Samstag, 27. August 2016

Mit V. haben wir vor hundert Jahren mal auf der Bühne gestanden, das Stück war von T., V. machte Musik, und bei der Schlußverbeugung hatte ich mir die bloßen Füße an Glasscherben zerschnitten, oben Lächeln, unten blutige Abdrücke. Danach hatte V. ein paar Jahre lang meine Posaune, aber das ist eine andere Geschichte.

T. und ich treffen V. beim Kaffeetrinken, zufällig, V. hat heute ausnahmsweise frei. Sein Töchterchen hängt wie eine Klette an ihm; er füttert sie mit Fleischwurst, bis sie einschläft und er sie in den Kinderwagen legen kann.

Wir flachsen, als wäre die letzte Probe nicht ein paar Jahrzehnte her, und suchen aus den Augenwinkeln in den Gesichtern nach Spuren unserer krummen Wege; das ist anders als damals, da standen wir alle am Beginn einer langen, geraden Bahn.

Nach einem halben Stündchen lasse ich T. und V. allein; ich habe zu tun. Im Davongehen grinse ich; bestimmt reden sie jetzt über Mädchen. Wie man sie am besten zu Bett bringt und was man macht, wenn sie keinen Mittagsschlaf mehr wollen.





Mittwoch, 24. August 2016

Vorzuhalten sind (Angaben pro Person):

1 Sack Reis; 18 Badewannen Wasser (wahlweise 1 kl. Stausee); 1 geliebte Garnitur Eßgeschirr und -besteck; 1 Schweizer Taschenmesser, mit alles und scharf; 2 Flaschen Champagner; 1 Spaten; 1 Lexikon, gebunden, Jahrgang egal; Landkarten; Häkelwolle; Kernseife; Tanzmusik; Tiere, alle Arten, jeweils Stücker zwo.

1 Draht zur Gottheit der Wahl.





Mittwoch, 17. August 2016

Auf den ersten Blick ist es ein ganz normaler Marktstand mit Gemüse, doch auf drei von sechs Tischen liegen Kartoffeln, nichts als Kartoffeln, in verschiedenen Farben und sortiert nach Größe. Auf den Schildern lese ich: Rote Emmalie, Bamberger Hörnchen, Odenwälder Blaue. Ich frage nach einer Sorte, die ich schon lange suche, da kommt der Kartoffelbauer selbst.

Nein, die Blaue Anneliese habe er nicht, aber die Violetta. Oder, wenn sie nicht unbedingt blau sein müsse, die Alexandra, die sei ausgezeichnet im Geschmack, festkochend, gute Salatkartoffel. Ich habe von Alexandra noch nie gehört. Ja, die hätte auch nicht jeder, die sei anspruchsvoll und ginge beim maschinellen Ernten kaputt; für so was sei er spezialisiert.

Es hat sich eine Schlange gebildet, doch er spricht jetzt von Kartoffeln. Die alten Sorten: Das Saatgut koste ein Vielfaches, der Ertrag sei geringer, und man müsse viel mehr von Hand machen, die seien halt nicht optimiert. Aber wie die schmecken! Hier, die Bonnotte. Herrliche Kartoffel, bloß mit tiefliegenden Augen – viele Kunden lassen die liegen. Er macht sie, weil sie so gut ist.

Sicher, die neuen, populären Sorten hat er auch, man will ja leben. Weniger Arbeit, naja, aber viel mehr Spritzmittel brauchen die, können nix ab. Die hier, und sein Ton wird schwärmerisch, da muß kaum Gift ran. Die sind so richtig vital. Das Bamberger Hörnchen, so als Beispiel, das hat ein Kraut, sag ich Ihnen, ein Kraut, so hoch, da muß erst mal der Mulcher drüber, ehe man die ernten kann. – Er strahlt, als spreche er von den Streichen eines leicht verzogenen Lieblingskindes.

Ich gehe heim mit einem Kilo Mayan Twilight. Schnell gekocht, schwer zu pellen, aber sogar ohne Salz ein Gedicht. Wunderbare Kartoffel, da hat der Mann ganz recht.





Mittwoch, 10. August 2016

Ich bringe alles um, was grün ist, ohne es je darauf anzulegen; und die paar Pflanzen, die ich seit Jahren immer nur beinahe kaputt bekomme, betrachte ich mit Erstaunen und Besorgnis, frage mich: wie kann man nur so ... optimistisch sein? und: aber was soll ich denn nur tun?; ich betrachte sie, mit einem Wort, händeringend.

Und jetzt das: In meinem Gemüsekorb hat, herrje, eine Ingwerknolle ausgetrieben; ein Blatt reckt sich zart zum Küchenfenster hin, eine grüne Standarte des Lebens wider alle Wahrscheinlichkeit, ein Vertrauensvorschuß, der schwer auf mir lastet.

Ich werde es versuchen, Pflanze. Aber hoffe nicht zuviel.

Nachtrag: Der Ingwer wohnt jetzt im eigenen Topf mit feuchter Blumenerde an einem sonnigen Plätzchen. Ich sehe momentan keinen Grund, einzugehen. (Ein Tamagotchi hatte ich nie.)





Donnerstag, 4. August 2016

Das Kind ist acht. Es liest und liest. In Städten mag es Häuser, die nach Stadt aussehen. Am liebsten ißt es Spinat und Karotten, und Hülsenfrüchte, weil es muß. Es lächelt nicht leicht und hat zwei steile Falten zwischen den Brauen. In der Küche hilft es gern, braucht aber ewig. Seine Geschichten fangen meistens mit Weißt du was? an.

Am Ufer steht es ganz ruhig und schaut. Enten, Gänse, der erstaunliche Kormoran, aber am schönsten doch die Schwäne: Weißt du was? Ich glaube nicht, daß den Schwänen bewußt ist, daß wir Menschen sie bewundern.

Kurz darauf am Kaffeetisch fragen mehrere Tanten, ob das Kind wirklich keinen Kuchen möchte, Käsesahne oder vielleicht Himbeer oder so einen mit Besee, aber es runzelt die Stirn: Ich möchte einfach ein Glas Milch. Und sonst nichts.





Nächste Seite