Es sind immer noch deutlich mehr Männer, die meisten mit breiten Schultern und Händen, Ingenieure, Handwerker, Angestellte, Studenten, Familienväter. Viele Raucher. Sie wechseln schnelle Worte und bissige Scherze, man kennt sich ewig und ist auch über große Distanzen befreundet. Sie sehen, wo die Arbeit ist, und wissen anzupacken. Da drückt sich keiner.

Wenn der Alarm kommt, läßt man alles stehen und liegen; es rücken die aus, die am schnellsten in der Zentrale sind. Und dann kann es alles sein.

Den ersten vergißt man nicht, sagt A. Die Toten werden nicht weniger schlimm, aber der erste fällt einem immer wieder ein; der, und die Kinder. Die eigene Machtlosigkeit. Manche machen Witze darüber, andere machen es mit sich aus. Wieder andere reden. Da sind die Leute verschieden.

A hat sein Leben im Griff. Er sorgt vor. Er durchdenkt alles bis zum Ende. Er lacht leicht, und wenn er lacht, bebt der Boden; so lacht vielleicht nur einer, der weiß, daß nichts sicher ist als das Ende.





Meinen Wanderhut habe ich auf Empfehlung von E gekauft. E kann man fragen, er hat den Überblick über den Markt und kennt den Stand der Technik. Selber hat E lauter atemberaubend funktionale Dinge, allesamt arktissicher, erdbebenfest und haltbar bis in die Ewigkeit. Das Beste vom Besten.

So nun auch mein Hut: gut belüftet, reißfest, sogar schwimmen kann er. Ich paddle damit zwar nicht auf dem Amazonas, aber er krönt mein Ensemble aus Jeans und löchrigem T-Shirt, und auf den Feldwegen der deutschen Mittelgebirgslandschaften schützt er mich verläßlich vor Sonnenbrand auf der Nase.





R wird gehen, das steht nun fest.

Am Anfang, sagt U, war er wütend. Diese Ausfälle. Wie kann der kluge, witzige Mensch, den man dreißig Jahre kennt, plötzlich das Ausräumen des Geschirrs in der Teeküche nicht mehr auf die Kette kriegen? Überfordert sein von einer Spülmaschine? Von Akten? Von Gesprächen? Die Diagnose brachte Klarheit. Alles paßt zusammen, nur das Alter nicht.

Jeden Tag kommt R ins Büro; man merkt erst mal nichts, wenn man nicht länger mit ihm zu tun hat. U wird den Freund und Kompagnon nicht vor die Tür setzen. Das bringt er nicht; arbeitet er halt für zwei ...

R wird verschwinden, unkenntlich werden, fremd im eigenen Leben, und irgendwann wird er fort sein.

Mit schwerem Herzen denke ich an U.





Erinnerst du dich, fragt S beim Kaffee, an unsere alte Musiklehrerin? Natürlich erinnere ich mich. Frau F wollte mal Karriere als Konzertpianistin machen; aber ein Unfall, eine Verletzung der Hände – so wurde sie Lehrerin. Sie trug die Haare in einem roten Nest und hatte ein schönes, markantes Profil. Die Schüler lachten über sie. Eigentlich kam sie wohl nur in die Schule, um den Flügel zu benutzen; in ihren Freistunden füllte sie den gesamten Bau mit Musik.

Die ist jetzt auch im Heim, sagt S. Sie habe sie an das Klavier im Aufenthaltsraum gesetzt, um ihr eine Freude zu machen, aber Frau F habe vergessen, wie man spielt. Alles habe sie vergessen, vielleicht sogar die Musik ganz und gar.

So viele Demente, fährt S fort und nimmt sich Milch. Die Leute bleiben immer länger körperlich gesund, jaha, noch stimmt das; aber die Zähen, die, die Verzichten und Durchkommen gelernt haben, die sterben jetzt allmählich weg. Die Späteren, da ist S sicher, die können nichts mehr ab. Lauter Verweichlichte, die beim ersten Hindernis die Segel streichen. Bald hat sich das mit dem Immer-Älter-Werden, prophezeit S.

(T nennt sie "die Apokalyptische", wenn sie nicht da ist.)





Als ich an die Uni kam, stand Professor E kurz vor der Pensionierung. Klein, grau, verkniffen; sein Skript las er ab, ohne auch nur in den Hörsaal zu blicken.

C und ich waren die letzten, deren Arbeit er betreuen wollte. Da hörten wir dann die Geschichten: Ein Choleriker sei er, launisch, ungerecht. Seine Mitarbeiter hätten immer schon am Knallen der Tür gehört, ob man ihm aus dem Weg gehen müsse, um nicht heruntergeputzt zu werden. Keine Gnade, kein Verständnis für Fehler oder Versagen. Nun ließ er sich nur noch zu den Pflichtterminen blicken, denn er lag im Krieg mit dem gesamten Institut.

C und ich arbeiteten vor uns hin und mieden persönliche Kontakte mit Professor E. Irgendwann mußte es aber sein. Wir bereiteten uns vor wie aufs Jüngste Gericht und schliefen schlecht. Die Stufen zu seinem Haus schlichen wir empor wie zum Richtblock. Er öffnete grimmig, wie gewohnt, führte uns durch eine stilreine 60er-Jahre-Wohnung und plazierte uns an einem Tisch. Kaffee? Milch, Zucker?

Ja, die Arbeit. Erfreulich, erfreulich. So aufwendig; die Auswertung besser simpel und methodisch wasserdicht. Das und das würde er vorschlagen.

Dann tischte er Erdbeerkuchen auf, mit Schlagsahne, und wir unterhielten uns. Er war nach dem Krieg in einer zerbombten Großstadt großgeworden; Hunger und alles, sagte er, aber für Kinder? Die ganze Welt ein Abenteuerspielplatz, und unvorstellbare Freiheiten.

Kneif mich mal, sagte C, nachdem wir das Haus verlassen hatten.

Den kriegerischen E bekamen wir auch zu sehen: Bei der Vorstellung unserer Arbeit wagte ein anderer Professor zu mäkeln. Der Rückzieher war eilig.

Zur offiziellen Verabschiedung von Professor E gab es Vorträge von den Legenden des Fachs, deren Namen ich von den Buchdeckeln der Standardwerke kannte. Sein Zimmer im Institut räumte er prompt und gründlich – er wollte nichts mehr mit dem Fachbereich zu tun haben, der zur Unkenntlichkeit reformiert worden war.

Ich besitze heute seine Schreibtischlampe, die ich über Umwege bekam.