T hatte eine Dorfkindheit, sieben Jahre und sieben Kilometer entfernt; was er erzählt: kenn ich.

Wie gern er, noch kein Schulkind, Brot gekauft hat, weil's so gut roch in der Bäckerei; und wie ihn immer irgendjemand fragte: wem bisch du dann?, und, wenn er brav antwortete, ach, es Langmanns ihrs!, dabei hieß er gar nicht Langmann und auch seine Familie nicht. Langmann war der Mädchenname seiner Mutter gewesen. Der Vater, von überm Fluß her zugezogen und evangelisch!, hieß im Dorf: Langmanns Annelies ihr Mann.

Als dieser früh starb, wurde er auf dem Friedhof mitten im Ort begraben, und zwar – das begriff T erst später – da, wo die ungetauften Kinder und die Selbstmörder lagen. Die Familie rächte sich und stellte einen Grabstein auf, der ganz und gar nicht der Tradition im Ort und auch nicht dem Regularium der Friedhofsverwaltung entsprach; aber wer hätte Langmanns Annelies das abschlagen wollen?

T zog, sobald er konnte, in die übernächste Stadt. Heute fährt er nur noch ins Dorf, um beim Grab nach dem Rechten zu sehen.





Die Konditorei ist winzig, Meister C steht in der Backstube, Frau C macht Verkauf und Café. Selbst wenn die Tische alle voll besetzt wären, wären’s keine zwanzig Gäste; und jetzt, na, müssen wir nicht von reden.

Es ist schon ein paar Jahre her, daß Frau C erzählte, ihr Mann mache ja alles alleine, aber nun kriegten sie ein Lehrmädchen. Ausnahmsweise. Früher waren sie Ausbildungsbetrieb, immer zweidrei Lehrlinge; das sei vorbei. Und nun: Lehrmädchen. Einmal noch, vor der Rente.

Das Lehrmädchen bekam ich nie zu Gesicht. Aber es standen auf einmal andere Torten in der Vitrine, nicht gar so routiniert gebaut, geschmackliche Volltreffer. Löffelbisquits kommen in der Prüfung dran, das muß sie jetzt üben, sagte Frau C, und ich freute mich wochenlang an dem immer hübscher werdenden Zuckerzeug.

Ihr Lehrmädchen ist begabt, bemerkte ich einmal – und erntete Schweigen. Backen kann sie, räumte Frau C schließlich ein, aber (raunend) sie ist nicht belastbar. Fix und fertig, und die Arbeit ist erst halb getan. Die jungen Leute … Aha, sagte ich und ließ mir noch eine etwas schiefe Orangenschnitte einpacken.

Nächsten Monat macht sie Abschluß, bekam ich irgendwann erzählt. Der Meister selbst kam aus der Backstube, um bedenklich den Kopf zu wiegen: Na, das wird was! – Ich kaufte gleich drei Tütchen Mini-Florentiner, vorsichtshalber.

Ein paar Wochen später wollte ich’s dann wissen: Und? Hat sie bestanden? – Mit Eins, hieß es knapp. – Ach! Und wie geht’s jetzt weiter? – Gar nicht. Sie geht jetzt studieren, Medizin; das war ja klar, der Vater Chefarzt …

Seither gibt es keine interessanten Torten mehr, und auch keine Zimtschnecken und keine Geschichten. Das Lehrmädchen kommt nur mehr als Nichterwähnung vor: Nein, Löffelbisquits haben wir nicht. Die Zeit hat er gar nicht, er macht ja alles alleine.





Warm? Oder kalt? Aß ich als Kind nicht gern; dabei mochte ich bloß keinen Zimt. Das einzige, was in der Mensa ging. In meiner Vorstellung der süße Brei aus dem Märchen. Manche Kinder glaubten, "Zuckerzimt" sei ein Gewürz. Das Familienrezept: langwierig gebacken mit Quark und Rosinen, die wieder prall wurden in der schweren, körnigen Masse. Die Geschichte vom Reistopf, der nach dem Aufkochen ein paar Stunden ins Bett mußte, unter die Daunendecke. Der französische, wie Suppe mit süßer Milch und einer Messerspitze Zitrusschale. Immer, wenn ich die halbleere Reistüte oben abschneide, muß ich an Herrn Mark denken, der das auch machte. Ach.





Als kleines Kind faszinierte es mich: Die Männer im Dorf, denen immer eine Kippe auf der Unterlippe klebte. Die Ladenbesitzerin, deren Zeige- und Mittelfinger unabwaschbar gelb waren. Qualm, der im Gasthaus an die graue Decke stieg; glühende Punkte im Weinzelt bei der Kerb. Rauchen war gleich Erwachsensein.

Mein Vater erzählte vom Hungern in der Kriegsgefangenschaft, wie sie sich gegenseitig den Appetit verdarben, um selbst mehr zu bekommen. Das, oder Essen gegen Zigaretten tauschten, die so gut waren wie Geld. – Warum? – Alle wollten Zigaretten haben, alle rauchten. – Du etwa auch?? – Ja natürlich, ich auch. – Und warum rauchst du jetzt nicht mehr? – Davon wird man krank. Dein Opa ist dran gestorben. – Und warum wollen dann alle rauchen? – Wollen? Die wollen ja nicht, die müssen!

Die müssen!, das ist mir im Ohr geblieben und hat mich fürs Leben gegens Rauchen gefeit. Später habe ich gedacht, daß vielleicht genau das meinen Vater zum Entzug gebracht hat nach dem Krieg: daß er es leid war, abhängig zu sein. Um im Tauschhandel das begehrte Gut nicht zu brauchen, sondern darüber zu verfügen.





Dolly Parton, weiß T beim Kaffee, habe mal an einem Dolly-Parton-Ähnlichkeitswettbewerb teilgenommen und den zweiten Platz belegt. Zwei Tische weiter fällt einem Mann die Kuchengabel auf den Teller.

Wenn ich mit T irgendwo Kaffee trinke, haben wir eigentlich immer Publikum, egal ob er aus seiner Zeit als Lokalreporter oder von damals ausm Dorf erzählt. Einmal, da war noch H dabei, wandelndes Linguistik-, Elektrotechnik- und Küchenlexikon, kam eine Frau extra an den Tisch, um uns zu sagen, sie habe ja noch nie einem so inspirierenden Gespräch gelauscht.

Leider, da sind T und ich uns einig, fehlt in unserer Stadt ein Café, wo man stundenlang in wechselnden Tischgesellschaften Stammgast sein könnte. Wir trauern dann unserem Kleinstadtkaffeehaus nach, einem Tortenparadies mit schwedischen Designtapeten, das in den Neunzigern schloß; wenn so was hier eröffnen würde – also, wir wären da. Wird aber vermutlich nicht passieren. Solche Cafés kann man heute nicht mehr machen. Hachja, seufzt T, früher. Da hatte man noch Zeit; da war früher alles besser und die Zukunft trotzdem rosig.