Eine häufige Frage auf seine Antwort, er sei Schriftsteller, laute: ja, und was machst du da so die ganze Zeit?
Wenn er schreibt, liest er nicht. Da er meist ein Buch fertigstellt und währenddessen schon mit Skizzen für das nächste beginnt, liest er überhaupt nur wenig, gar nichts auf Englisch und nur Dinge, die ihn sprachlich und inhaltlich möglichst wenig beeinflussen können.
Der Zweifel: vielleicht sei das neueste Buch doch zu sehr auf das ausgelegt, was die Leute lesen wollten ...
Und das Thema "Buchkritik" besser meiden. Nicht wegen etwaiger Verrisse, nein, wegen der Amazon-Kundenrezensionen.
Er würde ja manchmal gern etwas ganz anderes erzählen und hätte da auch ein paar Sachen, aber sein Name sei ja nun so etwas wie eine Marke. Vielleicht unter Pseudonym, dann müßte er sich aber wieder ganz von vorn aufbauen ...
Du hast's gut, du kannst vom Schreiben leben.
Ich mag es nicht, auf Verkehrsmittel angewiesen zu sein. Aber um die meisten Städte lagert ein Ring von öden Vororten, riesigen Parkplätzen, Industrie und Gewerbe, und die Einfallstraßen haben keine Fußwege. Die letzten Kilometer am Rande der Stadt sind kein Abenteuer, sondern eine Fleißaufgabe; alle Wege sind lang, alle Ausblicke langweilig, eben für Autofahrer gemacht. Für Fußgänger bedeutet das Umwege – oder Risiken; Abkürzungen sind oft Sackgassen.
Der ältere Herr, den ich nach dem Weg hinaus frage, denkt wie ein Autofahrer. Wo wollen Sie hin? Nach S.? Das sind aber 30 Kilometer, mindestens! (Es sind sechzehn.) Da gehen Sie am besten über L. ... (Das wäre ein Umweg von zweieinhalb Kilometern.)
Ich finde meinen Weg mehr nach Sonne als nach Karte, und das gefällt mir gut. In den Feldern ist der Blick plötzlich unbegrenzt. Menschen sehe ich schon in weiter Entfernung, aber wir ziehen aneinander vorbei, ohne uns zu begegnen, wie Schachfiguren oder wie Planeten.
Im Neubaugebiet am wuchernden Dorfrand von N. bremst ein riesiges Auto für mich. Auf Schanzhügeln aus Gabionen stehen hier Häuser im Haziendastil, in schwedischer und schweizerischer Art; es scheint, der deutsche Mittelstand wolle unbedingt anderswo wohnen. Man hat zwei Garagen und eine Ladung Kies als Vorgarten. Der alte Dorfkern wirkt verödet, eine Durchgangsstraße mit Sparkasse und Supermarkt, kein Gasthaus.
Dann kommt noch ein herrliches Stück Wegs, ein Anstieg wie eine Treppe in die Wolken. Ich denke über mein Unbehagen nach, nicht hinaus zu können, nicht zu Fuß raus aus der Stadt, abgeschnitten zu sein von der Welt. Meine Welt ist weit. Was ich gegangen bin, gehört mir.
Sechs Stunden bin ich gelaufen; die Rückfahrt mit der Bahn dauert 30 Minuten. Der Himmel bauscht sich blutrot und golden, eingerahmt von den Gummidichtungen der Zugscheiben.
Jedes Heute ein wenig kürzer als gestern noch: die Dunkelheit gewinnt, und mit der Dunkelheit kommen die Erinnerungen. Es wird still. Die Aufmerksamkeit richtet sich nach innen. Vergangenes und nie Gewesenes scheinen klarer als das, was sich in den kurzen hellen Stunden drängt.
Wir können das wohl nicht mehr gut vertragen. Die Stadt lärmt und prangt im Überschein; ich ducke mich unter dem Ansturm der Kauf!-Appelle und werde selber immer finsterer dabei.
Man müßte nachdenken, gründlich nachdenken. Ich wünsche mir eine Decke aus Schnee und darunter einen warmen Raum aus Ruhe für den Winter.
Rasende Wolken, und immer, immer scheint die Sonne drüben aufs andere Ufer.
Auf dem Hügel über der Stadt steht eine Bank, die trägt den Namen eines Mannes, über den ich nichts weiß als daß er nicht alt geworden ist. Ich setze mich. Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Der Weg zurück ins Tal verläuft sich an einem Bachbett. Links und rechts liegen aufgelassene Gärten, von Mauerstein bis Walnußbaum mit Moos überwachsen, wie unter Wasser so grün, und mit Tauperlen besetzt. Zwischen ledrigen Nußbaumblättern finde ich noch eine Handvoll Nüsse.
Unten am Fluß stürzt sich eine Bö in einen Haufen Platanenlaub. Das erhebt sich und wirbelt die Promenade entlang wie ein wollendes Geschöpf. Spaziergänger bleiben schon halb beunruhigt stehen, da läßt der Wind sein Spielzeug los, und das Heranstürmen zerfällt in tote Blätter.
Zwei sitzen auf einer Bank am Gleis, wortlos umschlungen, allein mit sich und einer Traurigkeit: ein Abschied? Ich halte unwillkürlich Abstand, gehe leiser, als seien sie Kranke, die Ruhe brauchen. Vielleicht kann die Zeit, vielleicht können sie sich gegenseitig heilen.
Am Ende doch noch Sonne, wie im Frühling.
Wieder eine Kaffeetafel, 2015: Jahr der Kaffeetafeln, Verwandte und Verschwägerte bis auf einen; den halte ich im Auge und bin in diesem Moment selbst nur noch halb Teil der Sippe.
Herrje.
Daß die eigene Familie immer die schlimmste ist, die Familien anderer aber alle ganz umgänglich.
Der Irrglaube, man könne anderen die Verrücktheiten der eigenen Sippe erklären. Erzählen ja, erklären nein.
Derweil ein Wetter eine wie eine Projektion der Watte in meinem Kopf. Den Blumen ist auch schon ganz welk zumut.
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