Montag, 27. Juli 2020

Die Tage werden merklich kürzer. Mauersegler, die dieses Jahr spät geschlüpft sind, werden nun bald vergeblich in ihren Nestern warten, daß die Eltern Futter bringen; irgendwann werden sie, von Hunger und innerer Unruhe angetrieben, zum Ausgang der Bruthöhle hüpfen und zum ersten Mal hinausschauen. Sie waren noch nie in der Luft. Abends dann stürzen sie sich in die Tiefe und fliegen achttausend Kilometer nonstop bis über den Äquator. (Manche von ihnen werden, wenn sie im nächsten Mai zurückkehren, ihre Bruthöhlen nicht mehr vorfinden: in der Stadt saniert und baut man gerade Dächer aus. Die Segler werden trotzdem Jahr für Jahr die Fassaden anfliegen und die alten Nesteingänge suchen.)

Im Naturschutzgebiet kommen sie uns entgegen, eine kleine Kette, drei plüschig graue zwischen zwei prachtvollen weißen Tieren: die Schwanenfamilie flußab-, wir drei in unseren Paddelbooten flußaufwärts. Wir halten den Abstand maximal. Als wir glücklich vorüber sind, hebt hinter uns ein gewaltiges Getöse an: einer der Altschwäne startet zum Flug und rennt über den Fluß, schwingenschlagend und schnaufend, auf uns zu und peitscht mit seinen Schwimmfüßen die Wasseroberfläche. Er hebt dann aber doch nicht ab, sondern bremst abrupt, so daß uns seine Bugwelle weiter den Fluß hinaufschiebt. Dann wohl keine Schwanenküken zum Abendessen, witzeln wir; aber wir haben verstanden.

Der Fluß führt Hochwasser, die Uferpflanzen treiben wie Tang unter der Oberfläche. Wieder ist es eine Schwanenfamilie, diesmal mit zwei Jungen, die in Formation am Uferrand gegen die Strömung ankämpfen. Der vordere der Altvögel steuert die fast überspülte Kaimauer an und wuchtet sich hinauf, um den Landeplatz zu sichern. Zeitgleich mit den Jungtieren kommen die Spaziergänger an, ein ganzer Schwarm, Kameras gezückt und auf die Vögel gerichtet. Ehe diese sich auch nur niederlassen können, brechen die Alten den Versuch ab und scheuchen die erschöpften Kleinen ins Wasser zurück. Die Menschen am Ufer verlaufen sich so schnell, wie sie eben gekommen sind, und tippen Kommentare zu den Schwanenfotos in ihre Telefone.





Sonntag, 5. Juli 2020

Schon morgens irgendwas zwischen unleidlich und untröstlich, als fehlte mir was, als hätte ich was verloren, und erst später am Tag gemerkt: sie haben den Flugverkehr wieder aufgenommen. Längst noch nicht im Halbminutentakt, aber durchaus zu hören, wenn man dem Sommer die Fenster geöffnet hat.





Sonntag, 28. Juni 2020

"Oh, neue Frisur – sieht toll aus!" – Ähm ...

 

Wenn ich frage, ob ich langsam mal wieder die Haare geschnitten kriege, sagt mein Friseur: Och, heute nicht, das geht noch. Dafür schneidet er dann auch montags.

Er versteht, was ich will, wenn in meiner Beschreibung Kehlung oder positiver Sturz vorkommt. Es geht zackzack, keine Schere, nur Langhaarschneider, und ich muß nicht erklären, wieso man mit mir nicht über GNTM reden kann.

Auf meine anschließende Frage, wie es aussieht, antwortet er: normal. Einen Spiegel gibt es nicht; dafür kostet der Haarschnitt nicht mal ein halbes Vermögen.

Da geh ich wieder hin.





Montag, 1. Juni 2020

Gesichtsbedeckungen, Desinfektion, Abstand und wie er zu halten ist – jetzt sei, schreibt Freund M, die Krise in seinen Träumen angekommen.

In meinen Träumen regnet es allnächtlich nicht, Insekten werden ausgerottet, Medikamente gesucht, Flüchtende müssen untergebracht, Polizisten ausgetrickst werden. Wenn ich in Schlaf falle, sind die Probleme immer schon da.





Dienstag, 26. Mai 2020

Auf dem Dach nebenan liegt ein abgestürzter Meisenknödel, den haben die Hausrotschwänzchen entdeckt und halten sich seit Tagen daran schadlos. Stille Genießer sind sie nicht. Pausenlos posaunen sie herum: Nein, was ist das denn! Da haben wir aber was gefunden! Großartig! Ist das nicht die Wucht! – Ich wundere mich, daß offenbar nur ich aufmerksam geworden bin und nicht die Konkurrenz oder das Raubgetier.

Die nächste Frau, sagt H, sollte aber essen, was der Kollege kocht. Naja, sage ich, daß er für sie immer etwas extra machen mußte; aber es gibt doch noch andere Kriterien … H ist sicher: Wenn einer so viel Freude am Kochen hat, so gut kocht, und dann ißt sie es nicht? Jeden Tag aufs neue? Das ist Höchststrafe. Sie muß gern essen, sonst wird das nix.

Kein Kaffee mit T, weil ich huste.

Im übrigen soll es, wie immer, nächste Woche regnen.





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