Der Sturm ist vorübergezogen.

Irgendwo beim Kaufhaus wohnt ein Mann, ich sehe ihn morgens mit seiner Isomatte an der Bushaltestelle vorm Eingang, groß und scheu; nie nimmt er Blickkontakt auf, aber einmal starrte er auf meine schlammverkrusteten Schuhe. Einmal kaufte er drinnen ein Glas Naturjoghurt und aß ihn draußen auf der Bank; einmal hatte er Haare und Bart geschnitten. Er scheint nicht zu trinken, nicht zu lesen, nicht zu sprechen. Ich weiß nicht, ob er sich langweilt; vielleicht hat man dazu keine Zeit, wenn man überleben muß. Vorstellen kann ich es mir nicht.

Die Frau, die mich heute ansprach, trug Grün: hellgrüne Jeans, knallgrüne Jacke, darunter einen Strickpullover von sanfterem Ton; an der dunkelgrünen Tasche hing ein geblümtes Tuch, so daß ich nicht als erstes dachte: ohne festen Wohnsitz, sondern: wow, was für ein Sinn für Farben. Sie sei mittellos, sagte sie sachlich und ging dann, trotz verfilzter Haare nicht ohne Eleganz, ihrer Wege.

Das Haus mit der kleinen Wäscherei wird abgerissen, die Kirche hat’s verkauft; die Mieter müssen bis Ende des Jahres raus. Geplant ist ein Block mit Luxusapartments. Genau das, was die Stadt jetzt braucht.






Die Kirche hat sicher wichtigere Aufgaben, als sich um kleine Häuser und deren Mieter zu kümmern, kann man sich denken.


Die Stadt müßte sich kümmern. Die Politik. Wie kann es sein, daß zwei Gehälter nicht mehr für eine Wohnung reichen? Wie kann es sein, daß Kleinverdiener sich nicht mal mehr irgendwo unterm Dach was leisten können? Wie kann es sein, daß Winter für Winter mehr Leute auf der Straße sitzen, die so aussehen, als hätten sie das letztes Jahr noch nicht getan?


Wie kann es sein? Leider sehr einfach: die Nullzinspolitik der Zentralbanken hat zur Folge, dass geliehenes Geld praktisch umsonst zu haben ist, was zwangsweise zur Fehlallokation der Investitionen führt. Das verursacht Blasen, zur Zeit gut zu beobachten im Immobiliensektor, in den Anleihen (auch und gerade Staatsanleihen) und Aktien. Die Gewinne der Bodenspekulation sind atemberaubend, die Lage derjenigen, die sich nicht im millionenbereich verschulden können oder wollen wird kritisch. Und wenn eines Tages die Zinsen wieder steigen, was früher oder später passieren wird, brechen viele Investitionen in sich zusammen, weil sie sich nicht mehr rechnen.
Wir suchen eine Wohnung in Berlin. Das Mietangebot ist praktisch zum erleigen gekommen, es werden nur Eigentumswohnungen angeboten, zu Preisen um die 8000 €/m² oder höher. Bei den jetzigen Zinsen ist es billiger, die Wohnungen zu kaufen als sie zu mieten, obwohl bis zum 40-fachen der Jahresnettokaltmiete als Kaufpreis verlangt wird. Eine fiktive Jahresnettokaltmiete, wohlgemerkt, es wird ja nichts zum mieten angeboten. Wir wissen nicht, ob wir jemals werden umziehen können.
Ich bin mir sicher, die Kirche hat gut an diesem Verkauf verdient. Was sie mit dem Geld macht steht auf einem anderen Blatt. Ich glaube nicht, dass ich das jemals erfahre.


(Ich kenne mittlerweile mehr Leute, die aus Berlin wegwollen als hin. Ein komplett absurder Fall: die Kinder sind aus dem Haus, damit sind die 4ZKB zu groß, und die Mieterin würde sie gern freigeben, aber sie kann sich nichts Kleineres in ihrer Gegend leisten.)
Mir will nicht in den Kopf, wie Menschen mit Entscheidungsmacht solche Entwicklungen nicht aufhalten oder wenigstens bremsen, wenn sie sie schon nicht verhindern können. Wer will denn solche Städte? Oder, vom anderen Ende her betrachtet: wieso reicht es nicht, daß die allermeisten das nicht wollen, um es zu verhindern?


welche Kirche denn?


Die Katholen. (Ist aber vermutlich auch egal.)