Und wenn ich heute auch nur über ein weiteres Blog mit Abnehm-, Mode- oder Schminktips stolpere, dann wird mir schlecht.
Als hätte die Welt keine drängenderen Probleme.
Es ist zwei Jahre her, da fragte mich das Kind, gerade fünf geworden, ob ich reich sei, und ich sagte sofort und voller Überzeugung: ja! Das Kind machte große Augen und wollte wissen: Dann hast du ganz, ganz viel Geld? Da mußte ich dann doch lachen, halb über die Frage, halb über mich, und erklärte uns beiden: Ich habe jeden Tag zu essen, ich habe ein schönes Zuhause, so viele Geschichten, wie ich lesen will, ich kann hin, wo ich möchte, und alle meine Lieben sind in der Nähe. Das haben nur ganz wenige Menschen auf der Welt. Also bin ich reich.
Das Kind dachte kurz nach und sagte dann zufrieden, an seine Mutter gewandt: Ach, dann sind wir ja auch reich!
Mit sechs wollte das Kind wissen, woher das komme, daß man neidisch ist. Wir kamen zu keinem Ergebnis; aber das ist bekanntlich auch ein Ergebnis.
(Es ist dasselbe Kind, das mich vor kurzem mit der Frage überraschte: Man darf doch keinen zwingen, etwas zu glauben, nicht?)
Ich mag das: Menschen möglichst viel Raum in möglichst wenig Worten geben. Worte, die sich mit dem, was sie weglassen, zu erkennbaren Skizzen verdichten.
Dennoch gibt es Personen, die sich entziehen; bei denen ich mich scheue, auch nur den Anfangsbuchstaben ihres Namens zu notieren. Nicht aus Furcht vor Erkennbarkeit; eher um nicht etwas Schwebendes festzuschreiben. Oder: ihm nicht gerecht zu werden.
Mit manchen dieser Menschen beschäftige ich mich gedanklich, schriftlich und im Leben. Manche kommen sogar in meinen Textchen vor, doch ohne daß da wirklich etwas über sie stünde; nichts Greifbares, nichts Gültiges.
Einer, von dem ich nicht weiß, ob er sich von mir kennen läßt (und ob ich's überhaupt richtig versuche). Einer, nah und vertraut, bei dem ich schier verzweifle über all das, was ich noch nicht weiß. Eine, die ich so lange kenne, daß ich sie vielleicht gar nicht mehr richtig sehe. Einer, den ich gar nicht kenne; nur das Mitgefühl, das mancher seiner Sätze in mir weckt. Eine, über die ich immer noch nicht hinweg bin.
Nicht nah genug, zu nah, das scheinen gute Gründe für ein Stillschweigen. Und dennoch lauere ich darauf, doch irgendwann die Worte zu finden, die mehr sind als die halbe Wahrheit.
In der Pizzeria erklärt der Kellner der Junggesellen-Truppe, es wäre nur für zwanzig eingedeckt, aber wenn sie ihren einundzwanzigsten Mann mit auf die Bank setzten ... Der Wortführer der Junggesellen antwortet, indem er Tonfall und Akzent des Kellners imitiert; seine Stimme füllt den Gastraum, ein Teil der Jünglinge am Tisch feixt. Der Kellner ignoriert's. Ich lote das Gefühl der Fremdscham aus.
Auf dem Markt sprechen zwei weißhaarige Damen auf Deutsch und Englisch (beides: eine Art von) mit einem älteren chinesischen Ehepaar. Alle Beteiligten amüsieren sich prächtig. Als die Chinesen weitergezogen sind, meint die eine alte Dame zur anderen: Siehschde, mer muß nur mol Sayonara sage, dann kann mer sisch mit dene aach unnerhalde.
Er meint, heute habe er noch niemanden umgebracht. (Nur einen erpreßt und Intrigen gesponnen; und ein Gemetzel vorbereitet, immerhin.) Na, der Arbeitstag ist noch nicht vorbei.
T. ist ein sehr guter Erzähler und ein Quell erstaunlicher Geschichten. Ich höre ihm gerne zu. Hin und wieder kann ich sagen: ah, das kenne ich; so war das also. Er lebt ein paar Jahre länger und ist viel tiefer in der Gegend verwurzelt als ich.
Als ich einmal wissen wollte, was er mit all diesen Geschichten mache, meinte er, wahrscheinlich nichts; die seien nichts Halbes, nichts Ganzes, und für seine Bücher taugten sie nicht.
Die Erinnerung eines Einzelnen läßt sich im Handumdrehen, vielleicht durch einen einzigen auf den Sperrmüll gestellten Koffer, auslöschen. Eine Generation ist schwer entzifferbar schon für die, die ihr folgt. Auch die Erinnerung an Kulturen, die ein paar tausend Jahre zurückreicht, kann Menschenhand zerstören; selbst Paläontologen werden von Baggern sehr unglücklich. Lediglich Geologen bewegen sich auf einigermaßen sicherem Terrain; Erdschichten ändern sich (noch) nicht so leicht ...
Ich mag T.s erdachte Geschichten, aber ich finde es schade um die, die außer ihm niemand erzählen kann.
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