Mittwoch, 30. Dezember 2015

Mit Rädern und Reifen ist hier nichts zu wollen. Der Aufstieg ist beschwerlich, das gehört dazu: gleich hinter dem Dorf das Mauertreppchen ganz steil und bröckelig und ohne Regelmaß, hoffentlich kommt keiner runter, und autsch, voller Brombeergerank.

Oben dann, falls man sich zum Sterben niederlegen möchte, eine Bank vom Verschönerungsverein. Die Aussicht liegt hinter Unterholz; so hört man nur den Lärm vom Fluß herauf, und das ist der Rhein, der kann Lärm. Diese Bank anderen überlassen.

Weiter, fort vom Fluß, durch den Wald, der die Geräusche moosig dämpft. Gehen, bis die Bäume Buchen werden und höher: da wendet sich der Hauptweg nach links, und nach rechts zweigt ein Pfad. Dem folgen.

Durch eine Senke, vorbei an schwärzlichen Grundmauern; das Haus muß sehr allein gestanden haben hier. Ein Stückchen noch, über eine runde Kuppe. Gehen, bis der Wald von den Schultern gleitet wie ein schwerer Mantel, bis der Blick sich unwillkürlich zum Himmel hebt, ehe er in die Tiefe fällt.

Kein Rhein – eine Falte abseits, bewaldet bis auf den Grund; bis auf das Rauschen eines Bachs angefüllt mit Stille. Hier steht die Bank, die ich meine. Hier sitzt man wie auf einer ausgestreckten Hand unter den Wolken.

Es ist nur eine geringe Höhe und keine wirkliche Wildnis, doch läßt man besser zwei Finger auf dem Holz, einen Fuß am Boden, wenn man Brot ißt und Wasser trinkt, um nicht unversehens über die Wipfel davonzuschweben.

Hier ein wenig balancieren.

 

Weil der Herr klagefall gefragt hat.





Montag, 28. Dezember 2015

Alle Welt will Fisch zu den Festtagen; in der Räucherei muß man lange anstehen. Die Verkäuferinnen sind freundlich und effizient. Ein älterer Herr ist an der Reihe. Er hat schon einiges auf dem Tresen liegen.     Wie wollen Sie den Lachs, gebeizt? geräuchert?     Oh, äh, das weiß ich gar nicht. Da muß ich die Regierung fragen, Moment, die ist draußen im Auto. Er verläßt den Laden und erscheint kurz darauf mit einer streng dreinblickenden Dame, die die Sache regelt. Während er nach der Geldbörse kramt, kehrt sie auf dem Absatz um:     Dann kann ich mich ja wieder ins Auto setzen.

Hinterm Haus blüht eine Zierpflaume. Gelbe Rapsfelder stehen vor nackten Waldsäumen. Vermischte Kalenderblätter.

Die sich überschlagende Stimme der Nachbarin: "Do, ich habe schon das Telefon, gleich rufe ich die Weihnachtswichtel an, daß sie die Geschenke wieder abholen!" Das Nachbarskind ist offenbar nicht brav geblieben nach der Bescherung.

Und wie H.s Laune schwarz und schwärzer wird, als er sieht, was man den Kindern beschert hat: die Hälfte der teuren Sachen schon kaputt vom begierigen Auspacken, kein Spiel ohne mindestens pädagogischen Anspruch, und das Tablet bringt Werbung nach jedem geschafften Level.

Derweil verspüre ich wenig Lust auf Bilanzen. Jahr zu kurz, wie immer. Überhaupt, all die angefangenen und nicht zu Ende geschriebenen Texte; die geschriebenen und nicht eingeworfenen Karten.





Dienstag, 22. Dezember 2015

Aus dem längsten Schlaf des Jahres hat mich Amselgesang geweckt.





Sonntag, 6. Dezember 2015

Das Mädchen mit der Blondmähne sitzt ganz still und hält sich gerade, wenn die Tram in die Kurven geht. Der Junge daneben paßt gut zu ihr; er hat den Kopf auf ihre Schulter gelegt, sein bartloses Gesicht ist ganz weich im Schlaf. An der Endstation steigen beide aus und gehen davon, allein miteinander auf einem leichteren, stilleren Pfad im Stadtgewühle.

Im Bahnhof habe ich Zeit unter Massen von Menschen mit prallen Weihnachtseinkaufstüten. Ein Mann fällt mir auf, bebrillt und in verbeultem Anzug, der jemanden grüßt mit einer fließenden Bewegung der Hand zu Stirn und Brust; mit mir hat das nichts zu tun, doch die Schönheit dieser Geste nehme ich dankbar auf.

Am Bahnsteig spricht mich einer an, schwankend, aber zuversichtlich, er sei so scheißbetrunken, wo er denn hinmüsse? Viele, viele Zettel kramt er aus den Taschen, bis es endlich der Fahrschein ist; scheiße, er wisse nur noch, daß sein Name Gottfried sei. Laut und langsam: ein Gleis weiter, eine halbe Stunde warten. Und gleich noch einmal. Fährst du auch mit meinem Zug?, fragt er hoffnungsvoll, aber nein, da kommt schon meine Bahn. Er schüttelt mir wärmstens die Hand. Ich sähe so, so intelligent aus, was ich denn für einen Beruf habe? Ich sage ihm etwas, von dem ich annehme, daß es im aktuellen Zustand in sein Hirn paßt, da steht er ein Weilchen still. Zum Abschied siezt er mich. Ich wünsche ihm einen guten Heimweg; Gottfried winkt mir hinterher, dann spricht er den nächsten an.

Im Großraumwagen schließlich Ruhe. Ich lese ein Buch übers Bahnfahren. Kein Kaffee, danke. Die Nacht kommt früh; ich will sie heute in aller gebotenen Müdigkeit begrüßen.





Samstag, 28. November 2015

Er hat seinen Alltag so gestaltet, daß er täglich schreiben kann, in der Frühe, wenn die Welt noch schläft.

Schreiben würde er ohnehin, wie er ja auch atmet. Aber er braucht Zeit für seinen Roman, an dem er kontinuierlich arbeitet. Er spricht wenig bis gar nicht darüber, und gezeigt hat er ihn noch niemandem.

Er macht, was er will. Für Geld arbeitet er eben so viel, daß es zum Leben reicht. Seine Zeit ist ihm der Luxus, den er braucht. Er verkauft sich nicht. (Manchmal fragt er sich, um welchen Preis.)

Kleine Texte greift er so aus der Luft, oder sie fallen ihm gleichsam aus den Taschen, funkelnde Zeilen voller Bilder und Musik.

Nein, gern schreibt er nicht, sagt er. Was er liebt: geschrieben haben.





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