Sonntag, 11. September 2016

Mein Herz ist weit, da paßt ein ganzer Dreimaster hinein mitsamt 292 m² Segelfläche. Ich reise zum zweiten Mal mit der Albatros.

Es herrscht das rollierende Wachsystem: von null bis zwölf Uhr vier, von zwölf bis null Uhr drei Stunden pro Schicht; zu jeder dritten Wache werde ich geweckt. Zwei Toiletten für 22 Leute, Duschen im Hafen. Die Kojen sind schmale Bretter in Schlafschränken; in meine regnet es hinein, das Tropfwasser ist schwarz. Ich schlafe wie ausgeknipst unter dem Hilfsmotorröhren. Jede der viereinhalb Mahlzeiten verschlinge ich wie ein Wolf. Dazu Muskelkater, blaue Flecken, Schwielen, Sonnenbrand.

Dieses Mal ist alles einfacher: Andirken, Piek zusammen mit der Klau heißen, belegen, aufklaren. Rein Schiff. Backschaft. Ich liebe die Stunden als Rudergängerin; das Schiff knarrt im Wind, das Steuerrad zittert von der Strömung. Ich lerne und lerne. Einmal habe ich den Orion im Klüvernetz, das Schiff macht gute fünf Knoten, und die Welt ist rund. Überhaupt, der Himmel voller Sterne.

Am Ende kenne ich vor allem Menschen: den Steuermann von Mitte siebzig, der meine Fragen oft mit einem Stirnrunzeln beschweigt und der mir zum Abschied seine Lederhose schenken würde. B., der gelassen sagt: sind halt alles Menschen, und das wirklich genau so meint. A. mit dem dröhnenden Lachen, der mir von seiner Verletzlichkeit erzählt. U., die sich nicht und nicht verbiegen kann. Und all die anderen.

Es bleiben der Seegang, der mit mir heimgekommen ist, Gestank nach verrottendem Schiff in allen meinen Kleidern, unendlich viele Geschichten und Sehnsucht nach Segelsetzen. Wer hätte gedacht, daß ich mich noch einmal so verlieben könnte.





Dienstag, 30. August 2016

H., immer gut für Antworten, sagt: natürlich sind Verschleierungen Frauenunterdrückung, und als ich schon tief Luft holen will, fährt er fort: genau wie amerikanische Serien auch, überhaupt diese Ideale von Weiblichkeit. Verbote seien unter der Würde einer freiheitlichen Gesellschaft, aber Nachdenken wäre schon mal angebracht.

Beim Wandern dem Sonntagsläuten erlegen. Ich weiß nicht, wie viele Menschen hier noch zum Gottesdienst gehen, aber sämtliche Kirchtürme, die hochgotischen wie die dörflichen, evangelisch und katholisch gleichermaßen, erfüllen die Täler der Gegend mit Jubel. Für mich ein Kindheitsklang, und die Gewißheit: ich könnte in irgendeinen Gottesdienst spazieren und mitfeiern und würde mich nicht ganz fremd fühlen dabei.

Später bin ich dann doch wieder außerirdisch: wo kommen Sie her? Ah, dann parken Sie an der Hauptstraße? Ach, mit dem Zug ... nein? Wie? Zu Fuß?? – Das scheint immer eine Rechtfertigung zu fordern, dabei mache ich das ja nicht, weil ich muß, sondern weil ich's kann.

Die Bänke am Fluß sind nicht bloß besetzt, sondern umlagert; Leute stehen davor, stützen sich von hinten auf die Rückenlehne. Alle Bänke bis auf eine: darauf sitzt eine einzelne Gestalt mit lackroter Haut, von der Schuppen schneien, und kratzt sich mit beiden Händen. Der Wind trägt einen medizinischen Geruch herüber. So viel Platz hat hier niemand sonst.





Samstag, 27. August 2016

Mit V. haben wir vor hundert Jahren mal auf der Bühne gestanden, das Stück war von T., V. machte Musik, und bei der Schlußverbeugung hatte ich mir die bloßen Füße an Glasscherben zerschnitten, oben Lächeln, unten blutige Abdrücke. Danach hatte V. ein paar Jahre lang meine Posaune, aber das ist eine andere Geschichte.

T. und ich treffen V. beim Kaffeetrinken, zufällig, V. hat heute ausnahmsweise frei. Sein Töchterchen hängt wie eine Klette an ihm; er füttert sie mit Fleischwurst, bis sie einschläft und er sie in den Kinderwagen legen kann.

Wir flachsen, als wäre die letzte Probe nicht ein paar Jahrzehnte her, und suchen aus den Augenwinkeln in den Gesichtern nach Spuren unserer krummen Wege; das ist anders als damals, da standen wir alle am Beginn einer langen, geraden Bahn.

Nach einem halben Stündchen lasse ich T. und V. allein; ich habe zu tun. Im Davongehen grinse ich; bestimmt reden sie jetzt über Mädchen. Wie man sie am besten zu Bett bringt und was man macht, wenn sie keinen Mittagsschlaf mehr wollen.





Mittwoch, 24. August 2016

Vorzuhalten sind (Angaben pro Person):

1 Sack Reis; 18 Badewannen Wasser (wahlweise 1 kl. Stausee); 1 geliebte Garnitur Eßgeschirr und -besteck; 1 Schweizer Taschenmesser, mit alles und scharf; 2 Flaschen Champagner; 1 Spaten; 1 Lexikon, gebunden, Jahrgang egal; Landkarten; Häkelwolle; Kernseife; Tanzmusik; Tiere, alle Arten, jeweils Stücker zwo.

1 Draht zur Gottheit der Wahl.





Mittwoch, 17. August 2016

Auf den ersten Blick ist es ein ganz normaler Marktstand mit Gemüse, doch auf drei von sechs Tischen liegen Kartoffeln, nichts als Kartoffeln, in verschiedenen Farben und sortiert nach Größe. Auf den Schildern lese ich: Rote Emmalie, Bamberger Hörnchen, Odenwälder Blaue. Ich frage nach einer Sorte, die ich schon lange suche, da kommt der Kartoffelbauer selbst.

Nein, die Blaue Anneliese habe er nicht, aber die Violetta. Oder, wenn sie nicht unbedingt blau sein müsse, die Alexandra, die sei ausgezeichnet im Geschmack, festkochend, gute Salatkartoffel. Ich habe von Alexandra noch nie gehört. Ja, die hätte auch nicht jeder, die sei anspruchsvoll und ginge beim maschinellen Ernten kaputt; für so was sei er spezialisiert.

Es hat sich eine Schlange gebildet, doch er spricht jetzt von Kartoffeln. Die alten Sorten: Das Saatgut koste ein Vielfaches, der Ertrag sei geringer, und man müsse viel mehr von Hand machen, die seien halt nicht optimiert. Aber wie die schmecken! Hier, die Bonnotte. Herrliche Kartoffel, bloß mit tiefliegenden Augen – viele Kunden lassen die liegen. Er macht sie, weil sie so gut ist.

Sicher, die neuen, populären Sorten hat er auch, man will ja leben. Weniger Arbeit, naja, aber viel mehr Spritzmittel brauchen die, können nix ab. Die hier, und sein Ton wird schwärmerisch, da muß kaum Gift ran. Die sind so richtig vital. Das Bamberger Hörnchen, so als Beispiel, das hat ein Kraut, sag ich Ihnen, ein Kraut, so hoch, da muß erst mal der Mulcher drüber, ehe man die ernten kann. – Er strahlt, als spreche er von den Streichen eines leicht verzogenen Lieblingskindes.

Ich gehe heim mit einem Kilo Mayan Twilight. Schnell gekocht, schwer zu pellen, aber sogar ohne Salz ein Gedicht. Wunderbare Kartoffel, da hat der Mann ganz recht.





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