Die Charaktere, Trümmer von Geschichten, halbe Handlungsstränge, die sich in meinem Kopf herumtreiben, da müßte ich mal, das muß doch ...
Ach, sagt der Schriftsteller, das ist leicht gemacht; man braucht sich bloß von einem Schriftsteller beißen zu lassen, an einer gut sichtbaren Stelle, etwa unterm Auge (nicht ins Ohr, das ist zu schlecht durchblutet).
Er könne sich um die Angelegenheit kümmern, und im Aufwachen noch denke ich, wie schade, daß ich ihn nur angerufen und nicht gleich besucht habe.
Ein Kilo Hühnerherzen putzen: siebenunddreißig kleine Herzmassagen, und das Wasser immer rosenröter.
Herzwäsche, das wär's. Durchkneten, spülen, und alles Schwarze, Zähe: geht einfach den Abfluß runter.
(Sie waren dann, die Hühnerherzen, mit Zwiebelchen und Ei gebraten, Schnittlauch, Pfeffer, Salz, sehr gut.)
Ich habe die Schaltsekunde gesehen, da war die Böllerei in der Stadt schon vorbei. Die Uhr zählte brav und hatte keinen Aussetzer; ihr Programmierer strahlte.
Neujahr ist sehr still, Schnee deckt den Unrat auf den Bürgersteigen zu, die Dächer sind ganz unbeschrieben und heller als der Himmel. Ich kann schon den Kehrwagen von der Stadtreinigung hören, hier sind immer ein paar Männer mit Reisigbesen dabei, die beseitigen am Feiertag die Kollateralschäden der Vertreibung böser Geister.
Hübsche Sache für eine ruhige Minute: Dialektforschung.
Glückliche Menschen leben länger, sagt H., weswegen er beschlossen habe, weniger Nachrichten zu lesen.
Gutes Neues!
Für diesen Ort muß man ein wenig tauchen, aber da, unter den vielen vergangenen Jahren, liegt er noch, gut erhalten, in ewigem Sommer.
Da fließt der breite, kinderknietiefe, murmelnde Bach, der eine Sie ist, denn hier sagt man so. Daß die Bach auch anders kann, sieht man an den ausgedehnten Wiesen, Auffangbecken für die Frühjahrshochwässer, links und rechts des Weidensaums.
Man muß den Pfad durch das hohe flirrende Gras kennen und so tun, als habe man nix weiter vor, und dann in einem unbeobachteten Moment zwischen die Bäume schlüpfen; die sind ein silberner Vorhang, spannen einen Schirm über der anderen Welt des Gewässers.
Hier drinnen ist es grün und kühl. Das Wasser hat in wilderen Zeiten das Ufer zwischen den vielfach geknickten Weiden zu runden Buchten ausgespült und mit Sand gefüllt. Hier ist alles: Schatten, weicher Untergrund, Liegeplatz auf einem schrägen Stamm gleich überm Wasserrauschen.
Bleibt man ein Weilchen hier und wird selbst ein wenig Weide, gibt es mehr: Sonnenflecken auf dem Bachgrund und glitzernde Fische darin, die sich nicht fangen lassen, auch mit Marmeladengläsern nicht. Vögel, die die Rinde auf und ab turnen. Höhlen zwischen den Wurzeln, die man von den Mäusen borgen kann für Nützliches und Schätze.
In den Stunden hier kann man Schönheit und Stille trinken, den Mücken auch was gönnen und sich gründlich in Bäche verlieben, in die ungekämmten Paradiese nicht weit vom Weg, die sich, das wird man noch merken, nicht teilen lassen, zumindest nicht mit vielen.
Später alles mitnehmen, was noch da ist von dem, was man hergebracht hat, und alle Spuren verwischen. Draußen ist die Luft beim Atemholen heiß, aber man weiß ja und wird immer wissen, wo die Weiden stehen.
(Herr Klagefall stellt wie immer die richtigen Fragen.)
Den Mantel aber diesmal in den Kofferraum.
In den Höhen um den Edersee für mich die ersten Winterbilder: weiße Baumkronen, Reif auf Nadeln und Blättern, die Landschaft vornehm blaß in den Nebel gelagert; mittendrin: ein frisch geeggtes Feld, wie eine Wunde rot. Ich schaue sehnsüchtig aus dem Autofenster; für all das hätte ich Verwendung.
Die Ortsnamen werden lustiger, das Straßennetz dichter, die Höfe behäbiger. Am Ziel dann die Runde um den Tisch zum ersten Kaffee: kleiner dieses Jahr.
Und ohne Baum. Hätte bloß Tränen gegeben beim Schmücken.
H. merkt an, daß diese künstlichen Kerzen alle mit Strom betrieben werden und einem Microcontroller, für das naturgetreue Flackern. Für jedes zitternde Lichtlein: ein Computerchen. Und daß man werweiß mit der Rechenleistung, die da so in einem durchschnittlichen Wohnzimmer leuchtet und flackert, die Mondlandung hinlegen könnte oder Schlimmeres –
Ich muß schließen, gibt gleich Essen. Wie immer.
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