Schon auf dem Weg zum Bahnhof muß ich mehrfach Menschen freundlich, aber bestimmt abwimmeln. Ist das die kalte Jahreszeit, oder wirke ich, wenn ich besonders ungesellig bin, besonders ansprechbar?
In der Sitzgruppe vor mir packt eine Frau mit Puppengesicht Tuben, Tiegel, Pinsel, Bürstchen, Spiegel und Lampe aus und deckt damit den Tisch vor sich ein. Dann hantiert sie nach offenbar festem Plan mit Farben und Pulvern, pinselt sich bald großflächig, bald detailliert im Gesicht herum, streicht, sprüht, zupft, tupft, schattiert, eine ganze Stunde lang; am Ende nimmt sie aus einem Kästchen ein Paar glanzgebürsteter schwarzer Raupen, bestreicht sie mit Leim und klebt sie sich an die Lider. Natürlich schaue ich hin, als sie sich in meine Richtung dreht: über ihr Puppengesicht hat sie sich ein weiteres Puppengesicht gemalt. Als sie den Waggon verläßt, ist ihr jede Oberfläche ein Spiegel.
Im meinem Koffer das Weihnachtsgeschenk des Jahres (ganz sicher): ein walnußgroßer Kieselstein. Das Konzept gefällt mir sehr.
Und Schnee. Schnee zum ersten Advent.
Was mir einfiele, schrieb eine Autorin und wies sämtliche Korrekturen und Änderungsvorschläge zurück.
Ich hätte antworten können: nun, ich mache meinen Job. Vor das Veröffentlichen hat die Projektleitung (so sie's ernst meint) das Lektorat gesetzt, und das bin ich. Nehmen Sie's nicht persönlich, hätte ich anfügen können, kaum ein Mensch schreibt wie gedruckt; das Lektorat sieht den Text sozusagen im Negligé, und wir zupfen dann ein bißchen dran herum oder reichen einen Mantel, um die Blöße zu bedecken, je nach dem. Uns ist da, hätte ich beruhigen können, wenig fremd. Und reden kann man ja bekanntlich über alles.
Nur: Wo hätte ich anfangen, wo aufhören sollen?
T.s Bücher haben Enden, charakteristisch für ihn, untypisch für sein Genre, die mir Vergnügen machen. In Rezensionen heißt es hingegen oft, der Schluß sei so kurz, komme so unvermittelt. Ich frage mich, wo das Anrecht der Leser darauf, ihre Erwartungen erfüllt zu bekommen, endet.
Kleiner Streit mit M., der kein Lob erträgt. Mir gefällt ein Text, er nennt ihn schwach; ich sage von einem Bild, daß es einen ganzen Schwarm Assoziationen mit sich bringt, er nennt es platt und unzensiert. M., sage ich, denn langsam habe ich doch genug davon, nicht für voll genommen zu werden, M., du mußt dich damit abfinden, daß die Hälfte deiner Texte beim Lesen entsteht, mithin in deinen Lesern.
L. hat gemerkt, daß es Bücher und Bücher gibt. Simple Geschichten stellen sie nicht mehr zufrieden; gegen die weniger simplen, die, in denen es an die Substanz geht, kann sie sich noch nicht wehren, die erträgt sie kaum vor Mitfühlen. Aus diesen Geschichten taucht sie auf wie aus einem Abgrund, einem Fieber, erschüttert, erleichtert. Ich bin sicher, die Krankheit wird einen chronischen Verlauf nehmen.
Lebkuchenland, natürlich; die ganze Stadt wirkt wie gebacken. In alten Modeln, doch der Stein scheint neu; zumindest frisch gekärchert. In sich selbst konserviert, steckt die Altstadt in einem Festungsmauerring. Hier und da schauen Giebel drüber weg, hier und da die Stirnen neuer Bauten. Schwer zu entscheiden, ob das idyllisch ist oder bedrückend. Ruhiger jedenfalls – vor der Maueranlage rauscht vielspuriger Verkehr.
Drinnen ist es wirr, Straßen, Gassen, Gäßchen, Plätze – Mittelalter rangelt mit StVO. Ich suche die Lebküchnerei Düll und werde mehrfach im Kreis geschickt; kein Wunder, hier grenzt der Ludwigs- an den Jakobs- an den Josephsplatz. Irgendwann treffe ich einen, der nicht bloß hier wohnt, sondern auch einen satellitengespeisten Stadtplan in der Tasche hat.
Zurück in meiner Stadt, beim Verlassen des Bahnhofsgeländes, gerate ich in einen Gegenstrom rennender Männer in farbigen Schals: direkt in meinem Weg hat sich soeben ein Fußballfanbus entleert. Dann geht es nicht mehr weiter: eine Kette von Gepanzerten versperrt den Durchgang; einer brüllt: Zurück! Durchs Bahnhofsgebäude gehen!
Ich weise auf mein Gepäck, nein, ich bin kein Fußballfan, ich möchte zur Tram da drüben, aber ich werde angebrüllt: Zurück! Ich bleibe stehen, wie noch einige andere Reisende. Die Tram verpassen und mich anschreien lassen? Als der Fanbus wegfährt, entweichen wir durch die entstandene Lücke. Lass sie laufen, höre ich es hinter mir.
Die Lebkuchen, später, schmecken ausgezeichnet.
Paukenschlag, volles Orchester, Chor: ... statu variabilis ... Das Kind sitzt auf der Stuhlkante und späht in den Orchestergraben. So viele Instrumente! Liebesgeplänkel interessiert es nicht so; bei den Tanzstücken wippt es mit. Nachher wird es ganz erledigt sein von dem Lärm und der Aufregung und dem Applaus, aber für einen bewundernden Blick in die Kuppel des Foyers wird's noch reichen.
Vorm Theater wartet dann der Tag in Winterkleidung.
Der Himmel ist glasklar, von Flugzeugen bekritzelt, und über seine Fläche schiebt sich eine Kranichkette; ihr helles Getröt mischt sich mit dem Läuten der Kirchenglocken. Eine Seite des Vogel-Vs löst sich auf, gerät in Verwirrung, die Tiere finden sich zu kleineren Formationen und lassen sich weiter ziehen von den Fernen. Wir drunten in der Stadt aber müssen schlucken, wie wenig wir Flügel haben.
Nachtrag: Großen Spaß macht das hier – 70er-Jahre-Carmina, nach Orffs Vorstellungen umgesetzt. (Bildqualität auf der DVD natürlich besser.)
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