Mittwoch, 29. Juli 2015

Als die Durchsage kam: nächster Halt in G., schaute ich von meiner Lektüre auf.

G. ist irgendein Dörfchen, aber den Bahnhof kenne ich gut; Stunden habe ich da gewartet zu allen Tages- und Jahres-, in guten wie in schlimmen Zeiten. Das Bahnhofsgebäude, solide aus dem Sandstein der Gegend gebaut, hatte ich gemocht; ich erinnere mich an Fensterläden und eine hölzerne Schubkarre mit großer Ladefläche, auf der ich manchmal im Schatten saß, nachdem der Wartesaal geschlossen worden war. Jemand hatte darauf Töpfe mit Blühpflanzen gepflegt.

Heute sah ich aus dem Zugfenster und erkannte – nichts. Gar nichts. Es gibt kein Gebäude, keine Überdachung an den Bahnsteigen, nicht einmal die Bahnsteige selbst gibt es mehr. Aus dem Bahnhof G. ist ein Haltepunkt geworden; meine Erinnerungen haben einen Halt verloren.





Mittwoch, 22. Juli 2015

Der Schreck, wenn die eigene virtuelle Existenz von Menschen aus dem richtigen Leben entdeckt wird ("wir wußten ja gar nicht, daß du schreibst!"), und wie man sich sofort, trotz aller Gegenwehr, mit diesen fremden Augen liest.

Schlimmer ist eigentlich nur, selbst jemanden aus was auch immer für Gründen aufmerksam zu machen. Dann tritt zu der kleinen Unannehmlichkeit, gelesen zu werden, die größere, womöglich als geltungssüchtig dazustehen.

Eitelkeit zweiter Ordnung. Und die ewig berechtigte Frage, wieso ich das dann eigentlich mache.





Samstag, 18. Juli 2015

Auf dem Weg ein Unfall; mehrere Rettungswagen und drei, nein, vier zertrümmerte Motorräder in der Zubringerschleife. Ich zucke zusammen. Mir fallen die häßlichen Kommentare von Ärzten ein: "supereilige Spenderorgane"; eisern Abstand halten, nicht daß man noch Hilfe leisten muß. Der Junge aus meinem Ort, der keine sechzehn wurde. Als das Auto vor mir abbremst und der Fahrer sich fast aus dem Fenster hängt, um besser zu sehen, werde ich wütend.

In M. die alte Besetzung: die sanfte B. mit ihren bedächtigen Bewegungen, deren Lächeln schön ist wie ein langer Sommerabend, und J., der mir seine neue Visitenkarte zusteckt – die Probezeit ist um. Im Garten gedeihen Häuser, die Mädchen jagen sich in der Scheune, der ältere Vetter zeigt einen Maori-Kriegstanz, die Sauerkirschen sind durch, die Nußernte droht bombastisch zu werden. Wieder ein Jahr, sagt B., und ich sehe eine Spur Traurigkeit in ihrem Blick.

Der Neuzugang am Kaffeetisch ist Teil einer ganz jungen Liebe von Mitte siebzig. Sie hat lange schon nicht mehr so gestrahlt; immerzu liegt seine Hand auf ihrem Bein oder in ihrem Rücken. Er verwöhnt mich, sagt sie; noch nie hat mich ein Mann verwöhnt. Daß sie nach einem halben Jahr schon heiraten wollen, klingt verflixt nach einem alten Fehler, aber was sollte man sagen? In unserem Alter, sagt er, belügt man sich nicht mehr. Und wer weiß, wieviel Zeit ihnen bleibt?

Es wird zum Abend etwas kühler, und die Fliegen drehen auf. So ist das auf dem Lande, sagt J., läßt sich noch ein Bier reichen und schaut zufrieden über die Kaffeetafel, die Baustellen, den Hof voller Sonne und Leben. Wieder ein Jahr. Es wächst, es wird.





Montag, 13. Juli 2015

Mein Herz schlägt da eigene Wege ein. Auf einmal halte ich die Luft an, und in mir geht die Sonne auf, während ich am liebsten hüpfen würde: Ist. Das. Wunderbar.

Es sind Menschen, Geschichten, Zufälle und Ideen, die mein Entzücken wecken: Menschen, die für etwas brennen. Ein Bild mit einer hübschen Absurdität. Kleine, um einen Fehler herum funktionierende Systeme; alte Gebräuche, die als schöne Hülle vorsichtig weitergereicht werden. Sinn abseits von Verdienst; die Würde des Kaputten. Dinge, die sich der Funktion entziehen, Menschen, die nicht passen wollen. Sehnsucht. Das Größere, nie Ganze auf den zweiten Blick.

Ein Teil meiner selbst schaut nachsichtig: Haste wieder was gefunden?, aber selbst dieser Teil wird ganz still, wenn es um Liebe geht, so unbegreiflich und zwecklos, wie sie nun eben ist, und wider alle Zerbrechlichkeit. Die macht mich lange froh, und ich fürchte wenig, solange es sie gibt.





Freitag, 10. Juli 2015

Vor Ventilatoren liegen und hoffen, daß es bald vorbei ist. Die Wahrnehmung ist in der Hitze zusammengeschnurrt und reicht nicht mehr ganz bis an die Welt heran.

Zwei Touristen auf der Domplatte: <Fremdsprache Aa-hen?> Fotoapparat raus, klick, weiter. Germany in less than seven days.

Ein Freund schreibt seit zehn Jahren einen Roman, jeden Tag ein wenig. Vor zwei Jahren dachte er, kurz, er wäre gleich fertig.

Ein anderer schreibt dicke Bücher. So ein Marathon, meint er, habe etwas Beruhigendes. (Ich hingegen gehe gern ein paar Schritte spazieren.)

Ich solle mich nicht so reinhängen oder mich besser bezahlen lassen. Wie man's bei anderen immer besser weiß. Das ist nicht mal professionelle Verbeulung, das ist einfach die Begrenzung des Menschen.

Warten und warten.





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