Mittwoch, 21. Dezember 2016

Von meinen Runden durch die Wortgärten komme ich oft bereichert mit Wildwuchs oder Früchten oder einem schönen knorrigen Zweig zurück; heute ist es ein Stein in meiner Brust.

Die Stille war ein schlechtes Zeichen, und nun denke ich an dieses Leben, an dem ich einige Jahre lesend teilgenommen habe. Ich hoffe, es hat ein gutes, freundliches Ende genommen.

Noch ist seine Stimme im Netz, doch wo gehen die Worte hin, wenn Fristen verstreichen, Verträge verfallen, wenn jemand alle beschriebenen Blätter zerreißt? Geschichten in Gedächtnissen, die selbst, warte nur, bald Geschichte sein werden?

Ach.





Samstag, 17. Dezember 2016

Einmal habe ich ihn getroffen, auf einen Kaffee in Bahnhofsnähe; ich hatte einen gigantischen Koffer dabei und er ein Fahrrad, und er war mindestens so verlegen wie ich. Wir hatten damals dieselbe Stalkerin, er aber schlimmer. Eigentlich wartete ich immer auf ein Buch von ihm.

Zum Glück war sein langes Blog-Schweigen keine Krankheit; er ging sehr plötzlich, hörte ich. Einen Nachruf hätte er wohl nicht gemocht, aber ein gutes Glas Wein, das kann man auf ihn trinken.

(Oh, der Tod ist gierig dieses Jahr.)





Mittwoch, 14. Dezember 2016

Der Vollständigkeit halber.

Schreiben, bis der kleine, hartnäckige Schmerz aufhört. Der bleibt nicht weg, aber fürs erste ist Ruhe. Gegenan, immer wieder.

K. sagt, er könne nicht das Wort oder den Satz nennen, doch ein Text von mir habe ihn an etwas erinnert, das er wußte und lange nicht gedacht hat.

Ohne Geschichten wären keine Menschen.

Ist aber eigentlich auch egal.





Samstag, 10. Dezember 2016

Beim kleinen Schuster habe ich nicht genügend Bares dabei für die schwarzen Schuhe. Macht nichts, sagt er, nehmen Sie sie mit und bringen Sie das Geld die Tage. Er weiß meinen Namen nicht und nur, daß ich irgendwo hier wohne. Er macht sich nicht einmal eine Notiz (wie auch, mit Leim an den schwarzen Händen). Als ich am nächsten Tag meine Schuld begleiche, nickt er nur; auf Wiedersehen!

Auf dem Markt sagt der Ziegenbauer auf die Frage: ist Ihr Käse wieder so gut wie der letzte? einfach: Nein. Ohne Entschuldigung, ohne Vertröstung, ohne auch nur ein bedauerndes Lächeln.

Der Kartoffelbauer hört auf. Nicht gern, aber er muß sich mal zur Ruhe setzen. Wo bekommen wir denn dann die guten Kartoffeln her? Außer Ihnen baut niemand hier die alten Sorten an. Er schiebt die Mütze in den Nacken und kratzt sich am Kopf. Den jungen Mann, der das alles übernimmt, den versuche er auf Linie zu bringen. Aber wer weiß schon, was der junge Mann draus macht?

Besuch bei H., der Witwe, mit einem Korb Lebensmittel. Auf C.s Beerdigung war sie Mittelpunkt, gefaßt, geradezu strahlend; wie sie das immer macht. Ich kenne sie besser. Man möchte ihr eine Decke bringen und ihr sagen, daß alles gut wird, auch wenn das nicht wahr ist.





Montag, 5. Dezember 2016

Wo anfangen?

Der Flüchtlingsjunge, der nichts weiter hatte als seine Hände, ein gewinnendes Wesen und einen sehr, sehr hellen Kopf. Und der dann das begehrteste Mädchen der ganzen Gegend bekam, aus hochangesehener Familie; ein ganz unwahrscheinliches Traumpaar. Nun hat der Tod sie geschieden.

Er, dessen absolute Integrität seltsam aufschien an einer Stelle, wo Integrität kaum je zu finden ist. Der darum seine Arbeit irgendwann nicht mehr lieben konnte.

Der nicht gläubig war, der aber für die Werte und Worte und Lieder, die so weit in die Geschichte zurückwurzeln, einstand.

Der anstieß, sorgte, plante, immer an das Beste im Menschen glaubend. Und dessen letzte Frage war: ich habe doch alles gemacht?

Daß die Welt, ach, dunkler geworden ist ohne ihn.

 

Wenn einer von den Lieben geht, dann sind wir plötzlich ganz nah am Abgrund. Ein Schritt, mehr wär's nicht. Man muß sich gut festhalten, daß es einen nicht mitzieht da hin, wohin sowieso alles geht.

(Ich stehe an dieser Kreuzung von mehreren mehrspurigen Straßen, eine brüllende Weite aus Asphalt, von in Intervallen einschießendem Verkehr geflutet. Jetzt erst sehe ich, daß dieser Ort das Wort "Platz" im Namen trägt. Vielleicht war das wirklich mal ein Platz, auf dem Bäume und Bänke standen und Spaziergänger zum Gruß den Hut lüfteten.)

Wenn ich jetzt an C. denke, gehen die Gedanken ins Leere. Er wohnt nicht mehr, er macht nicht mehr, er denkt und sagt nicht mehr. Es bleiben die Geschichten; und die Vorstellungen von Geschichten.





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