Und diese Kapellen und Kapellchen an den Wegrändern und Weingärten. In vielen standen mal alte, wertvolle Heiligenbilder, die sind lange weggekommen und durch spätere Massenware ersetzt; aber geehrt werden sie, alle. Man sieht es an Blumen und Kerzen, an den gefegten Vorplätzen, den sorgsam nachgepinselten Blutrinnsalen auf dem Torso des Heilands. Inzwischen sind sie oft beschildert, weil nicht mehr jeder Wanderer weiß, wozu das gut sein soll und sonst vielleicht sein Picknick darauf abhält.

Zweidreimal bleibe ich stehen, wo nichts weiter als fünf hellere Steine in Kreuzform in die Mauer gesetzt sind, mit einem Sims davor für Blumenschmuck vielleicht; andere Male stehe ich verwundert vor proppenvollen Altären mit LED-Kerzen und Votivgaben von ungelenk bis industriegefertigt: Maria hat geholfen; Maria hilft immer; Danke, Maria.

Dazwischen entdecke ich kitschige Engel-auf-Herz-Ensembles aus dem Baumarkt-Dekoregal, manche mit salbungsvollen Schmuckaufschriften: "Ein Engel ist jemand, der dir in der dunklen Nacht einen Stern schenkt", "Liebe ist das einzige, was mehr wird, wenn man es weitergibt".

"Jajaja. Ein Loch ist das einzige, was größer wird, wenn man etwas davon wegnimmt", sagt M, der meine Abneigung gegen derlei Sprüche teilt. "Pfannenfertig" nannte Blogkollegin SoSo derlei Weisheiten mal.

Da ist eine Sehnsucht, so ein deutlich verspürtes Loch in der Seele, und das wird neuerdings mit Gipsgußgeist made in Fernost gestopft? Ich weiß nicht, kann das gehen? Ich weiß nicht mal, ob ich, der Frömmigkeit fremd ist, mir ein Urteil erlauben darf; ich kann ja nur darüber staunen.

M hinwiederum wundert sich über mich. Ich bleibe vor jedem Wegkreuz stehen und versuche seine Aufschrift zu entziffern, ich spähe in jedes Heiligenhäuschen und krame in meinem Hirn nach der zugehörigen Legende. Mich rührt der Ausdruck tiefer Gläubigkeit, auch wenn ich mich ein bißchen schlecht fühle beim Zuschauen.

Letztlich ist es wohl die Macht der Geschichten, die mich fasziniert. Menschennöte, über Jahrhunderte in Handlungen und Bildern geronnen; der Trost durchs Immer-wieder-Gleiche. Die universelle Sehnsucht der Menschen nach etwas über ihnen, und wie sie über die Zeiten Ausdruck fand und findet. Daß da den Leuten etwas heilig ist.






Ich liebe dieses Blog. Es ist so feinsinnig und liebevoll.
Hach, und dieser Text ... mir gehts ja wirklich ähnlich, und doch anders und so ...
;-)


Ach, Löcher... ist das zu einfach jetzt? www.textlog.de :-)


@SoSo, ach, danke Dir.
@Ferrer, der Tucholsky –! Doch, der muß einfach sein.