Der Radweg versackt in schlammigem Wasser, das Geländer hält sich etwas länger oben. Mit der Strömung rutschen die Möwen draußen auf dem Fluß rückwärts, fliegen auf, setzen sich dann stromaufwärts aufs Wasser und treiben, Bürzel voran, wieder vorbei. Das andere Ufer ist so weit weg wie selten. Es weht eisig auf der Promenade.

Am Anleger lecken Wellen, jemand hat auf die Kaimauer einen Eßzimmerstuhl gestellt. Ein Mann kauert auf den Stufen daneben, wo sie gerade noch trocken sind, und spielt Mundharmonika.

Einen anderer kommt mir entgegen, er wird auch näher kaum größer, der Hut wie von einem Erwachsenen geborgt, der Mantel aus Flicken wie Gefieder, die Füße ragen aus weiten Hosenbeinen. Er spricht lebhaft, dem Fluß zugewandt, ich verstehe kein Wort. Ich kann nicht anders, nach ihm drehe ich mich um, vielleicht breitet er die Flügel aus und fliegt übers Wasser davon, mit den Möwen spielen, vielleicht.





Mit T spiele ich gelegentlich "... könnte eine Band heißen", wenn wir über seltsame Wörter stolpern. Die düpierten Architekten, Kolonne ohne Einsatzort, Echthaartoupet ... Harry Rowohlt habe mal abgelehnt, einen Bandnamen aus dem Englischen zu übersetzen mit der Begründung, die Rolling Stones hießen ja auf Deutsch auch nicht Sich regen bringt Segen. Ich hätte eher gedacht, Wer rastet, der rostet; darüber streiten wir ein bißchen.

Vor zwanzig oder vierzig Jahren (wenn man Zeitangaben in D-Mark umrechnet, stimmt's meist) spielte im Landkreis mal, erzählt T, eine Band namens Eintritt frei; das gab Ärger.

Ich erinnere mich an ein Gemeindehaus-Konzert. Die Band mischte Neue Deutsche Welle mit Easy-Listening-Jazz. Mein Freund spielte Trompete, Saxophonisten und Schlagzeuger waren Brüder. Der Sänger und Gitarrist machte die Texte: Er ist kein Kommissar (... schwab-schwab-didab ...) und nicht beim BKA (... dab-didab ...) doch er ist wunderbar (... dadadaa daa daa daaaaaaa ...) er heißt Matulaaaa .... Völlig banane, aber ging ins Ohr.

Als die Band auf die Bühne trat, standen unten im Saal sämtliche Metalfans, die das Städtchen aufzubieten hatte, und starrten auf die Querflötistin (Freundin des Sängers), die sofort losnörgelte: Orr, ich hab doch gesagt, Black Penis ist bescheuert als Name!

Die einzig existente Probenaufnahme von Black Penis (auf Kassette) wurde weit vor der Jahrtausendwende von einem Autoradio gefressen. Wirklich und wahrhaftig: vergessene Musik.

   Wieso lachst du?
   Na: könnte eine Band heißen.





Die Bäckerei liegt einen Steinwurf abseits der Trampelpfade, nicht einmal ein Name steht am Schaufenster, das gefüllt ist mit knusprigem Gebäck. Die Einrichtung hat Jahrzehnte überdauert, Holz und Glas ohne Schnörkel, eine winzige Theke mit Zeitung und Zucker und Papiertüchelchen, eine Kühlvitrine für Sahniges, eine tüchtige weiße Espressomaschine, ein Schwarzes Brett, ein Spielautomat. Kaum Platz zum Umdrehen. Die Uhr geht ein bißchen nach.

Ich nehme einen starken Espresso, dazu einen fritierten Reisfladen und eine Art Pastel, frisch und warm. Hinter dem Schiebefenster zur Backstube arbeiten die Bäcker, mindestens drei, und Maschinen, die aussehen, als hätten sie schon viel erlebt. Die Schüsseln sind gewaltig. Eine Maschine mit blanken Gelenken knetet, ein Mann schlägt grimmig Eiermasse. Das hier, zeigt der Chef auf den Reisfladen, gibt es überall auf der iberischen Halbinsel, aber das hier: das ist Bilbao. Es schmeckt himmlisch.

Derweil kommen Leute in den Laden, wechseln ein paar Worte auf Spanisch oder in ihrer Rätselsprache und gehen wieder mit einem Brot, etwas Süßem. Der Abschiedsgruß, hin und her, klingt schön, A, ein kaum gestreiftes J, langgezogenes U und am Ende eine Ahnung von R, und mischt sich mit der Süße meines Gebäcks. Ich bin gefangen wie die Fliege in Karamel.

Vom zweiten Tag an werde auch ich mit diesem schwebenden Agur! verabschiedet, obwohl ich niemals Stammkundin sein werde; außer natürlich in meiner Erinnerung.





Die schlimmste und die schönste Geschichte des Tages aber erzählt K, und es ist gut, daß der große Fluß dabei ist, denn ohne den wäre manches nicht auszuhalten.

Die schlimmste geht so: ein Video im Netz, gefilmt aus einem Auto am Straßenrand, zeigt, wie ein Viehtransporter ein Stück vom Schlachthof entfernt entladen wird; die Rinder müssen über eine Wiese getrieben werden und stolpern aus dem LKW, orientierungslos, manche verwundet, gar mit gebrochenen Beinen, geblendet vom ersten Mal Sonne. Zum ersten Mal Erde unter den Klauen, der erste Himmel und der erste Wind ihres Daseins: sie erleben gerade das Schönste, was sie je erleben durften, sie rufen, sie wittern, aber zum Grasrupfen läßt man ihnen keine Zeit, denn am anderen Ende der Wiese steht ja das Tor schon offen –

Die schönste Geschichte ist die von dem Kind, das mit anderthalb zum ersten Mal eine Amsel hört, die Erwachsenen zum Stehenbleiben zwingt und lauscht und lauscht, reglos vor Glück, und das dann für den Rest des Tages versucht, wie eine Amsel zu singen.

Ich vergesse beide Geschichten nicht und hoffe, wider alle Vernunft, daß die eine die andere irgendwie auflöst, daß die eine das Gegengift ist, daß sie das Kranke der anderen kurieren kann.





Über den Marktplatz spaziert ein Elternpaar mit Hund. Eine alte Dame bleibt stehen, begrüßt den Hund, begrüßt das Paar: Ich habe gehört, Sie hätten Junge gekriegt! Das ist ja toll!
  Ein Mädchen, korrigiert die junge Mutter, ja, gerade vor zwei Wochen.
  Und wo sind sie denn? Bestimmt zuhause?
  Nein, wir haben sie dabei, sagt der Vater und öffnet ein wenig die Jacke über dem Tragetuch.
  Ach, so nimmt man die heute? Wie die Babys?
  Das ist unser Baby!
  Aaaaach! Das hatte ich falsch verstanden! Die alte Dame beugt sich hinunter zu dem Hund. Ich dachte, sie hätte Junge gekriegt!
  Oh, neinnein, das ist ein Rüde ...
(T und ich bemühen uns, keinen Kaffee zu verschütten.)

Auf dem Markt gibt es Primeln im Topf für einen Euro; bei den Fahrradständern neben dem Rathaus blüht ein Löwenzahn, gelb und ganz umsonst.

Endlich wieder Schatten werfen!