Mit Katzenohrenmütze und schwarzem Nagellack ist M eine höchst modebewußte Erscheinung. Die Streublümchenjacke ist ganz neu; wir bewundern das glänzende Innenfutter.

M scheint es nichts auszumachen, mit so vielen älteren Herrschaften unterwegs zu sein. Wir amüsieren uns prächtig; M interessiert sich für Sprachen, fürs Kochen und für Bücher (und so höflich: Neil Gaiman, nein, nie gehört, da bin ich wohl nicht ganz up-to-date).

Ich bin entzückt. Mich freuen Ms Perlenohrringe und Haarspängelchen und die Geschichten vom Studium als Tiefbauingenieur. Er ist ein sehr junger Absolvent, gerade mal zwanzig, und wird es, stelle ich mir vor, weit bringen.

Die jungen Leute, denke ich, sind vorangekommen. Die Androgynen waren in meinem Jahrgang, und auch viele Jahre später, nicht die Selbstbewußten, die sich das trauten.

(H, auch eher mein Jahrgang, meint verblüfft über M: Viel zu nett für sein Alter!)





Ich trinke ja gern mit T und V Kaffee; die beiden kennen sich so lange, es ist eine Freude, ihnen einfach zuzuhören. V erzählt von einem bevorstehenden Auftritt, für den er "was Weihnachtliches zum Schütteln" sucht, und schon sitzt der Ohrwurm.

Seid froh, daß ihr nur diese und nicht meine Ohrwürmer habt, sagt V, und auf unsere skeptischen Blicke hin erzählt er von der Lieblings-CD seines Töchterchens, die davon handelt, daß ein Mann auf den Markt geht, um ein Hähnchen zu kaufen. Dann stellt V sich hin und singt lauthals und glockenrein etwas ganz Schreckliches mit Kikerikikikiki. Leute drehen sich um, ich falle vor Lachen fast hintenüber, T verzieht nicht die Miene. Musiker halt.

Auf dem Heimweg am Theater vorbei rempele ich fast einen Herrn an, der summend aus dem Hintereingang tritt. Was für eine Stimme, denke ich noch, dann sehe ich, das ist ja Wotan. Aus dem aktuellen Ring. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mal in einem Publikumsexperiment versucht habe, die Altstimme eines Meistersinger-Chorstücks mitzusingen; aussichtslos, selbst mit Noten. Was Wotan wohl für Ohrwürmer hat?

Zwei Tage später denke ich: verdammt, V, verdammt. Kikerikikikiki ...





Ich mag, wie am Abend mir Menschen auf dem Gehsteig entgegenkommen. Alterslos in der Straßenbeleuchtung, Mantel geöffnet, Tasche im Griff, im Widerschein des Telefons schwarze Augen und schwarze Lippen: Die frühe Dunkelheit hüllt jeden Flaneur, jede Büroheimkehrerin ein paar Schritte lang in Geheimnis.





S bekommt zwischendrin einen dringenden Anruf: die Schwiegermutter, sie braucht vier Kilo mehlig kochende Kartoffeln. Und was die Schwiegermutter damit will? Kochen und einfrieren, vermutet S. Die Schwiegermutter sammle nämlich Gefriertruhen wie andere Leute Fotoalben, am liebsten gut gefüllt. Erwarte sie vierzig Gäste, backe sie zwanzig Kuchen, mit deren aufgetauten Resten sie dann übers Jahr die engere Familie füttere. Einmal habe sie achtzig Stück Butter gewollt, die habe man in zwei Geschäften eingekauft, um nicht unter den Verdacht des gewerblichen Verbrauchs zu fallen. Und was sie dieses Jahr einfriert: Walnüsse, kiloweise.

Da können die schlechten Zeiten ruhig kommen; Hauptsache, der Strom geht nicht aus.





Kind 1 ist für zwei Tage alleine da, tolle Sachen für Zehnjährige machen, die noch nichts sind für Kind 2 mit sechs.

Es ist nicht einfach. So sehr sie sich sonst in den Haaren liegen, so sehr fehlen sie einander; zumindest 1 macht sich Gedanken: ob 2 sich langweilt? Wir schreiben eine Postkarte aus dem Museum und eine aus dem Café. Abends gibt es Tränen: vielleicht hat 2 ja Angst allein?

Am dritten Tag lauert 1 auf die Türklingel: 2 kommt mit B zum Abholen! Weinend stürzen sie sich an der Haustür in die Arme, aber das Glück währt kaum die Treppe hoch; dann ist 1 beleidigt, weil 2 sich gar nicht richtig gefreut hätte.

Als das Gezänk zu arg wird, spricht B ein ernstes Wort. Reiß dich zusammen, 1, du bist älter! Und 2, provozier nicht dauernd! – 1 lenkt ein und denkt sich zur Versöhnung für 2 ein Märchen aus. Ein paar Minuten geht das gut; dann streiten in meiner Küche Prinzessin Traumana und der Drache Kolumbus, wer hier eigentlich wen entführt hat.

Nur noch acht, zehn Jahre maximal, tröste ich B. Sie schaut grimmig: Und so wie ich das kenne, gehen die viel zu schnell vorbei.