Samstag, 4. Juli 2026

Eine Herde Wolkenschafe zieht am oberen Rand meines Fensters übers Blau, gescheucht von ausgelassenen Mauerseglern. Einer der milderen Sommertage betritt die Stadt.

Ich habe vieles vernachlässigt, aber mich in eine Sache so gründlich hineingedacht, daß ich nun suchen muß, wie ich da wieder herausfinde. Ich bin noch nicht sicher, ob das gut ist oder schlecht.

Die Mauersegler unterm Dach; Briefe; Geld, das mir nicht gehört; ein aufgeschlagenes Knie, wie als Kind.

Fallen kann ich noch!





Montag, 29. Juni 2026

Am Hang war er licht, knorrige, niedrige Eichen und ein Geruch nach Sonne und wildem Oregano; als Kind dachte ich, Südfrankreich ist genau wie hier. Eidechsenfelsen: Kartäusernelken als Funken überm Staub der Wege, Blindschleichen, seltene Schmetterlinge und der Diptam, der süß duftet und, so heißt es, sich an heißen Tagen ganz von selbst entzündet.

Auf dem Hügel war er dann die grüne Krone: Buchen, Nadelbaumversuche und alte Eßkastanien, ein wenig zerfleddert alles, aber kühl. Dreht man sich um, fliegt das Auge wie ein Bussard über Weinhänge und Äcker, in jede Richtung hundert Wanderpläne.

Der Blick wird bleiben, aber der Wald, der Wald brennt, seit Tagen nun schon: Kulisse und Komm-wir-gehen-eine-Runde-raus-Gebiet, Schulausflugsland, Wurzel- und Erinnerungsgrund – alles Rauch und Asche.

Mir geht es wie vielen: Ich habe einen Platz in der Welt verloren, einen alten Freund. Einmal mehr.

 

 





Donnerstag, 19. März 2026

Hast du das mitgekriegt, sagt mir B am Telefon, M ist tot. Ich denke: aber wir hatten doch Jahrzehnte keinen Kontakt, und: jetzt sterben schon die Leute von damals; und dann reise ich in die kleine Stadt, in der ich geboren bin, zu seiner Beerdigung.

Ich weiß nicht mehr, ob ich M über Kirchens oder den Naturschutz kennenlernte. Er war Mitte Zwanzig und hatte schon zwei Leben hinter sich gelassen; er war schmächtig, intelligent, und er war auf eine Art verletzt, wie sie leicht in Bitterkeit mündet. Er trug die Einsamkeit wie einen Mantel, zugeknöpft.

Ich als schüchtern-naseweiser Teenager integrierte ihn in meinen Freundeskreis. Zumindest versuchte ich das; er ließ sich aber nicht integrieren. Was er zuließ, war, daß ich ihm im Park unter einem Baum die Haare schnitt, zwei Handbreit Rabenschwarz, bis man seine Augen sehen konnte.

Als ich die Stadt verließ, traf ich ihn nicht wieder.

Ich habe nicht mitbekommen, wie sich sein Leben entfaltete und Gewicht bekam. Wie er fand, was gut und richtig für ihn war; wie er sich einrichtete: ein beständiges, genügsames Leben, immer mit der Distanz, die er brauchte; Abenteuer auf Papier und in der Welt und viele Freunde, die wußten, wann man ihm seine Ruhe lassen mußte.

Die drängen sich nun in der kleinen Kirche (einige Gesichter glaube ich zu kennen). M sei ein "geselliger Einzelgänger" gewesen, sagt der Pfarrer und muß schlucken; er kannte ihn.

Aber auch er weiß nicht, warum M sich das Leben nahm, es gab keinen Anlaß, keinen Verdacht und keinen Abschiedsbrief. In seiner Wohnung lag aufgeschlagen das letzte Buch, das er gelesen hatte, ein Reiseführer.

Der Trauerzug Richtung Friedhof ist lang. Ich gehe nicht mit; ich gehe in den Park und setze mich unter einen Baum, Jahrzehnte älter, allein.





Donnerstag, 5. Februar 2026

Das leichte Gepäck doch immer zu schwer, in Durchgängen steckenbleiben damit; und die fremden Betten viel zu weich, der Mond zu grell, der Kaffee fern in der knapp bemessenen Nacht.

Wohin die Bahn mich trägt, wann mein Kalender will.

(Aussteigen wäre schön.)





Sonntag, 28. September 2025

Heute ist so ein Tag, an dem mich alle Entgegenkommenden grüßen. Vielleicht liegt es an meinem Jackett, vielleicht sehe ich heute jemandem ähnlich; vielleicht ist es, weil ich das Mütterchen dabei habe, das wohlgelaunt neben mir durch den Park spaziert: Frisur Typ lockere Sommerwolke, warm, aber zart frühlingsfarbig eingepackt und ganz Freundlichkeit und Wohlwollen; am winkenden Gruß hindert sie nur, daß sie den Rollator im Griff haben muß.

Man würde von ihr nichts Schlimmes denken, schon gar nicht, daß sie das ganze Heim rebellisch macht und zum Auszug zu überreden sucht. Ein Mitbewohner steckt es mir heimlich, und: ich (ich??) möge ihm nicht böse sein, aber er wolle lieber bleiben; das wäre ihm doch ein bißchen viel.





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