lachst du?
   Na: könnte eine Band heißen.





Die Bäckerei liegt einen Steinwurf abseits der Trampelpfade, nicht einmal ein Name steht am Schaufenster, das gefüllt ist mit knusprigem Gebäck. Die Einrichtung hat Jahrzehnte überdauert, Holz und Glas ohne Schnörkel, eine winzige Theke mit Zeitung und Zucker und Papiertüchelchen, eine Kühlvitrine für Sahniges, eine tüchtige weiße Espressomaschine, ein Schwarzes Brett, ein Spielautomat. Kaum Platz zum Umdrehen. Die Uhr geht ein bißchen nach.

Ich nehme einen starken Espresso, dazu einen fritierten Reisfladen und eine Art Pastel, frisch und warm. Hinter dem Schiebefenster zur Backstube arbeiten die Bäcker, mindestens drei, und Maschinen, die aussehen, als hätten sie schon viel erlebt. Die Schüsseln sind gewaltig. Eine Maschine mit blanken Gelenken knetet, ein Mann schlägt grimmig Eiermasse. Das hier, zeigt der Chef auf den Reisfladen, gibt es überall auf der iberischen Halbinsel, aber das hier: das ist Bilbao. Es schmeckt himmlisch.

Derweil kommen Leute in den Laden, wechseln ein paar Worte auf Spanisch oder in ihrer Rätselsprache und gehen wieder mit einem Brot, etwas Süßem. Der Abschiedsgruß, hin und her, klingt schön, A, ein kaum gestreiftes J, langgezogenes U und am Ende eine Ahnung von R, und mischt sich mit der Süße meines Gebäcks. Ich bin gefangen wie die Fliege in Karamel.

Vom zweiten Tag an werde auch ich mit diesem schwebenden Agur! verabschiedet, obwohl ich niemals Stammkundin sein werde; außer natürlich in meiner Erinnerung.