Die beiden Chefs arbeiteten, so lange ich sie kenne, immer in einem Raum. Eigentlich hatten sie Pfarrer werden wollen, bis zum Vikariat hatten sie's schon geschafft, aber es kommt eben doch manchmal anders; nun leiten sie seit fünfundzwanzig Jahren gemeinsam ein Institut.

Komm rein, sagt U. und führt mich in sein neues Büro. Groß, hell, an den Wänden Fotos von Reisen und Familie, Pinwände, Wacken-Plakate und Motorradzubehör; sogar die Hotel-Schuhputzmaschine, die er zum Zehnjährigen von der Belegschaft bekommen hat, hat Platz gefunden. Aus den Rechnerlautsprechern schallt Heavy Metal. U. dreht leiser, bevor er an die Verbindungstür zu R.s Büro klopft.

Bei R. könnte man eine Stecknadel fallen hören. Die Jugendstilmöbel, Schrank und Schreibtisch und Bücherregal aus Familienbesitz, geben dem Raum trotz seiner Kargheit etwas Wohnliches; dem Fenster gegenüber hängt ein Pina-Bausch-Poster. R. faltet sich aus seinem Schreibtischstuhl und grinst; man sieht mir wohl meine Entgeisterung an. Wie hat das alles, frage ich, wie habt ihr jemals in ein Zimmer gepaßt?

Zum Abschied klopfe ich diesmal an zwei Türen, laut an die eine, an die andere leise.





H. ist königlich noch, wenn sie in Turnschuhen zum Briefkasten geht; alles wendet sich ihr zu. Ihre Stimme ist hell und weich und klingt leise nach ihrer Heimat. H.s Geschichten, das war schon immer so, sind drastisch und landen schnell auf dem Friedhof, und oft grübele ich nachher, hat sie das wirklich gesagt?

H. reagiert auf Unterbrechungen, indem sie einfach lauter spricht. In ihrem unaufhaltsamen Fluß von Worten blitzt es manchmal auf, treibt eine Formulierung vorbei, ein Satz oder mehrere, die klingen wie von hundertjährigem Gebrauch so zugerichtet, daß sie sich in meinem Gedächtnis verhaken, aber während ich noch diesem Ton nachsinne, geht es schon weiter und weiter.

... den Sohn von der Schwester vom Großchen hatte ich am liebsten, ein gerahmtes Bild über der Anrichte, früher hat man das so gemacht, der hieß der schöne August, so schön!; fünfzehn war er, da ist ihm im Wingert das Pferd durchgegangen, ein furchtbares Unglück, schrecklich; ihn und sein Brüderchen hab ich sonntags immer gegossen ...

Schon im Sichten merke ich, daß da in meiner Erinnerung einfach nur Worte sind, wie die bunten Steine, die man im Bachwasser lassen muß, damit sie leuchten.





Zum Festakt hat mich T. mitgenommen, das sei unterhaltsam, man müsse auch nicht hungrig nach Hause gehen, und so sitze ich im Theater im geschniegelten Publikum.

Der Preisträger und sein Laudator sind wenig ernst und schrecklich sympathisch. T. und ich amüsieren uns; in der Reihe hinter uns, wo die Sitze Namenszettel tragen, zischelt es, das dauere diesmal aber lang.

Später stehen wir oberhalb eines Meeres kulturbeflissener Scheitel und testen Häppchen. Goldene Buffetregel: wenn was runterfällt, nicht mal gucken. T. zeigt mir Prominenz (... der da neben Martenstein, der Filmemacher, der ist auch aus B.; damals noch mit Haaren bis zum Arsch ...), aber ich kenne keinen, bis, ja, bis sich plötzlich die Menge teilt und, erhobenen Hauptes und ganz in Rot, Tante I. einen Autogrammwunsch an den Ausgezeichneten heranträgt; ihr Mann wartet im Mantel. Das letzte Mal habe ich sie auf einer Beerdigung gesehen, das erste Mal beugte sie sich auf einer Familienfeier voller Wohlwollen zu mir herab. Ich bin erfreut.

Eine Weile beobachten T. und ich dieselbe Frau, bleichgepudert, wunderschön, schulterfrei. Bald schwenkt sie das Haar auf die eine, bald auf die andere Seite; bald schmollt sie, bald lacht sie perlend, bald läßt sie die Brauen über dem schwarzen Brillenbalken tanzen. Eine ältere Frau kann die Hände kaum von ihr nehmen. So jung waren wir auch mal, sagt T. Nee, meine ich, in dem Alter war ich nie, und komme mir ein wenig ungerecht vor.

Wir wollen noch ein Bier trinken gehen, aber in der Kneipe ist es zu laut. Man ist ja nichts mehr gewöhnt.





Zu Neujahr hatte eine versucht, die Wohnungstür von außen durchzunagen. Wir hatten einander auf der Fußmatte überrascht; sie war schneller die Treppen runter als ich. Da paßt die nie im Leben durch, sagte H., als ich ihm den Spalt unterm Scharnier zeigte.

Als Steinchen im Flur lagen, glaubte er mir nicht, bis er's nachts in der Küche huschen sah. Ich wachte morgens zu fünf improvisierten Mausefallen auf, allesamt ohne Insassen. Dann spachtelte H. den Spalt an der Wohnungstür zu.

Am nächsten Morgen war die Spachtelmasse im Flur verteilt. Ist sie rein oder raus? Raus, entschied H. und entspannte sich, bis wir schwarze Köttel auf der Anrichte fanden. Wir verbarrikadierten die Küchentür mit Holzklötzen, Buche, daran müßte so ein Tierchen Stunden nagen, und H. stellte mehr Lebendfallen auf.

In der Nacht Geraschel von oben: In den Vorhängen turnte, muskulös und bei Licht betrachtet ziemlich unverschämt, die Maus. H. ging mit einer Kleiderstange auf die Jagd, die Beute jedoch verschwand einfach.

Dafür am Tag, das Haus sonst still, Radau im Flur. Ich sah die Maus, wie sie hinter einem Schrank hervorschoß, sah sie auch noch in meine Richtung flitzen, und dann, im vollen Lauf, löste sie sich in Luft auf. Potzblitz. Keine Spur, kein Schatten, nicht einmal ein Geräusch, nichts.

So geht das nun. Wir denken nach ein paar Tagen in Alarmbereitschaft, weg ist sie, abgewandert, verhungert vielleicht, und wenn wir gerade wieder etwas weniger wachsam werden wollen, zeigt sich die Maus.

H. informiert sich über Schnappfallen. Ich denke, diese Tierchen sind uns über. Die werden uns alle überleben, werden in unseren Vorhängen herumklettern, unsere Vorräte auffressen, wenn wir längst ausgestorben sind.





Die Charaktere, Trümmer von Geschichten, halbe Handlungsstränge, die sich in meinem Kopf herumtreiben, da müßte ich mal, das muß doch ...

Ach, sagt der Schriftsteller, das ist leicht gemacht; man braucht sich bloß von einem Schriftsteller beißen zu lassen, an einer gut sichtbaren Stelle, etwa unterm Auge (nicht ins Ohr, das ist zu schlecht durchblutet).

Er könne sich um die Angelegenheit kümmern, und im Aufwachen noch denke ich, wie schade, daß ich ihn nur angerufen und nicht gleich besucht habe.