Montag, 26. September 2016

Endlich wieder mal knietief in Arbeit: Vor Vergnügen plansche ich ein wenig, im übertragenen Sinne.

Geschenkt bekommen: eine Goldparmäne. Schmeckt genau so prächtig, wie sie heißt.

Maß für Wohlgefühl in Gesellschaften: Die Zeit, die ein Gespräch, ausgehend von gewöhnlichen Themen, braucht, um ins Abstruse zu entgleisen. (Je kürzer, desto größer.)

Nur noch selten Seegang; einzelne Wellen, die mich heben und sanft wieder absetzen. Sommerechos.





Sonntag, 18. September 2016

Auf dem Weg zur Bahn wartet gegenüber an der Ampel eine junge Mutter mit Tochter, eins von diesen Riesenkindern, wie man sie heute durch die Stadt schiebt; vier ist das Mädchen sicher schon und sehr genervt, daß die Mutter auf Grün wartet. Los! Fahr!, tönt das Kommando aus dem Kinderwagen, und auf die Proteste der Mutter, daß die Fußgänger rot hätten: die anderen Leute gehen auch!

Irgendwo muß ein Mittelaltermarkt sein. Vorm Fahrkartenautomaten steht ein Mönch oder Druide mit übermannslangem Wanderstab und Kutte, am Leibstrick eine hölzerne Schale und an den Füßen erstaunlicherweise Schnabelschuhe mit stark einwärts gedrehten Spitzen, und müht sich, eine Fahrkarte zu bekommen, ohne daß dabei sein Stab umkippt, seine Schuhspitzen gegen den Automaten drücken oder sich sein Bart verheddert.

Die schönste Erscheinung des Morgens aber ist eine Nonne im schneeweißen Habit, die mir entgegenkommt; ich habe den Wind im Rücken, sie die Sonne. Und die läßt sie erstrahlen, eine Lichtgestalt in wehendem Weiß mit dunklem Kern: ihr weiblicher Körper im Schattenriß. Ein hinreißendes Bild, das sie sicher unziemlich fände, wüßte sie darum.





Freitag, 16. September 2016

Ein Stein hat sich auf die Reise an die Nordsee gemacht. Mitfahrgelegenheit bietet ihm, in einer Satteltasche, Irgendlink auf seinem Weg nach Rotterdam. Den Stein hat mir die Ostsee am Strand einer dänischen Insel vor die Füße gelegt. Heißt nichts, und doch: auf natürlichem Wege wäre dieser Hopser in der Geographie wohl kaum geglückt.

Irgendlinks Rheinfahrt





Montag, 12. September 2016

Wir müssen heute raus von null bis vier ... B. antwortet: Klingt komisch, ist aber so. – Damit wäre das geklärt. Machen wir also Ausguck, zu zweit, daß keiner einschläft, und reden, leise, daß keiner aufwacht.

B. hat Beruf und Ehrenamt, teilt mit Freunden einen Schrebergarten und kocht leckere Sachen, die er in Portionen einfriert. In seiner Berufung sieht er Dreck und Pech und Tod und Leute, die statt danke sagen, na, da hatten Sie wenigstens was zu tun diese Nacht. Mit der Welt ist er nicht zufrieden, da fehlt es ihm an Ethik, an Zusammenhalt. Er aber scheint beschlossen zu haben, zufrieden zu sein mit dem Leben.

Beim Segeln bekommt er den Kopf ganz aus dem Alltag. Stunden an den Horizont schauen oder, wie jetzt, die Sternbilder betrachten, wann sonst hat man die Muße? Für ihn ist Glück kein teures Geschenk. Man muß es nur sehen. Und man muß es lassen.

Nach B. würde sich keiner umdrehen; nicht auf den ersten Blick. Das kommt erst später, und schleichend, daß man sich besser fühlt, wenn man seine Gestalt im Raum geortet hat.

Zum Abschied nehmen wir uns herzlich in den Arm. Im stillen wünsche ich ihm, daß er wiederbekommt, was er so selbstverständlich gibt.





Sonntag, 11. September 2016

Mein Herz ist weit, da paßt ein ganzer Dreimaster hinein mitsamt 292 m² Segelfläche. Ich reise zum zweiten Mal mit der Albatros.

Es herrscht das rollierende Wachsystem: von null bis zwölf Uhr vier, von zwölf bis null Uhr drei Stunden pro Schicht; zu jeder dritten Wache werde ich geweckt. Zwei Toiletten für 22 Leute, Duschen im Hafen. Die Kojen sind schmale Bretter in Schlafschränken; in meine regnet es hinein, das Tropfwasser ist schwarz. Ich schlafe wie ausgeknipst unter dem Hilfsmotorröhren. Jede der viereinhalb Mahlzeiten verschlinge ich wie ein Wolf. Dazu Muskelkater, blaue Flecken, Schwielen, Sonnenbrand.

Dieses Mal ist alles einfacher: Andirken, Piek zusammen mit der Klau heißen, belegen, aufklaren. Rein Schiff. Backschaft. Ich liebe die Stunden als Rudergängerin; das Schiff knarrt im Wind, das Steuerrad zittert von der Strömung. Ich lerne und lerne. Einmal habe ich den Orion im Klüvernetz, das Schiff macht gute fünf Knoten, und die Welt ist rund. Überhaupt, der Himmel voller Sterne.

Am Ende kenne ich vor allem Menschen: den Steuermann von Mitte siebzig, der meine Fragen oft mit einem Stirnrunzeln beschweigt und der mir zum Abschied seine Lederhose schenken würde. B., der gelassen sagt: sind halt alles Menschen, und das wirklich genau so meint. A. mit dem dröhnenden Lachen, der mir von seiner Verletzlichkeit erzählt. U., die sich nicht und nicht verbiegen kann. Und all die anderen.

Es bleiben der Seegang, der mit mir heimgekommen ist, Gestank nach verrottendem Schiff in allen meinen Kleidern, unendlich viele Geschichten und Sehnsucht nach Segelsetzen. Wer hätte gedacht, daß ich mich noch einmal so verlieben könnte.





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