Mittwoch, 10. August 2016

Ich bringe alles um, was grün ist, ohne es je darauf anzulegen; und die paar Pflanzen, die ich seit Jahren immer nur beinahe kaputt bekomme, betrachte ich mit Erstaunen und Besorgnis, frage mich: wie kann man nur so ... optimistisch sein? und: aber was soll ich denn nur tun?; ich betrachte sie, mit einem Wort, händeringend.

Und jetzt das: In meinem Gemüsekorb hat, herrje, eine Ingwerknolle ausgetrieben; ein Blatt reckt sich zart zum Küchenfenster hin, eine grüne Standarte des Lebens wider alle Wahrscheinlichkeit, ein Vertrauensvorschuß, der schwer auf mir lastet.

Ich werde es versuchen, Pflanze. Aber hoffe nicht zuviel.

Nachtrag: Der Ingwer wohnt jetzt im eigenen Topf mit feuchter Blumenerde an einem sonnigen Plätzchen. Ich sehe momentan keinen Grund, einzugehen. (Ein Tamagotchi hatte ich nie.)





Donnerstag, 4. August 2016

Das Kind ist acht. Es liest und liest. In Städten mag es Häuser, die nach Stadt aussehen. Am liebsten ißt es Spinat und Karotten, und Hülsenfrüchte, weil es muß. Es lächelt nicht leicht und hat zwei steile Falten zwischen den Brauen. In der Küche hilft es gern, braucht aber ewig. Seine Geschichten fangen meistens mit Weißt du was? an.

Am Ufer steht es ganz ruhig und schaut. Enten, Gänse, der erstaunliche Kormoran, aber am schönsten doch die Schwäne: Weißt du was? Ich glaube nicht, daß den Schwänen bewußt ist, daß wir Menschen sie bewundern.

Kurz darauf am Kaffeetisch fragen mehrere Tanten, ob das Kind wirklich keinen Kuchen möchte, Käsesahne oder vielleicht Himbeer oder so einen mit Besee, aber es runzelt die Stirn: Ich möchte einfach ein Glas Milch. Und sonst nichts.





Samstag, 30. Juli 2016

Das Wetter ist durchwachsen, T. allerbester Laune. Wir gehen durch die Stadt. Auf einem Mäuerchen entdecke ich ein Paar fast neuer goldfarbener Sandaletten neben einem kleinen Ölbild einer Schneelandschaft, sorgfältig gerahmt. Und keine Kamera dabei, jammere ich. T. sagt etwas von Schönheit des Augenblicks und im Gedächtnis bewahren. Haha.

Später erzählt H. den kürzesten Roman, der ihm je begegnet sei: Im Rostocker Hafen liege ein Schiff, das heiße Unsinkbar II. (Das ist ohne Foto sogar besser.)

Von der Kneipe wandern wir durch die Nacht in die Stadt zurück, und mehrfach will ich mich verabschieden, aber jedes Mal kommt T. noch ein Stück mit. Ich kann ja hervorragend auf mich aufpassen, oder vielleicht macht mir auch alle Unbill höflich Platz auf meinen Wegen; jedenfalls bin ich derlei Ritterlichkeiten nicht gewöhnt. T., sage ich, du machst einen Umweg.

An der Ecke, an der er schließlich abbiegt, zeigt er mir einen einstigen Nachtclub: Da habe er mal in den frühen Morgenstunden einen menschlichen Umriß in Kreide auf dem Gehsteig gesehen ...

Nun ja. Ich habe es geschafft. Es ist ein Anfang.





Donnerstag, 28. Juli 2016

Warme Hände. Duft von Kaffee. Der Strom, wie er nicht müde wird zu fließen.

Ein Stück gehen; etwas schreiben. Pläne. Vorhaben, und sich nichts davon erwarten.

In der Stadt die kleinen Kinder, die Tauben jagen, und jedes denkt, gleich, gleiiich –

Gute Geschichten, egal welcher Farbe.

Daß M. mir versprochen hat, nicht vor mir zu sterben. Alte Schule: Ladies first. (Doch, das beruhigt.)

Geht vorbei, alles. Nicht notwendigerweise gut, aber: vorbei.





Sonntag, 24. Juli 2016

Der Hof liegt im Herzen des Dorfes, die Bruchsteinumfriedung überrankt von Reben. Drinnen herrscht Hochbetrieb. Gerade ist ein Schwarm Gäste eingefallen, da haben alle Hände Arbeit. Auch die Chefin, die eigentlich Ruhe halten soll; vor nicht zwei Jahren lag sie aufs Sterben, ein wüster Unfall. Un des alls midde im Herbscht.

Der Senior macht den Weinverkauf. Er redet wie ein Buch, ach, wie ganze Gedichtbände, und eigentlich hat er wenig Zeit, denn ihn treiben seine Projekte um. Die Muse, die Wissenschaften. So viel zu tun.

Der alte Winzer ist noch immer wuchtig, mit breiten Schultern und schaufelstarken Händen. Was für eine Gestalt er gewesen sein muß, ehe der Schmerz ihn in die Schräge zwang, sieht man an seinem Sohn.

Beiseite erzählt er mir, wie sein Freund, selbst todkrank, ihn auf Station besuchte, und ihm werden die Augen naß.

Über der Naht am Schädel, die nicht heilen will, trägt er einen eleganten Strohhut, ein bißchen schief, damit man den Verband nicht sieht. Oh, er spricht viel vom Sterben, aber selbst das noch, daß man nur nicken kann und lachen muß. So einer wird den Tod beim Knochenarm nehmen und ihm ein gutes Glas Wein anbieten, vielleicht den, von dem wir heute eine Kiste einpacken; so einen, wie sie ihn hier machen seit Generationen und auch in Generationen noch, wenn's der Himmel will.





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