Donnerstag, 10. September 2015

Ich lebe mittendrin, in einer Gegend der Seitengassen, der Wohnhäuser mit Ladenlokalen im Erdgeschoß; in jeder Straße muß es einmal einen Bäcker, einen Metzger, ein Geschäft des täglichen Bedarfs gegeben haben. Schon als ich herzog, standen die meisten davon leer.

Die, die es noch gab, haben mich entzückt: die Bäckerei, das Kleidergeschäft mit der eigenen Schneiderei, das Reisebüro (wirklich! ein Reisebüro!), der Weinladen, ein Herzblut-Geschäft, das vollkommen zeitgeistfreie Café, das Fotokopiergeschäft mit dem betagten Maschinenpark.

Jede Woche habe ich Verluste zu beklagen. Geschäft um Geschäft macht zu; Ladenlokale werden bestenfalls in Büros und Wohnungen, schlimmstenfalls in Spielcasinos verwandelt. Hier und da gibt es kurzlebige Neugründungen. Übernahmen bestehender Läden gibt es kaum; wer will schon zu miserablem Stundenlohn im eigenen Geschäft stehen und hoffen, daß er die Miete zusammenbekommt?

Es sind ja nicht die zahlungskräftigen Unternehmen, sondern genau diese kleinen Läden, die der Stadt ihr Gesicht geben und sie lebenswert machen. Es kommt nichts Neues nach. Mein Viertel stirbt.

(Immer verliebe ich mich in Orte; und dann brechen sie mir das Herz.)





Montag, 7. September 2015

Es ist weit weg, und ich war dort nie; ich kenne nur die Bilder aus dem Lateinbuch. Und doch fühle ich mich, als hätte man mir etwas weggenommen.

Geschichte vernichten – sich selbst ein Bein abhacken und rufen: da seht ihr, wozu wir in der Lage sind! Das ist das eine. Das andere: woher nehmen sie das Recht zu dieser Zerstörung?, und der Kummer darüber, daß genau diese Frage völlig zwecklos ist, daß es niemanden gibt, an den man sie richten könnte.

Gefröstelt habe ich, als am Tag nach der Zerstörung der Palmyra-Artikel bei Wikipedia bereits im Präteritum stand. Immer aktuell, immer korrekt. Kein Toter bleibt auch nur sprachlich unter uns, wenn seine Zeit um ist, während unsereins noch nicht fertig ist damit, die Barbarei seiner Ermordung zu beklagen.





Montag, 31. August 2015

Daß man goldene Hochzeiten mit einer Zeremonie in der Kirche feiert, hatte ich nicht gewußt. Auch nicht, daß man, ehe man von amtlicher Seite eine Urkunde überreicht bekommt, gefragt wird, ob man das überhaupt möchte – für den Fall, daß man nur noch auf dem Papier verheiratet ist, oder daß einer krank liegt. Ein seltener Fall von Takt in Amtsdingen; in fünfzig Jahren kann, neben der Gewöhnung, viel passieren.

Das Jubelpaar gibt ein Fest und läßt sich feiern. Sie haben sich schön gemacht, eine Schönheit, die mit dem Leben zu tun hat. Wie sie da sitzen, weiß und nicht mehr ganz gerade, und Glück- und Segenswünsche entgegennehmen, müssen sie sich nicht anschauen; später, beim Tanzen, sehen sie niemanden sonst. Sie sind eigen, jedes für sich, aber zufrieden miteinander. Das, und dankbar. Es hätte einiges schiefgehen können.

Ich verstehe, daß um einen solchen Jahrestag Aufhebens gemacht wird. Im Gegensatz zu einer Heirat ist ein Zusammenleben über fünfzig Jahre, in guten wie in schlechten Tagen, keine geringe Leistung.

Ich ziehe den Hut.





Samstag, 29. August 2015

Er sagt von sich, er sehe nicht besonders viel, und es scheint glaubhaft; zu seinem Blick hinter den Brillengläsern paßt in sich gekehrt. Auf seinen Wegen bleibt er nicht häufig stehen, er dreht sich kaum, bückt sich nicht oft. Nur selten spiegelt sich etwas in seinem Gesicht. Er spricht wenig von dem, was um ihn ist.

Manchmal blitzt etwas auf unter seinen sonst unscheinbaren Sätzen; man hört's, denkt, sagt: was?, und da ist es schon vorbei. Später aber kann das wieder auftauchen. Da trifft man Bilder, die man selbst vielleicht auch betrachtet hat, in seinen Worten wieder, und plötzlich sind sie zum Staunen: was er gesehen hat, ohne Aufsehens darum zu machen, ist hinter seiner Stirn zu einer Welt aus Worten gewachsen.

M. beschreibt einen Baum, eine Zugfahrt, einen Blick in ein Fenster und öffnet neue Augen, neue Welten. Mit den Dingen, die in sein Bewußtsein fallen, ist es wie mit Kieseln, die, stumpf an der Luft, unter Wasser in allen Farben leuchten.





Samstag, 22. August 2015

Zwar verläuft sich der Strom der Wanderer mittlerweile – Wispertalsteig, Lahn-Camino, Moselsteig, der etwas unglücklich benamste Ahrsteig: wandern kann man überall –, doch ähnelt der Rheinsteig an manchen Tagen einer Ameisenstraße. Man reiht sich ein in den bunten Treck, erkennt Hüte, Rucksäcke, Trikots wieder und wieder, grüßt sich irgendwann, und beim nächsten Mal gebt ihr ein aus.

Anders die Entgegenkommenden: jeden sieht man nur einmal, aber sie fallen mehr auf. Einige hört man von weitem schon, und während man auf dem Weg zur Seite rückt, schaut man sich an. Mindestens kurz.

Die Leute sind unterschiedlich höflich. Manchen merkt man an, daß sie eigentlich lieber allein hier wären. Das geht mir ähnlich: mein Territorium erweitert sich, wenn ich draußen bin; die Anwesenheit anderer empfinde ich als Störung: was machen die hier in meinem Urlaub!

Ich übe mich daher in Freundlichkeit: Treffe ich Einzelne, grüße ich. Bei Gruppen sage ich der ersten in der Schlange Hallo und dem letzten, denen dazwischen nicke ich nur zu. Auf schmalen Pfaden bleibe ich stehen und lasse Ältere, Ungeübte, Erschöpfte vorbei. Läßt jemand mich vorbei, bedanke ich mich. Zwei, drei Mal habe ich Hilfe angeboten, als mir das nötig schien.

Anders als die Angewohnheit, draußen keine Spuren zu hinterlassen, ist das eine Entscheidung gegen meinen eigenen Impuls, mich wortlos in die Büsche zu schlagen. Mein Verstand sagt mir: es geht nur freundlich mit den Menschen, und draußen zu Fuß unterwegs sind wir doch alle gleich.

(Radfahrer übrigens grüßen nie; die Ausnahme zu dieser Regel muß mir noch begegnen.)





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