Samstag, 22. August 2015

Zwar verläuft sich der Strom der Wanderer mittlerweile – Wispertalsteig, Lahn-Camino, Moselsteig, der etwas unglücklich benamste Ahrsteig: wandern kann man überall –, doch ähnelt der Rheinsteig an manchen Tagen einer Ameisenstraße. Man reiht sich ein in den bunten Treck, erkennt Hüte, Rucksäcke, Trikots wieder und wieder, grüßt sich irgendwann, und beim nächsten Mal gebt ihr ein aus.

Anders die Entgegenkommenden: jeden sieht man nur einmal, aber sie fallen mehr auf. Einige hört man von weitem schon, und während man auf dem Weg zur Seite rückt, schaut man sich an. Mindestens kurz.

Die Leute sind unterschiedlich höflich. Manchen merkt man an, daß sie eigentlich lieber allein hier wären. Das geht mir ähnlich: mein Territorium erweitert sich, wenn ich draußen bin; die Anwesenheit anderer empfinde ich als Störung: was machen die hier in meinem Urlaub!

Ich übe mich daher in Freundlichkeit: Treffe ich Einzelne, grüße ich. Bei Gruppen sage ich der ersten in der Schlange Hallo und dem letzten, denen dazwischen nicke ich nur zu. Auf schmalen Pfaden bleibe ich stehen und lasse Ältere, Ungeübte, Erschöpfte vorbei. Läßt jemand mich vorbei, bedanke ich mich. Zwei, drei Mal habe ich Hilfe angeboten, als mir das nötig schien.

Anders als die Angewohnheit, draußen keine Spuren zu hinterlassen, ist das eine Entscheidung gegen meinen eigenen Impuls, mich wortlos in die Büsche zu schlagen. Mein Verstand sagt mir: es geht nur freundlich mit den Menschen, und draußen zu Fuß unterwegs sind wir doch alle gleich.

(Radfahrer übrigens grüßen nie; die Ausnahme zu dieser Regel muß mir noch begegnen.)





Sonntag, 16. August 2015

Und wenn ich heute auch nur über ein weiteres Blog mit Abnehm-, Mode- oder Schminktips stolpere, dann wird mir schlecht.

Als hätte die Welt keine drängenderen Probleme.





Es ist zwei Jahre her, da fragte mich das Kind, gerade fünf geworden, ob ich reich sei, und ich sagte sofort und voller Überzeugung: ja! Das Kind machte große Augen und wollte wissen: Dann hast du ganz, ganz viel Geld? Da mußte ich dann doch lachen, halb über die Frage, halb über mich, und erklärte uns beiden: Ich habe jeden Tag zu essen, ich habe ein schönes Zuhause, so viele Geschichten, wie ich lesen will, ich kann hin, wo ich möchte, und alle meine Lieben sind in der Nähe. Das haben nur ganz wenige Menschen auf der Welt. Also bin ich reich.

Das Kind dachte kurz nach und sagte dann zufrieden, an seine Mutter gewandt: Ach, dann sind wir ja auch reich!

Mit sechs wollte das Kind wissen, woher das komme, daß man neidisch ist. Wir kamen zu keinem Ergebnis; aber das ist bekanntlich auch ein Ergebnis.

(Es ist dasselbe Kind, das mich vor kurzem mit der Frage überraschte: Man darf doch keinen zwingen, etwas zu glauben, nicht?)





Mittwoch, 5. August 2015

Ich mag das: Menschen möglichst viel Raum in möglichst wenig Worten geben. Worte, die sich mit dem, was sie weglassen, zu erkennbaren Skizzen verdichten.

Dennoch gibt es Personen, die sich entziehen; bei denen ich mich scheue, auch nur den Anfangsbuchstaben ihres Namens zu notieren. Nicht aus Furcht vor Erkennbarkeit; eher um nicht etwas Schwebendes festzuschreiben. Oder: ihm nicht gerecht zu werden.

Mit manchen dieser Menschen beschäftige ich mich gedanklich, schriftlich und im Leben. Manche kommen sogar in meinen Textchen vor, doch ohne daß da wirklich etwas über sie stünde; nichts Greifbares, nichts Gültiges.

Einer, von dem ich nicht weiß, ob er sich von mir kennen läßt (und ob ich's überhaupt richtig versuche). Einer, nah und vertraut, bei dem ich schier verzweifle über all das, was ich noch nicht weiß. Eine, die ich so lange kenne, daß ich sie vielleicht gar nicht mehr richtig sehe. Einer, den ich gar nicht kenne; nur das Mitgefühl, das mancher seiner Sätze in mir weckt. Eine, über die ich immer noch nicht hinweg bin.

Nicht nah genug, zu nah, das scheinen gute Gründe für ein Stillschweigen. Und dennoch lauere ich darauf, doch irgendwann die Worte zu finden, die mehr sind als die halbe Wahrheit.





Sonntag, 2. August 2015

In der Pizzeria erklärt der Kellner der Junggesellen-Truppe, es wäre nur für zwanzig eingedeckt, aber wenn sie ihren einundzwanzigsten Mann mit auf die Bank setzten ... Der Wortführer der Junggesellen antwortet, indem er Tonfall und Akzent des Kellners imitiert; seine Stimme füllt den Gastraum, ein Teil der Jünglinge am Tisch feixt. Der Kellner ignoriert's. Ich lote das Gefühl der Fremdscham aus.

Auf dem Markt sprechen zwei weißhaarige Damen auf Deutsch und Englisch (beides: eine Art von) mit einem älteren chinesischen Ehepaar. Alle Beteiligten amüsieren sich prächtig. Als die Chinesen weitergezogen sind, meint die eine alte Dame zur anderen: Siehschde, mer muß nur mol Sayonara sage, dann kann mer sisch mit dene aach unnerhalde.





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