Montag, 18. Dezember 2017

So kurz die Tage und so sonnenlos, da träume ich nachts von Felsen und Meer. Ich kenne die Traumbilder: das ist die bretonische Steilküste.

Acht oder neun muß ich gewesen sein. Ich erinnere mich an die Routinen eines Sommerurlaubs, den täglichen Aufbruch an den Strand, Gezänk mit den Schwestern, Baguette und salzige Butter aus dem Kofferraum, Sand auf Strohmatten. Die Felsen reichten hier bis zum Wasser, und Teiche im Stein standen voller Wunder.

Wir packten zusammen, wenn die Flut kam und der Streifen Sand schmal und schmaler wurde. An einem heißen Tag war das ziemlich spät; das Licht war schon abendlich verfärbt. Ich mußte mich jedes Mal losreißen von den Krebsen und Schnecken und Anemonen in den Salztümpeln, die bald mit frischem Seewasser geflutet werden würden, und kletterte immer als Letzte den Pfad zum Parkplatz hoch.

Diesmal nicht. Einer der Felsen, die aus dem Sand ragten, hatte unter meinem Tritt hohl geklungen. Die Flut beleckte ihn schon, als ich mich hinabbeugte; schwärzliche, algige Oberfläche mit Seepocken, ja, aber eine ablaufende Welle riß genügend Sand mit sich, daß ich eine Vertiefung sehen konnte. Ich grub nach, da wurde es glatt, schimmernd – das war kein Fels, das war ein Schneckenhaus oder eine Muschelschale, zum größten Teil im Sand; sie mußte riesig sein.

Aber die Flut kam schnell; jede Welle reichte weiter als die vorige. Ich schaffte es nicht, die Muschel auszugraben. Den Hohlraum darunter konnte ich spüren, aber ich dachte an die Wesen aus den Felsenteichen und wagte nicht, hineinzugreifen. Meine Verzweiflung wuchs. Mit jeder Welle wurde das Wasser tiefer, oben auf dem Parkplatz hupte es.

Ich stand auf der Muschel, das Meer reichte mir bis zu den Knien, bis zur Hüfte. Meine Mutter stieg oben aus dem Auto und rief, aber ich konnte doch nicht; dann schubste mich eine Welle um, und ich paddelte an Land.

Die Eltern verstanden nicht, wieso ich so aufgebracht war. Ihr Schimpfen wiederum traf mich nicht. Ich war wütend, daß mir keiner geholfen hatte, und hinzu kam die Kränkung, daß sie mir nicht zu glauben schienen. Ich stellte mir vor, wie meine unwahrscheinlich große Muschel inzwischen tief unter der Wasseroberfläche lag. Würde sie bei der nächsten Ebbe jemand anderes finden? Hatte das Meer sie für immer verschlungen?

Während das Auto fort vom Strand und in die Dunkelheit rollte, während die Badebucht für die nächsten Stunden im Meer versank und ich mit dem letzten Fünkchen Hoffnung kämpfte, senkte sich diese Erinnerung, zusammen mit Bucht und Meer, tief in mein Gedächtnis.





Donnerstag, 14. Dezember 2017

E. hat die Operation gut überstanden, muß aber noch bleiben. Das Personal hier, klagt sie, kümmert sich nicht richtig. Lagern nicht korrekt, decken nicht richtig zu, versprechen viel und vergessen es dann.

Ihre Mitpatientin hat in den ersten Tagen viel geschlafen; jetzt sitzt sie aufrecht im Bett. Sie hat eine tiefe Stimme, Deutsch mit schlesischem Einschlag; ich bin fasziniert. Soll ich Ihnen einen Kaffee mitbringen, frage ich sie. Die trinkt keinen Kaffee, antwortet E., unerwartet garstig.

Das Deckenlicht stört sie, und sie macht es ohne zu fragen aus, obwohl die Mitpatientin liest. Mit ihrer Familie redet die nur Russisch, knurrt E., als sei das eine Rechtfertigung für irgendwas.

Später kommt eine Schwester, die Mitpatientin hat wohl geklingelt, und richtet dieser das Bett. Nein, noch ein Kissen. Und das Kopfende ganz nach oben, kommandiert die alte Frau. Die stellt vielleicht Ansprüche, flüstert E. vernehmlich. Dafür, sage ich, muß sie sich nachher nicht über falsche Lagerung und fehlende Decken beschweren. E. ist beleidigt.

Als ich gehe, bleiben zwei weißhaarige Frauen in Morgenmänteln zurück und eine Feindseligkeit, deren Grund vermutlich keine von beiden kennt; und ich will's auch gar nicht so genau wissen.





Montag, 11. Dezember 2017

Eine Heizschlange ist durchgeglüht, Grillen geht nur noch links. Will man Umluft, muß man den internen Lüfter mit einem Eßstäbchen anschubsen. Licht hat er auch nicht mehr, man braucht eine Taschenlampe zum Reinschauen. Und um die Klappe zu schließen, muß man ein tiefliegendes Teil des rechten Scharniers mit einem Schraubendreher beiseitedrücken. Aber sonst ist er vollkommen in Ordnung.





Sonntag, 10. Dezember 2017

Schnee macht schön: ist das wirklich dieses struppige Gehölz am Stadtrand? Die sterilen Vorgärten sind weich zugedeckt, alle alten Obstbäume mit Rheumadecken versorgt. Häuser kuscheln sich im Bett aus Feldern zusammen, jedes Dach eine Handvoll Himmel, die Ferne wie Rauch. Mein Buch bleibt zu auf dieser Zugfahrt: so erfreulich habe ich die alte Heimat schon lange nicht mehr gesehen.

Es knackt unter meinen Schritten und knistert auf dem Regenschirm; sonst ist das Städtchen so still, wie das nur der erste Schnee des Jahres hinbekommt. Auf Mäuerchen, in Einfahrten stehen weiße Gestalten, manche gerade eine Spanne groß, manche ausgewachsene Schneemänner samt Rübennase.

Am schönsten ist die Aussicht übers Land aus dem achten Stock, so was haben hier nur Krankenhäuser. Trotzdem mag ich da nicht hin. Auch nicht, ach was: schon gar nicht als Besucherin.





Montag, 4. Dezember 2017

Mich bekümmert, daß ich nicht an C.s Todestag gedacht habe; es war ja dieses Jahr wie als er starb: ich war unterwegs, noch ein wenig loser in der Zeit als ohnehin. Aber so viele andere haben ihn nicht vergessen. So vielen fehlt er.

Als ich H. jüngst besuchte, war sein Bücherschrank geplündert; ein Stapel Bücher lag im Flur, falls die jemand brauchen kann. Nie würde sie, sagte H., Dinge wegwerfen, die ihm wichtig gewesen wären. Ich war wohl schroff. Die Bücher trug ich zurück in C.s Arbeitszimmer: dieses hatte ein Freund geschrieben, jenes paßte dazu; mit diesen hatte er sich weiter eingearbeitet ... Buch für Buch stellte ich die Geschichte von C.s Interessen, eine brauchbare kleine Bibliothek, zurück in die leeren Fächer.

Dabei weiß ich ja, H. ist auch nur traurig.





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