Samstag, 6. Januar 2018

Auf dem Acker, in der lehmigen Achselhöhle einer Weggabelung, hat sich ein Schlechtwettersee gebildet, über den könnte man selbst mit Anlauf nicht springen. Er muß das Wintergetreide überrascht haben; das ist darin ertrunken und hat nun die Blattunterseiten gegen die Unterseite der Wasserfläche gelegt, alle wie in einer Strömung Richtung Wald. Heute jagen die Wolken, und dahinter ist der Himmel klar; der Pfütze Grund genug, ihn blau zu spiegeln.





Donnerstag, 4. Januar 2018

J. ist Fachmann für seltsame Blickwinkel, und wenn man das mit schrägem Vogel meinen würde, wäre es ein Wort für ihn: sich den gewöhnlichen Dingen aus ungewöhnlichen Richtungen nähern und dabei akrobatische Manöver fliegen. Bei D. hingegen muß ich an eine Quelle denken, unaufhaltsam, ohne daß man ihre Kraft als Gewalt zu spüren bekäme; erfaßt alles, reagiert auf alles, was zu ihr kommt, zieht aus tiefen Schichten, gibt.

Bei J. und D. lassen sich Paar- und Künstlersein so genau nicht trennen. (Ihr Gespräch hat etwas unendlich Vertrautes, gesteigert dadurch, daß jedes in seiner Mundart spricht und gelegentlich Worte des anderen ausprobiert wie kleines Salzgebäck.)

Zwischen beiden geht es hin und her: geschehene und erfundene Geschichten, Theorien, Ideen und Assoziationen; das mäandert fort und fort, und neben dem zurückgelegten Weg entsteht eine funkelnde Spur aus Bestauntem, Fotografiertem, Erzähltem. Sie fügen der Welt hinzu, jedes für sich und gemeinsam, mehr als die Summe.

Kunst nicht als Gemachtes, Kunst als Gelebtes. Oder vielleicht noch etwas über Kunst hinaus.





Mittwoch, 3. Januar 2018

Von einer Sekunde auf die andere bin ich wach: Das Geräusch war der Schlüssel, das war das Schloß, das war, wie einer die Tür aufmacht und in die Wohnung tritt. Jetzt: Stille. H. ist schon aus dem Bett gesprungen und stürmt auf den Flur. Was machen Sie hier, höre ich ihn donnern, wie kommen Sie hier rein? Ausflüchte, leiser, eine Männerstimme: in der Wohnung geirrt, und Beschwichtigungen: alles gut. Rückzug, Türenklapp.

Der stand hier, im Dunkeln, an der Tür! H. dreht eine Runde durchs Haus und kommt gleich wieder. Nein, niemand mehr zu finden. Dann läßt er den Schlüssel innen stecken. Es ist halb fünf.

Um kurz nach acht, noch vorm Kaffee, hat H. ein neues Schloß besorgt und eingebaut. Wir telefonieren herum. Der Hausmeister: war's nicht. Der Hüter des Ersatzschlüssels: hat ihn noch. Die Polizei: sagt, da kann man wohl nix weiter tun. Es ist elf Uhr.

Heller Tag, als es an der Tür klingelt. Draußen steht ein junger Mann, den wir noch nie gesehen haben. Äh, ja, er wolle sich wegen heute nacht entschuldigen ... Er habe beim Nachbarn eins drüber übernachten wollen, war morgens leicht angesäuselt von einer Party zurückgekommen, habe aufgeschlossen und sich erst mal nicht mehr ausgekannt. Und während sein Hirn noch nach einer Erklärung für die neue Flureinrichtung kramte, kam plötzlich ein Fremder auf ihn zugeschossen ... Den Rest der Geschichte kennen wir.

Ich bin erleichtert, heißt das doch, daß nicht irgendwelche Leute mit meinem Schlüssel durch die Stadt spazieren. Andererseits scheint es, als hätten wir im Haus ein Einheitsschloß ...

Na, jetzt nicht mehr. Zum neuen Jahr also ein schwererer Schlüsselbund. Und der neue Schlüssel läßt sich zweimal umdrehen, sogar.





Sonntag, 31. Dezember 2017

Aus den Stauseen, in denen die Zeit geblieben ist, würde sie großflächig abgelassen: Überfluß für alle! Gesundheit würde in Fahrradbotentaschen an die richtigen Adressen geliefert und persönlich ausgehändigt. Überall würden in den Städten warme, trockene Orte eröffnet, auf dem Land hingegen: Raum und Ruhe, die Horizonte blankgefegt, eine Handvoll Sterne ganztägig. Geschichten, Geschichten! Und jede dürfte leuchten, so lang sie kann.





Samstag, 23. Dezember 2017

Sie liegen auf Eis, ein paar Dutzend schwarz und silbriger Fische, und starren in die Dunkelheit jenseits der Glasscheibe. Immer wieder zuckt es in dem Haufen, bäumt sich einer, schnellt eine Handbreit in die Luft und scheint dabei einen anderen zu wecken, der dann seinerseits mit dem Schwanz schlägt und springt.

Sie sind sauber aufgeschnitten, sauber ausgenommen; man kann ihnen in die Bäuche schauen bis zum Rückgrat. Kein Tropfen Blut färbt das Eis. Dennoch wird die Kundin, die der Vitrine am nächsten steht, bleich und geht ein paar Schritte beiseite. Die sind ganz frisch geschlachtet, sagt die Verkäuferin; voll Mißbilligung schaut sie auf die zappelnden Forellen, die noch nicht still liegen, noch nicht das Weihnachtsessen sein wollen, als das sie hier verkauft werden.





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