Dienstag, 4. Juli 2017

Der Biobauer hat den Zorn. Er hält Milchvieh, mitten im Dorf, und bei ihm kaufe ich Butter, die nach den Jahreszeiten schmeckt. Aber diese Butter ist die letzte, denn das Vieh muß er aufgeben; er kann die Auflagen nicht mehr erfüllen.

Auflagen, immer neue. Sonst werden ihm die Subventionen gestrichen. Weniger Geld würde er ja in Kauf nehmen – aber für ihn geht es um die Existenz, es geht nicht mehr ohne die Zuschüsse. Das allein ist ihm bitter. Und dann noch solche Geschichten:

Eine schöne Streuobstwiese habe er mit hundert Jahre alten Apfelbäumen, die hätten sie ihm nachgezählt: zwei Bäume zuviel für die Fläche, zack: Intensivobstbau, zack: Zuwendungen gestrichen. Oder der Wildpflanzenstreifen am Bach, den er stehen gelassen hat für die Insekten und Vögel: nicht gemulchte Fläche, zack, Geld gekürzt. Nun müßte er eine Umweltsünde begehen, Brutstätten niedermachen, um Geld zu bekommen, als Biobetrieb. Da sitzen weder Bauern noch Ökologen in den Behörden, sondern Kaufleute. Er redet von seiner Existenz, von Umwelt, von Tradition. Sie reden von Zahlen.

Neulich war er auf einem Dorffest, schöne Reden gab es über den traditionsreichen Agrarstandort und darüber, daß Familienbetriebe besonders gefördert werden müßten, da traf er die zuständige Politikerin am Grill und fragte sie, was er denn machen sollte. Er müsse sich ordentlich informieren, es gebe da Beratungsangebote, kam die Antwort, luftig und sehr von oben herab, und beim Erzählen noch ballt er die Fäuste.

Nun also kein Milchvieh mehr; das ist das erste. Die Kinder hätten sich für andere Berufe entschieden, sagt er, Landwirt der soundsovielten Generation und Biobauer der ersten Stunde, und, ganz ehrlich, er sei heilfroh darum.





Sonntag, 2. Juli 2017

Die geführte Wanderung, zu der ich mit K. wollte, fällt aus; es nieselt und ist dustergrau. K. und ich ziehen trotzdem los. Der Kuhberg war mal Militärgelände, zerklüftete Hänge mit lockerem Eichen- und Nadelwald, Magerrasen, buschgesäumt. Diptam soll es hier geben und Orchideen. Keinen Kilometer von hier habe ich ein paar Jahre lang gewohnt, aber das hier ist mir alles völlig fremd. K. sagt, es habe sich aber auch wirklich viel getan in den letzten Jahrzehnten.

Am Waldrand finden wir Kirschen. Weißrote, gläsern rote, winzige schwarze; wir essen uns von Baum zu Baum. Unansehnlich sind sie alle, manche von Vögeln oder Insekten angefressen, aber sie schmecken bittersüß, säuerlich-frisch und so konzentriert kirschig wie Kirschen sonst nie. Wir springen nach den Zweigen, ziehen sie an den triefenden Blättern zu uns herunter und holen Händevoll Früchte von den Stengeln, Regen und Kirschsaft rinnen uns in die Ärmel, immer wieder werden wir aus vorbeirollenden Autos beäugt. Weit kommen wir nicht. Es ist eine ausgezeichnete Wanderung.





Dienstag, 20. Juni 2017

Aus Eichelhähern läßt sich eine schmackhafte Suppe zubereiten, überhaupt aus Krähenvögeln. Das erzählt in schwärmerischem Ton Herr B., der auch weiß, wie man an Krähen kommt: Man benötigt eine Lichtung oder andere freie Fläche und, in einem möglichst transparenten Käfig, der fürs erste in einem Sack steckt, einen Uhu. Den stellt man gut sichtbar auf, entfernt den Sack und geht in Deckung. Die Krähen sammeln sich bald und fliegen Angriffe gegen den vermeintlichen Eindringling. Jetzt, sagt Herr B., muß man nur noch geschickt mit der Zwille sein. Wie man das macht, verrät er ebensowenig, wie woher den Uhu nehmen.





Freitag, 16. Juni 2017

Herr K., der seinen Lebensabend im Haus nebenan verbrachte mit ummauertem Grund, massiver Kittelschürzenfrau, abends einem Bier auf der Hollywoodschaukel, der hatte nur ein Bein, und nicht vom Ketterauchen; das andere hatte er im Krieg verloren. Zum Stehen lehnte er die Krücken gegen seinen Rumpf und legte den Beinstummel auf die Griffe. Ich bestaunte den Mercedes mit Handschaltung und Kugelgriff am Lenkrad, den er mit Zigarette in der Hand manövrierte.

Jeden Samstag um Mittag heulte die Sirene auf dem einstigen Schulhaus genau dreimal, das drang durch alle Wände. Eines Sommertages hörte sie nicht auf nach dem dritten Mal, sondern heulte fort und fort und fort, da schwang sich Herr K. mit seinen Krücken über die Straße, seine Frau ihm hinterher, und brüllte: Die Russe! Die Russe komme!

Die Russen kamen dann nicht, und irgendjemand stellte auch die Sirene wieder ab, aber nicht mal ich Kind konnte lachen über das seltsame Verhalten der Nachbarn; zu greifbar war ihre Angst gewesen und lag nun in der Gasse wie ein Geruch.

Dem Vater war das nur allzu begreiflich; der mußte sich selbst oft zwingen, bei Flugzeugmotorgeräusch nicht in Deckung zu gehen.

Bis auf mich sind gekommen: leichtes Unbehagen bei Sirenen, Tieffliegern, Kettenfahrzeugen; Unwille, Teil von Menschenmengen (auch: im Gleichtakt jubelnden) zu sein; Bedürfnis nach Überblick; danach, in jedem Falle zu Fuß wegzukönnen, im Notfall auch unbemerkt.





Donnerstag, 15. Juni 2017

Früher traf man sich einfach im Dorf; heute sind wir ja in alle Winde zerstreut.

 

klagefall   Kreuzberg-SO   Libralop   SoSo   einst Trippmadam   Untrans   voces intimae   Bücher abseits  

Vollständig nie.

 





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