Hast du das mitgekriegt, sagt mir B am Telefon, M ist tot. Ich denke: aber wir hatten doch Jahrzehnte keinen Kontakt, und: jetzt sterben schon die Leute von damals; und dann reise ich in die kleine Stadt, in der ich geboren bin, zu seiner Beerdigung.
Ich weiß nicht mehr, ob ich M über Kirchens oder den Naturschutz kennenlernte. Er war Mitte Zwanzig und hatte schon zwei Leben hinter sich gelassen; er war schmächtig, intelligent, und er war auf eine Art verletzt, wie sie leicht in Bitterkeit mündet. Er trug die Einsamkeit wie einen Mantel, zugeknöpft.
Ich als schüchtern-naseweiser Teenager integrierte ihn in meinen Freundeskreis. Zumindest versuchte ich das; er ließ sich aber nicht integrieren. Was er zuließ, war, daß ich ihm im Park unter einem Baum die Haare schnitt, zwei Handbreit Rabenschwarz, bis man seine Augen sehen konnte.
Als ich die Stadt verließ, traf ich ihn nicht wieder.
Ich habe auch nicht mitbekommen, wie sich sein Leben entfaltete und Gewicht bekam. Wie er fand, was gut und richtig für ihn war; wie er sich einrichtete: ein beständiges, genügsames Leben, immer mit der Distanz, die er brauchte; Abenteuer auf Papier und in der Welt und viele Freunde, die wußten, wann man ihm seine Ruhe lassen mußte.
Die drängen sich nun in der kleinen Kirche (einige Gesichter glaube ich zu kennen). M sei ein "geselliger Einzelgänger" gewesen, sagt der Pfarrer und muß schlucken; er kannte ihn auch.
Aber auch er weiß nicht, warum M sich das Leben nahm, es gab keinen Anlaß, keinen Verdacht und keinen Abschiedsbrief. In seiner Wohnung lag aufgeschlagen das letzte Buch, das er las, ein Reiseführer.
Der Trauerzug Richtung Friedhof ist lang. Ich gehe nicht mit; ich gehe in den Park und setze mich unter einen Baum, der einige Jahrzehnte älter ist, allein.
Das leichte Gepäck doch immer zu schwer, in Durchgängen steckenbleiben damit; und die fremden Betten viel zu weich, der Mond zu grell, der Kaffee fern in der knapp bemessenen Nacht.
Wohin die Bahn mich trägt, wann mein Kalender will.
(Aussteigen wäre schön.)
Heute ist so ein Tag, an dem mich alle Entgegenkommenden grüßen. Vielleicht liegt es an meinem Jackett, vielleicht sehe ich heute jemandem ähnlich; vielleicht ist es, weil ich das Mütterchen dabei habe, das wohlgelaunt neben mir durch den Park spaziert: Frisur Typ lockere Sommerwolke, warm, aber zart frühlingsfarbig eingepackt und ganz Freundlichkeit und Wohlwollen; am winkenden Gruß hindert sie nur, daß sie den Rollator im Griff haben muß.
Man würde von ihr nichts Schlimmes denken, schon gar nicht, daß sie das ganze Heim rebellisch macht und zum Auszug zu überreden sucht. Ein Mitbewohner steckt es mir heimlich, und: ich (ich??) möge ihm nicht böse sein, aber er wolle lieber bleiben; das wäre ihm doch ein bißchen viel.
Das arme Schiff ist krank. Irgendwo regnet es rein, das Wasser fließt unter den Decksplanken irgendwohin und tropft in Kojen und in notdürftig aufgestellte Gefäße. Die Risse werden größer, die Leinen rauher, die Lenzpumpe muß öfter angeworfen werden, als man das gerne sieht. Ab Windstärke sechs muß das alte Ding im Hafen bleiben.
Und doch. Wir alle kommen wie nach Hause; es dauert eine halbe Stunde, sich einzuleben und zwei, zu vergessen, welcher Tag heute ist.
B-Wache. Alle sechs bis acht Stunden raus zur Arbeit; viele Hände halten das Schiff auf Kurs, Scherzworte fliegen, Gelächter, Kaffee, Bier, Sterne und Maschinenöl. Das Schaukeln des Schiffs ist der Atem dieser Woche.
Und dann ist die Reise vorbei, ein letztes Anlegemanöver, den Seesack gepackt, die Straße zum Bahnhof schwankt leicht: Die Zeit mit so vielen Menschen zieht sich zurück wie eine Welle vom Strand, und im dünnen Film Wasser, der die Füße umspült, spiegelt sich noch einmal alles, was war. Frohes, Schmerzliches und allerhand Verpaßtes. Salz wie in Schweiß und Tränen, wie in Sehnsucht, wie in Plänen: nächstes Mal! Nächstes Mal ganz sicher.
Sind ja nur zwei Jahre bis da hin.
Kram, Krempel, Zeuch, was man halt so hat, ob man's braucht oder nicht: für eine Woche alles in einen Seesack. Elektronik ist null dabei (eigentlich, weil ich alles verloren oder kaputtgemacht habe, was mit könnte), und das fühlt sich ganz schön nach Freiheit an.
Ich drehe eine große Runde mit Aussicht, Teer und Tauen, Stift und Papier.
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