Freitag, 17. Mai 2019

In einem Leben, dessen verspürte Qualität entscheidend davon abhängt, das Elend anderer Leben ausblenden zu können, Wahlprogramme lesen.





Montag, 6. Mai 2019

Ich habe darüber nachgedacht, das kaputte Fahrrad, das im Hof für den Sperrmüll steht, an mich zu nehmen und zu reparieren (oder, sonst wird das nichts, reparieren zu lassen). Wo im Park ich die Minze, die bei mir im Wasserglas Wurzeln geschlagen hat, einpflanzen könnte, weiß ich bereits. Ich weiß sogar, wo ich die Liste mit anzuschaffenden Büchern hingelegt habe. Eine Geschichte, zwei Briefe sind nicht geschrieben, ein Vortrag nicht durchdacht, und, ach, all die Wolle.

Ich kann mich nicht mal entscheiden, ob ich jetzt Buridans Esel bin oder einfach nur müde.

 

Zu einer Idee von Ulli (Café Weltenall).





Samstag, 20. April 2019

Es ist Mittelalter, Antike, Steinzeit. So einfach wie genial, und wenn man's genau betrachtet, wären wir Menschen ohne nicht weit gekommen.

Die Möglichkeiten setzen sich aus Farben, Fasern, Bindungen endlos immer wieder neu zusammen. Was man tut, ist dabei immer wieder dasselbe – jede Abweichung wird mit Unregelmaß bestraft.

Die Kette erfordert Planung: berechnen, auszählen, fädeln, ziehen, wickeln, noch einmal fädeln, knoten, dann zusehen, daß sich die Fäden gut verteilen und bloß nirgends durcheinandergeraten.

Beim Schuß kommt's, wie's kommt; man weiß es vorher nicht. Sicher, auch den Faden muß man in die Hand nehmen und auf die Nadel wickeln, aber wie er sich dann ins Fach legt, ob er glatt bleibt, sich sträubt oder spaltet, wird man sehen.

Spannung ist alles. Am ärgerlichsten: wenn man am Anfang nicht aufpaßt bei der Kette und die dann zum Ende hin durchhängt. Aber das ist wohl überall dasselbe.





Freitag, 12. April 2019

Als in der unvertrauten Küche das Nudelwasser überkocht und ich, wie daheim, schnell den Regler runterdrehe, nutzt das nichts, denn das hier ist Elektro; es schäumt also und läuft einmal über den Herd, ehe ich den Topf von der Hitze gezogen habe, und brutzelt auch gleich an dem roten Fleck auf dem Ceranfeld fest. Herrje, Schweinerei, drum schnappe ich den Lappen von der Spüle, aufwischen, was noch flüssig ist, da klebt es erst und stinkt dann: ist der aus Plastik und brutzelt mit.

Mag Alltag das Gegenteil von interessant sein, so ist doch interessant zuweilen das Gegenteil von gut.

 

Zu einer Idee von Ulli (Café Weltenall).





Sonntag, 7. April 2019

Die schlimmste und die schönste Geschichte des Tages aber erzählt K, und es ist gut, daß der große Fluß dabei ist, denn ohne den wäre manches nicht auszuhalten.

Die schlimmste geht so: ein Video im Netz, gefilmt aus einem Auto am Straßenrand, zeigt, wie ein Viehtransporter ein Stück vom Schlachthof entfernt entladen wird; die Rinder müssen über eine Wiese getrieben werden und stolpern aus dem LKW, orientierungslos, manche verwundet, gar mit gebrochenen Beinen, geblendet vom ersten Mal Sonne. Zum ersten Mal Erde unter den Klauen, der erste Himmel und der erste Wind ihres Daseins: sie erleben gerade das Schönste, was sie je erleben durften, sie rufen, sie wittern, aber zum Grasrupfen läßt man ihnen keine Zeit, denn am anderen Ende der Wiese steht ja das Tor schon offen –

Die schönste Geschichte ist die von dem Kind, das mit anderthalb zum ersten Mal eine Amsel hört, die Erwachsenen zum Stehenbleiben zwingt und lauscht und lauscht, reglos vor Glück, und das dann für den Rest des Tages versucht, wie eine Amsel zu singen.

Ich vergesse beide Geschichten nicht und hoffe, wider alle Vernunft, daß die eine die andere irgendwie auflöst, daß die eine das Gegengift ist, daß sie das Kranke der anderen kurieren kann.





Nächste Seite