Gibt Städte, da legt der Finder im Schacht vergessenes Wechselgeld sogfältig oben auf den Automaten, ehe er sich selbst einen Parkschein zieht. Vermutlich ist auch viel über einen Ort zu sagen anhand dessen, was da in den Fundbüroregalen auf rechtmäßige Inbesitznahme wartet.
Kleine Freundlichkeiten, die für sich genommen die Welt nicht bewegen, sie aber heller machen. Mich entzückt so etwas: der Passant, der an einer Traube geparkter Fahrräder vorüberschlendert, umkehrt, bei einem Rad das brennende Rücklicht ausknipst und seinen Weg fortsetzt. Eine Kundin, die im Gemüseladen einer anderen mit Kleingeld aushilft, neinnein, nehmen Sie nur, das ist doch selbstverständlich. Menschen, die etwas für Unbekannte tun, ohne sich einen Vorteil zu erwarten: unberechenbar.
(Natürlich gibt es auch andere, wie den Dieb, der die Bücher auskippte, mitsamt dem Schild "zu verschenken", und den Pappkarton mitnahm. Da weiß man dann auch nicht so recht.)
Die Künstlerbude wächst an und in der Scheune des einsamen Gehöfts am Wald, in einer Talfalte im hügeligen Pfälzer Hinterland. Sie wird – Jahr für Jahr kommt etwas hinzu, im Eigenbau, aus Geschenktem und Gefundenem: das Bad im Silo, kreisrund und durch den Garten zu erreichen; die Küche ohne Dach, aber mit Walnußbaum und Feuerstelle, stets unter Beobachtung der Hühner im Gehege; der Schlafplatz in der Höhe, die Arbeitsplätze, die Ausstellungshalle mit den riesigen Fenstern.
Großes Willkommensein. Friedliches: Tomaten aus dem Garten, das herunterbrennende Feuer, die Gesichter der Gäste im Gespräch oder im Schein ihrer mobilen Bildschirme. Wir folgen einer Art Gravitation; mal sammeln sich alle um das Feuer oder einen Tisch, mal zerstreuen wir uns, allein oder in Grüppchen. Die Gastgeber immer unter uns. Ideen sprühen, wachsen, werden gesät für später. Kleine Zuneigungen, große Pläne, Staunen, Lachen.
Hier finde ich die ersten eßbaren Nüsse des Herbstes; an diesen Ort werde ich denken als den letzten ganz sommerlichen dieses Jahrs, als einen Garten, in dem Menschen gedeihen. Er mag schlecht heizbar sein und provisorisch, aber hier hat etwas seinen Platz, das es nur so mag, nur unfertig. Ob das Glück ist oder Liebe oder Kunst, da möchte ich mich nicht festlegen. Von allem etwas. Ein Schatz.
Ich kann gut alleine sein ist nicht gleich ich bin gern allein. Manchmal: ich komm schon klar. Manchmal: laß mich in Ruhe.
Im Gespräch ist der ferne, vage Plan meist: wenn ich (irgendwann; vielleicht) jemanden gefunden habe ...; niemand scheint damit zu rechnen, allein zu bleiben. Vielleicht will man sich nicht öffentlich begnügen, sich nicht für einen hoffnungslosen Fall halten.
Alleinsein lernt sich anscheinend leichter, wenn man die Rahmenbedingungen in der Hand hat. Oder zumindest Gründe weiß.
Man wächst ins Alleinsein hinein; irgendwann ist es ein bequemes Gehäuse, aus dem man nur mehr schwer herausfindet. Im Tausch: das Gefühl, allein nicht richtig zu sein in einer Welt der Eingebundenen. Eine Grundsehnsucht.
Letztlich wohl Sehnsucht nach: gesehen werden. Berührt werden. Zwei Verben im Passiv, wo Alleinsein sonst überall Aktiv verlangt.
Ich verspüre wenig Neigung (und habe sicher kein Talent), Menschen vom Alleinsein zu befreien, deren Art zu leben das nun eben ist. Alleinsein braucht keine Rechtfertigung, finde ich. Sehnsucht auch nicht.
Der Himmel ist hinter den bunten Fassaden eine weitere, in Postkartenblau. Sogar der neue Bezahlparkplatz mitten im Zentrum sieht frisch gewischt aus. Der Architekt zeigt mir seine Lieblingsbaustelle; die wird ihm lange erhalten bleiben.
Typisch Kurstädtchen: wenn Geld da ist, wird ordentlich gemacht, kommen zwei Stockwerke obendrauf, da hilft kein Denkmalschutz. Im Kurviertel sind die verbliebenen Altbauten von Pappfassaden erdrückt. Der Architekt schweigt.
In meinem alten Viertel ist die Zeit langsamer vorangeschritten. Immer noch Armeleutegegend: unbeholfene Sanierungen, Leerstand, hier und da Abbruchreifes (ja, der Denkmalschutz). So viel ungenutztes Potential, sagt der Architekt. Ich denke es mir gar nicht übel, hier zu wohnen; aber leben könnte ich hier nicht.
Die Erinnerungen umschwirren mich, aufdringlich, wie ein Schwarm Wespen. Geschäfte, die es nicht geschafft haben; gefällte Bäume, betonierte Wildnisse, wer alles gegangen ist und wer alles schon nicht mehr lebt.
Keine Nacht in der Stadt, die mich aufbringen kann wie keine zweite. Ich verlasse sie ratlos, ein wenig traurig, sehr erleichtert.
Derweil ist der Herbst wie nach meiner Stimmung gebildet: als sei ich schuld dran, daß das Laub sich färbt, als hätte ich die Tage verkürzt, die Nächte erkältet, als triebe ich die Zugvögel zusammen und streute Obst für die Würmer. Komm zum Schluß, Jahr.
Ich habe das Vergehen gern, oder doch zumindest das Vergängliche. Erst ihr Ende macht eine Geschichte aus Geschehnissen, durch ihr Verstreichen wird die Zeit kostbar. Wenn überhaupt etwas zu verstehen ist, dann vom Ende her.
Nichts bleibt, alles wird. Herzschlag, Gezeiten: Alles zieht sich zurück, um Kräfte zu sammeln, die es später wieder zu verschwenden gilt. Die Schönheit liegt darin, wie das alles nicht geplant scheint und dennoch ineinandergreift in mühelosem Reigen.
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