Der Biobauer hat den Zorn. Er hält Milchvieh, mitten im Dorf, und bei ihm kaufe ich Butter, die nach den Jahreszeiten schmeckt. Aber diese Butter ist die letzte, denn das Vieh muß er aufgeben; er kann die Auflagen nicht mehr erfüllen.

Auflagen, immer neue. Sonst werden ihm die Subventionen gestrichen. Weniger Geld würde er ja in Kauf nehmen – aber für ihn geht es um die Existenz, es geht nicht mehr ohne die Zuschüsse. Das allein ist ihm bitter. Und dann noch solche Geschichten:

Eine schöne Streuobstwiese habe er mit hundert Jahre alten Apfelbäumen, die hätten sie ihm nachgezählt: zwei Bäume zuviel für die Fläche, zack: Intensivobstbau, zack: Zuwendungen gestrichen. Oder der Wildpflanzenstreifen am Bach, den er stehen gelassen hat für die Insekten und Vögel: nicht gemulchte Fläche, zack, Geld gekürzt. Nun müßte er eine Umweltsünde begehen, Brutstätten niedermachen, um Geld zu bekommen, als Biobetrieb. Da sitzen weder Bauern noch Ökologen in den Behörden, sondern Kaufleute. Er redet von seiner Existenz, von Umwelt, von Tradition. Sie reden von Zahlen.

Neulich war er auf einem Dorffest, schöne Reden gab es über den traditionsreichen Agrarstandort und darüber, daß Familienbetriebe besonders gefördert werden müßten, da traf er die zuständige Politikerin am Grill und fragte sie, was er denn machen sollte. Er müsse sich ordentlich informieren, es gebe da Beratungsangebote, kam die Antwort, luftig und sehr von oben herab, und beim Erzählen noch ballt er die Fäuste.

Nun also kein Milchvieh mehr; das ist das erste. Die Kinder hätten sich für andere Berufe entschieden, sagt er, Landwirt der soundsovielten Generation und Biobauer der ersten Stunde, und, ganz ehrlich, er sei heilfroh darum.





Die geführte Wanderung, zu der ich mit K. wollte, fällt aus; es nieselt und ist dustergrau. K. und ich ziehen trotzdem los. Der Kuhberg war mal Militärgelände, zerklüftete Hänge mit lockerem Eichen- und Nadelwald, Magerrasen, buschgesäumt. Diptam soll es hier geben und Orchideen. Keinen Kilometer von hier habe ich ein paar Jahre lang gewohnt, aber das hier ist mir alles völlig fremd. K. sagt, es habe sich aber auch wirklich viel getan in den letzten Jahrzehnten.

Am Waldrand finden wir Kirschen. Weißrote, gläsern rote, winzige schwarze; wir essen uns von Baum zu Baum. Unansehnlich sind sie alle, manche von Vögeln oder Insekten angefressen, aber sie schmecken bittersüß, säuerlich-frisch und so konzentriert kirschig wie Kirschen sonst nie. Wir springen nach den Zweigen, ziehen sie an den triefenden Blättern zu uns herunter und holen Händevoll Früchte von den Stengeln, Regen und Kirschsaft rinnen uns in die Ärmel, immer wieder werden wir aus vorbeirollenden Autos beäugt. Weit kommen wir nicht. Es ist eine ausgezeichnete Wanderung.





So viele haben gegeben, getan und gebangt, daß aus Anstoß und Plänen doch noch was wird, und nun ist das Buch Papier. Heute wird es der Öffentlichkeit vorgestellt. Ich aber werde mir vorstellen, C. säße im Publikum und blätterte in seinem Exemplar: ich würde hoffen, er übersieht das In Erinnerung auf der ersten Seite.

Die Vergessenheit ist eine höfliche Zahlungserinnerung, ein kulleräugiges Maskottchen, eine geheuchelte Anteilnahme. Tagebuch, Flaschenpost, Lebenswerk vielleicht: ausgeknipst. Ein bißchen was in Archiven, ein bißchen was in Caches. Ich bin traurig, nur Trümmer bleiben. Nichts Halbes, nichts Ganzes.

... undulierende Vollmondnacht. das Riesenrad rumpelt und quietscht, wohin man sich setzt beschmiert man sich mit Öl, grünlich schimmernd, ...

Und wirklich Schluß?





Laß mal gucken, sagt C., und dann fragt er, was meine Friseurin zu meinen weißen Haaren sagt. Und ob ich Drüberfärben immer ablehne? C., sage ich, nach all den Jahren passiert mal was Interessantes mit meinen Haaren, und dann: drüberfärben? Nee. Da bist du konsequent, sagt C.; er hadert ja eher mit seinen Silberschläfen. Dann reden wir von Augenbrauen und über die Haartracht von Tschechinnen, aber das ist einer der Witze, die kann man nicht mal sich selbst erklären am Tag danach.





Kein guter Morgen, wenn man geweckt wird von lautem Schlorchzen aus dem Bad, wo Fremdabwasser sich einen Weg aus der Toilette bahnt.

Schnell jetzt. Im Haus verbreiten: bitte nicht spülen. Den Haupthahn zudrehen, falls einer doch. Klempnernotruf: Firma Nummer drei hat genügend Leute, ja, wir kommen. Halbe Stunde.

Eine, na, noch eine, vielleicht drei halbe Stunden auf das Strömen in den Eingeweiden des Hauses lauschen und auf das Plitsch und Plätsch im Bad. Allerhand Textiles ruinieren. Müllsäcke füllen. T. schickt derweil mitfühlend einen Link zum Lied von Reinhard Mey.

Endlich die Klingel: grimmig stapfen zwei Mann in Rot ins Haus, ohne Umschweife ins Bad. Beide sind kahl und kleiner als ich; einer, echt jetzt, Italiener, der andere sehr von hier. Sie gehen direkt ans Werk.

Das sind die Leute, für die Gummihandschuhe erfunden wurden. Ihr flexibler Bohrer frißt sich durchs Leitungsgekröse, es klingt furchtbar, aber sie unterhalten sich über Fußball; da bin ich beruhigt.

Dauert gar nicht lang, und eine Kamera wird in die Tiefe geschickt. Schattenhaftes, Kurven, dann ein Schwall Wasser: hurra, es läuft, ich kann es auf dem Bildschirm sehen! Die Handwerker teilen meine Begeisterung; die Kamera erspare ihnen, Toiletten abzumontieren.

Schließlich ist vom ganzen Spuk nichts übrig als eine übelriechende Pfütze. Ich überlege kurz, Kaffee anzubieten, aber ich hätte bloß Schokoladenkuchen da.

Später, beim Kaffee mit T., habe ich eine Bäckertüte mit Weihnachtsplätzchenaufdruck und dem Slogan: Endlich Winter! Ein Unglück, meint T., kommt halt selten allein.