Montag, 24. Juli 2017

Das kleine Kind steht an der Abteiltür und ruft: Mama, Mama! Wo bist du, Mama! Kein Zweifel, das denkt, ab jetzt müsse es sich allein durchschlagen. (Die Mutter ist vorhin los, einen Kakao holen, aber das weiß das Kind nicht mehr.) Schließlich gehe ich hin.

Das Kind ist vier, vielleicht erst drei, es weiß nicht genau, wo es herkommt und hinfährt, und die Mama ist verschwunden. Ich schlage vor, ein bißchen zu warten und zeige aus dem Fenster auf Kirchen, Burgen und Schiffe. Das Kind ist gleich Feuer und Flamme: wer in den Burgen wohnt? wo die Schiffe hinfahren? ob es da Straßen gibt? – Na, und guck mal, wer da kommt!

Die Mutter hat zwei Becher Kakao in der Hand. Das ist aber lieb von Ihnen, sagt sie zu mir, und ihre Blicke sagen: was haben Sie mit meinem Kind zu schaffen! – Beide setzen sich auf ihren Platz ein Stückchen den Gang hinunter.

Auf einmal springt die Mutter auf, daß der ganze Waggon zusammenzuckt, es muß etwas Schreckliches passiert sein: Was! hast! du! wieder! gemacht! Ich habe doch die ganze Zeit neben dir gesessen! Nun ist alles verdorben, mit dir kann man solche Reisen einfach nicht machen! – Sie zerrt das Kind in Richtung Toilette, zum Reinigen, denn es hat sich mit Kakao bekleckert.

Das Kind läßt sich zerren. Es hebt die Stimme nicht, sagt ja, Mama, und: da war eben schon wieder eine Ritterburg!

Draußen auf dem Bahnsteig atme ich durch und öffne die Fäuste zum Winken, kurz, in Richtung des Fensters, hinter dem das Kind bei seiner Mutter sitzen müßte.





Mittwoch, 19. Juli 2017

Kleine Geschichte für M.

Der Test für Frische, Straff- und Wohlgeformtheit: ob ein Bleistift, druntergeklemmt, hält oder nicht.

Hält: Durchgefallen. Fällt runter: Bestanden.

(Ist genau der Quatsch, nach dem es klingt.)

 

Als ich vielleicht zwölf war, verdrehte sich das Mannsvolk im Dorf den Kopf nach Manuela: sechzehn, gerade eben und unerwartet erblüht zur ländlichen Sexbombe. Ihre Uhrglasfigur wußte sie mit weiten Röcken und engen Blusen zu betonen. Ging sie mit Absätzen und Wippehaar durchs Dorf, folgten ihr die Blicke, und man hörte, je nach Jahrgang und Geschlecht, Abfälliges oder Anerkennendes über Beine, Titten, Arsch.

Die Mädchen meines Jahrgangs plagte Neid, nur halb verstanden; heimlich übten sie Lidstrich und probierten die BHs, die sie zuhause fanden. Doch was half's, wenn denen doch die Füllung fehlte: Manuelas Brüste, denen der Ausdruck Atombusen mühsam gerecht zu werden suchte, biblische Türme, ach, Möpse oder gar noch dickere Hunde, aufgeschürzt jeden Stoff straff spannend wie Beton.

Anschauen, anfassen, haben – nachts lagen sicher viele im Dorf wach und dachten an die Fülle von Manuelas Brüsten. Ich jedenfalls tat es. Irgendwann bald würde es auch bei mir so weit sein, und die Vorstellung, nie wieder auf dem Bauch schlafen zu können, quälte mich. Oder meine Füße nur zu sehen, wenn ich mich vornüberbeugte. Und immerzu beäugt zu werden. Ich zog die Bettdecke ganz fest, klemmte sie mit den Armen ein und betete inbrünstig, daß der liebe Gott mich verschonen möge – bitte, bitte nicht wie Manuela.

 

– Trägst du etwa gar keinen BH? – Spinnst du, wofür denn?





Montag, 17. Juli 2017

H. und A. besuche ich nur alle paar Jahre. Diesmal ist alles anders: Kind 3 ist da, und endlich, endlich haben sie ein Haus gefunden.

H. führt mich durchs Erdgeschoß, als könne er es selbst noch gar nicht fassen. Räume, mit Flügeltüren verbunden; ein Kamin (qualmt leider); Eichenstabparkett, im großen Zimmer das makellose, im kleinen das Holz mit den Astlöchern; ein Wintergarten, in den es reinregnet, eine kühle Küche mit Holzofen. Überall stehen Möbel, als seien sie auf Durchreise. Bücher und Akten wachsen neben den Regalen die Wände hoch. Auf, hinter, unter allem Kinderspielzeug, an der Wohnzimmerdecke vor der Terrassentür eine Schaukel. Es ist wunderschön.

A. steht im Garten, den Jüngsten auf dem Arm, und spielt Fußball mit der Vierjährigen. Der Elfmeterpunkt ist kahl und steinhart. A. ist so gelassen, wie ich wenige Mütter kenne, ihre Fragen so präzise wie eh und je. Was ich denn zu meiner Freude tue? Ich könnte was vom Schreiben sagen, aber. Also sage ich nichts.

Später macht H. ein Feuer auf der Terrasse. Er lebt in einer Stadt, in der zwei Akademikergehälter nur mit Glück reichen für ein Dach überm Kopf und seine Studenten schicker sind als er; sogar die Obdachlosen hier, sagt er, seien aus dem Katalog. Aber als er im Qualm steht und mit Feuerschale und Holzscheiten hantiert, wirkt er ganz und gar zufrieden.

Projekte hat er, aller Art. Ein Buch schreiben, eine Wand rausbrechen, ein Dach erneuern. Drei Kinder großziehen im immer wilderen Garten. Ich wünsche ihm und den Seinen, daß das Glück gern wohnen bleibt im Haus am See.





Donnerstag, 13. Juli 2017

Luft und Himmel sind klargespült vom Nachtregen; die Platanen recken sich vor Sehnsucht nach den Wolken. Diesen Sommer gibt es eine Sopranistin im Viertel und einen neuen Vogel; beide singen oft in den Nachmittagsstunden. Die Sängerin wird immer besser.

Ehe für alle, knurrt T., dann muß ich jetzt auch, oder was? Ich erzähle ihm die Geschichte von dem Paar, das nach zwölf Jahren groß heiratete und keine sechs Monate später geschieden und zerstritten war. In Hundejahren, sagt T., ist das gar nicht mal so kurz. Seinen Bekannten habe die Braut gleich in der Hochzeitsnacht verlassen, mit einem Trauzeugen. Ob man sich von so was je erholt?

Auch über die G20-Krawalle reden wir; so nah war Hamburg nie. Und Amerika. Und all die Orte auf der Welt, an denen Unrecht geschieht. Danke, Internet.

Ich denke an M., der klagt, daß diese Nähe krank macht. Die und der Anspruch, auf dem Laufenden zu bleiben. Ein geborener Archivar, schreibt M., muß in den unendlichen Speichermöglichkeiten untergehen.

Aber das Netz umfaßt sein Leben, wie es meines umfaßt. So weit, den Stecker zu ziehen, ist er nicht: was wir hier haben, sei die möglichste aller weltlichen Bestien.

Man müßte sich freimachen von all dem, was man muß. Draußen wartet dieses Bild von einem Sommertag; man braucht nur ein Stück vor die Tür zu gehen ...





Samstag, 8. Juli 2017

Die Heimwege sind das Schönste. Natürlich ist die Landschaft auch auf dem Hinweg schön, aber auf der Heimreise gehört sie schon fast wieder mir, kann ich sie mit noch fremdem Blick auslegen wie eine Karte und mich auf sie, nicht mehr nur an ihr freuen.





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