Farbe bekennen, Flagge zeigen, mit den Füßen abstimmen: bei Demonstrationen hilft nur Masse, also gehe ich hin. Ungern. Slogans, egal ob gebrüllt oder auf Plakaten, sind meines nicht; es ist mir zu laut, zu voll, zu ojeoje, aber was muß, das muß.
Während der Kundgebung schaue ich mir die Demonstranten an. Alle Altersgruppen sind vertreten, viele Kinder halten selbstgebastelte Plakate hoch. Danke, ich hab schon gewählt, sage ich dem vielleicht Achtjährigen, der mir Wahlwerbung von den Grünen überreichen will; orr Maaann, zieht er ab – das hat er heute wohl öfter gehört. Ansonsten: grundlegend friedliche Stimmung.
Ein Mann fällt auf mit blütenweißen Socken in Sandalen: er filmt sich vor der bunten Menge und murmelt in sein Mobiltelefon, irgendwas mit "Masken- und Klimagläubigen". Ein "Querdenker" bei der Feindberichterstattung für Telegram? Möglich. Ich nehme an, er wird als Demonstrant gezählt.
Unter Polizeibegleitung geht es los, der Zug ist lang genug, daß ich mich darüber freuen kann. Wer sich nicht freut: die Autofahrer, die länger warten müssen als an jeder roten Ampel. Viele haben nicht mal den Motor ausgeschaltet. Einer hat die Autotür geöffnet und brüllt in irgendeine Richtung: Irgendwann knallt's, klar, wer sich hier im Recht fühlt; aber recht hat er sicher auch.
Ich habe gewählt: Ich setze Hoffnung in Menschen.
Von einer besonnten Johannisbeerrispe die Früchte mit den Lippen abstreifen und, wenn sie zwischen den Zähnen platzen, vor Aroma, Säure und Erinnerungen frösteln.
Fast überall in meinem Kreis hat man schon, demnächst oder wenigstens bald die zweite Impfung, und so was wie Normalität gerät in Reichweite. (Meine Enttäuschung darüber, daß wir offenbar zufrieden sind, alles wieder wie zuvor zu machen, steht auf einem anderen Blatt.) Ich muß mich allmählich wieder an Menschen gewöhnen.
Sie ist fast achtzig, er zehn Jahre älter, vor einem Jahr haben sie sich kennengelernt (wie, bleibt ihr Geheimnis), vor einem halben zog sie bei ihm ein. Sie erzählt, im Prospekt habe sie seine Lieblingsmarmelade im Angebot gefunden und sich auf den Weg gemacht, gleich zehn Gläser kaufen, um ihn zu überraschen, dabei ihr Tempo überschätzt und noch in der Schlange an der Kasse stehen müssen; als sie ausblieb, habe er sich Sorgen gemacht und sei sie mit dem Auto im Ort suchen gefahren. Allein hätte sie es aber mit all der Marmelade im Rollatorkorb auch kaum geschafft. Sie, die nie ein gutes Händchen für Männer gehabt hat, sagt, dieser sei ihr größtes Glück, und: Wenn er mal nicht mehr ist, dann bleibe ich die paar Jahre allein.
Der Metzger auf dem Wochenmarkt ist wieder da: eine neue Hüfte hat er bekommen, allerhöchste Zeit war's. Der Eingriff wurde unter lokaler Anästhesie durchgeführt, alles bei vollem Bewußtsein; Schneiden, Auslösen, Sägen, Fräsen, Hämmern: es ist schon was, sich einen chirurgischen Eingriff von einem Metzgermeister schildern zu lassen, er ist ja quasi vom Fach. Jedenfalls: bestens gelaufen. Keinerlei Komplikationen, und alle so nett da. Hätte er das gewußt, wäre er früher gegangen. Ich verlasse den Stand in guter Stimmung, denn der Metzger ist einer, dem man das von Herzen gönnt.
Geschenkt: Ausflüge mit D und J: mit Menschen unterwegs, die sich auf das Schauen als Kunst verstehen. Und zu sehen, wie die schöne B in einen Pullover schlüpft und der an ihr großartig aussieht (genau für sowas habe ich Stricken gelernt).
Gleis 3, Abschnitt F auf einem der letzten Wartesitze, ich bin in das Notfallbuch vertieft, das M mir mitgegeben hat. Aus dem Augenwinkel sehe ich wen die Treppen herauf hasten, knochendürr, gebeugt, nicht zu erkennen, ob Mann oder Frau, die fettigen Haare hin- und herpendelnd vor dem Gesicht, und ich fische nach Münzen in der Tasche (nur noch Kleinkram übrig), aber die schlurfenden Schrittchen werden nicht langsamer, da sind sie schon vorbei; dieser Mensch scheint es eilig zu haben. Von hinten sehe ich die zerschlissene Hose und eine sehr mitgenommene Aktentasche.
Der Krimi ist gut, schräge Szenarien und kein Schimmer, was das werden wird, aber irgendwann schaue ich doch nach der Uhr: kommt der Zug nicht?, stattdessen vom Ende des Bahnsteigs her dunkelblaue Kampfwesten: zwei, vier, ach was: acht Sicherheitsleute, Himmel, sie tragen einen, aber nein, sie führen den Menschen von eben zwischen sich, ich kann seine Schlurfschrittchen hören, die Arme haben sie ihm im Rücken zusammengedreht, und ging er vorhin gebeugt, ist er jetzt gefaltet, hat er gar kein Gesicht, keinen Rücken mehr.
Ein paar Minuten später die Durchsage: alle Züge in meine Richtung fallen aus, Personen im Gleis, aber was hätte ich mich zu beschweren, mir war's ja auch lieber, daß der Mensch an mir vorüberging.
Aus dem Zugfenster sehe ich, wo die Mauersegler hin sind: die sausen schwarmweise eine Flügelspanne über dem Fluß und fangen aus der Luft, was sonst den Fischen zufällt.
Auf dem Bahnsteig Raubvogelgefühl, und tatsächlich kreist da ein Falke zwischen den Hochhaustürmen, strebt den Leuchtbuchstaben einer Hotelfassade zu und landet auf dem F. Hier wohnt er wohl; das F trägt weiße Streifen.
Spätabends, gerade ist noch Licht, lasse ich mich von Rotkehlchen und Zaunkönig in den Schlaf singen.
(So vor dreißig, vierzig Jahren wäre dieser Frühling nix Besonderes gewesen; im Bauernkalender stand: Mai kühl und naß füllt dem Bauern Scheun’ und Faß.)