Donnerstag, 18. Juni 2015

Besuch von J. auf seinem Weg nach Norden: ein begabter Reisender mit leichtem Gepäck, Lachfalten, einem schönen Zungenschlag und ganz ohne Furcht vor Begegnungen.

Bedächtig ist das erste, was ich denke, als ich ihn sehe; er nimmt sich Zeit, kommt an und ist dann da, ganz. Er drängt nicht in den Mittelpunkt; doch irgendwann ist die Mitte einfach da, wo J. ist, und es gibt dabei noch Platz genug für andere. Wo er sich niederläßt, schart sich Freundlichkeit wie ein Schwarm Vögel.

Einen scharfen Blick hat er, sieht, wie Dinge gemeint und wie sie geworden sind und die manchmal komische Diskrepanz; überhaupt, das Komische. Er trägt seine Seele als Leinwand und verhehlt die Spuren nicht, die die Welt auf ihr hinterläßt; er nimmt und reflektiert und formt diese Spuren, macht sie zu seiner Kunst. Zu mir kommt sie als Woge, als Flut von Erinnerungen.

J. trinkt bloß einen Kaffee, dann muß er weiter; zum Abschied hinterläßt er lächelnd einen Gedanken, eine funkelnde kleine Idee, über die ich noch Stunden später grinsen muß.

Die wird mir bei jedem Waldspaziergang wieder einfallen.

 

[Irgendlinks Reise]





Mittwoch, 17. Juni 2015

Geschichten. Überall Geschichten; ich würde ihnen so gern ein Gedächtnis bieten. Und wem gehören sie überhaupt? Dem Erzähler, dem Hörer? Dem Raum zwischen beiden? Ungeteilt sind sie ja nicht.

Das Erlebte, was irgendwann Geschichte wird: Die von Herrn F. als Politischer im Gefängnis, zwei Stunden Hofgang in zwei Wochen U-Haft. Meine Reise in die Ex-DDR kurz nach der Wende in einem Auto voller neugieriger Studenten. Wie T. die Piraten jagt, die seine Bücher verbreiten.

Und die ererbten Geschichten. Die von K.s Mutter, die als kleines Mädchen acht Kilometer über die Felder zum Schlittenfahren lief; die von M.s hochschwangerer Großmutter, die man um ihre Brotration betrog. Die von T.s streitbaren Ahnen (und dieses wunderschöne Wort Grobschmied); und die von dem mordenden Würstchenstandbesitzer, der wohl doch nicht in den Stammbaum gehört. Die vom Vater, der als Gymnasiast beim Führerbesuch jubeln mußte.

Ich weiß nicht, was mit der Wahrheit passiert, wenn Zeit und Zeit und Zeit vergeht, wenn ein Verstand nach dem anderen sich mit etwas befaßt, das einmal geschehen ist. Ist ja nicht einmal alle Schönheit von Dauer.

Mein völlig entsetztes Kopfschütteln auf die Frage von T., ob ich denn schriebe; er mußte lachen und meinte, aha, also ja.





Montag, 15. Juni 2015

Gänzlich geplättet nach dem Opernabend, ergriffen, im Sinne des Wortes; bis in die Träume reichten die Bilder.

Die Geschichte selbst ist spröde, gebrochen; in den Bildern spiegelt sich das, und die Musik webt noch einen weiteren Zauber darüber, rückt ein Brennglas über die Seelen der Akteure.

Das Loslassen. Wie schwer es ist, das mit Grazie zu tun; der Marschallin gelingt's, unter Schmerzen. (Schmerz und Anmut. Wie die Kleine Meerjungfrau: Messer bei jedem Schritt.)

Die Frau, die den jugendlichen Liebhaber gehen läßt, ohne ihn zu zerdrücken, auch wenn sie so viel mehr weiß als er. Die ganz große Geste dieses Verzichts. Und die glückliche Sophie, die mehr spürt als daß sie versteht: Sie gibt ihn mir – und nimmt mir damit etwas weg von ihm.

In der Oper aus jeder Zeit gefallen; nachher unter einer Glasglocke durch die Stadt. Wieso Oper?, diese Frage stellt sich mir nicht. Es gibt nichts, was wäre wie Musiktheater, und so vieles, was darauf zurückgreift. Alle Freuden, alle Traurigkeiten des Seins auf der Bühne; und all die Geschichtchen, die meinen, die in Opernhäusern wohnen. Nein, das mag ich nicht lassen.

Hier: über die Aufführung, ganz wunderbar zu lesen.





Samstag, 13. Juni 2015

Jetzt ist die Zeit, in der nicht Salzkristalle oder zermanschtes Konfetti, sondern die Kronblätter von Erdbeeren auf den Bürgersteigen liegen. Ich folge ihnen, eine oder zwei Schalen weit, aber doch nicht bis zum Ende der Spur.

Auf meinem Küchentisch steht ein freundliches Geschenk: eine Päonie, vier duftende Blüten in allen Stadien von eben erblüht über volle Pracht bis gänzlich verschwendet. Zwischen ihren Blättern finde ich schwarze Ameisen, Pfade ablaufend, die in einem Garten vor der Stadt begonnen haben und nun im Nichts enden. Sie werden nie wieder heimfinden. Sie werden noch ein Weilchen suchen und dann in dieser Fremde, die meine Küche ist, sterben.

Die so schön welkenden Blüten erinnern mich: das Alter hat mich bislang beschenkt; vielleicht kann ich deshalb freundlich darüber denken. Ich mag den Lauf der Jahre, ich mag es, nicht mehr jung zu sein.





Mittwoch, 10. Juni 2015

Innenstadtpflanze, Kopf wie'n Sieb. Fast völlig aus dem letzten Jahrtausend. Liebt viel, wenn auch mitunter nicht gern. Text und Text und Text. Wenn Sie mich sähen, Sie hätten's nie gedacht.





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