Donnerstag, 22. Dezember 2016

Den Mantel aber diesmal in den Kofferraum.

In den Höhen um den Edersee für mich die ersten Winterbilder: weiße Baumkronen, Reif auf Nadeln und Blättern, die Landschaft vornehm blaß in den Nebel gelagert; mittendrin: ein frisch geeggtes Feld, wie eine Wunde rot. Ich schaue sehnsüchtig aus dem Autofenster; für all das hätte ich Verwendung.

Die Ortsnamen werden lustiger, das Straßennetz dichter, die Höfe behäbiger. Am Ziel dann die Runde um den Tisch zum ersten Kaffee: kleiner dieses Jahr.

Und ohne Baum. Hätte bloß Tränen gegeben beim Schmücken.

H. merkt an, daß diese künstlichen Kerzen alle mit Strom betrieben werden und einem Microcontroller, für das naturgetreue Flackern. Für jedes zitternde Lichtlein: ein Computerchen. Und daß man werweiß mit der Rechenleistung, die da so in einem durchschnittlichen Wohnzimmer leuchtet und flackert, die Mondlandung hinlegen könnte oder Schlimmeres –

Ich muß schließen, gibt gleich Essen. Wie immer.





Mittwoch, 21. Dezember 2016

Von meinen Runden durch die Wortgärten komme ich oft bereichert mit Wildwuchs oder Früchten oder einem schönen knorrigen Zweig zurück; heute ist es ein Stein in meiner Brust.

Die Stille war ein schlechtes Zeichen, und nun denke ich an dieses Leben, an dem ich einige Jahre lesend teilgenommen habe. Ich hoffe, es hat ein gutes, freundliches Ende genommen.

Noch ist seine Stimme im Netz, doch wo gehen die Worte hin, wenn Fristen verstreichen, Verträge verfallen, wenn jemand alle beschriebenen Blätter zerreißt? Geschichten in Gedächtnissen, die selbst, warte nur, bald Geschichte sein werden?

Ach.





Samstag, 17. Dezember 2016

Einmal habe ich ihn getroffen, auf einen Kaffee in Bahnhofsnähe; ich hatte einen gigantischen Koffer dabei und er ein Fahrrad, und er war mindestens so verlegen wie ich. Wir hatten damals dieselbe Stalkerin, er aber schlimmer. Eigentlich wartete ich immer auf ein Buch von ihm.

Zum Glück war sein langes Blog-Schweigen keine Krankheit; er ging sehr plötzlich, hörte ich. Einen Nachruf hätte er wohl nicht gemocht, aber ein gutes Glas Wein, das kann man auf ihn trinken.

(Oh, der Tod ist gierig dieses Jahr.)





Mittwoch, 14. Dezember 2016

Der Vollständigkeit halber.

Schreiben, bis der kleine, hartnäckige Schmerz aufhört. Der bleibt nicht weg, aber fürs erste ist Ruhe. Gegenan, immer wieder.

K. sagt, er könne nicht das Wort oder den Satz nennen, doch ein Text von mir habe ihn an etwas erinnert, das er wußte und lange nicht gedacht hat.

Ohne Geschichten wären keine Menschen.

Ist aber eigentlich auch egal.





Samstag, 10. Dezember 2016

Beim kleinen Schuster habe ich nicht genügend Bares dabei für die schwarzen Schuhe. Macht nichts, sagt er, nehmen Sie sie mit und bringen Sie das Geld die Tage. Er weiß meinen Namen nicht und nur, daß ich irgendwo hier wohne. Er macht sich nicht einmal eine Notiz (wie auch, mit Leim an den schwarzen Händen). Als ich am nächsten Tag meine Schuld begleiche, nickt er nur; auf Wiedersehen!

Auf dem Markt sagt der Ziegenbauer auf die Frage: ist Ihr Käse wieder so gut wie der letzte? einfach: Nein. Ohne Entschuldigung, ohne Vertröstung, ohne auch nur ein bedauerndes Lächeln.

Der Kartoffelbauer hört auf. Nicht gern, aber er muß sich mal zur Ruhe setzen. Wo bekommen wir denn dann die guten Kartoffeln her? Außer Ihnen baut niemand hier die alten Sorten an. Er schiebt die Mütze in den Nacken und kratzt sich am Kopf. Den jungen Mann, der das alles übernimmt, den versuche er auf Linie zu bringen. Aber wer weiß schon, was der junge Mann draus macht?

Besuch bei H., der Witwe, mit einem Korb Lebensmittel. Auf C.s Beerdigung war sie Mittelpunkt, gefaßt, geradezu strahlend; wie sie das immer macht. Ich kenne sie besser. Man möchte ihr eine Decke bringen und ihr sagen, daß alles gut wird, auch wenn das nicht wahr ist.





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