Der Hof liegt im Herzen des Dorfes, die Bruchsteinumfriedung überrankt von Reben. Drinnen herrscht Hochbetrieb. Gerade ist ein Schwarm Gäste eingefallen, da haben alle Hände Arbeit. Auch die Chefin, die eigentlich Ruhe halten soll; vor nicht zwei Jahren lag sie aufs Sterben, ein wüster Unfall. Un des alls midde im Herbscht.
Der Senior macht den Weinverkauf. Er redet wie ein Buch, ach, wie ganze Gedichtbände, und eigentlich hat er wenig Zeit, denn ihn treiben seine Projekte um. Die Muse, die Wissenschaften. So viel zu tun.
Der alte Winzer ist noch immer wuchtig, mit breiten Schultern und schaufelstarken Händen. Was für eine Gestalt er gewesen sein muß, ehe der Schmerz ihn in die Schräge zwang, sieht man an seinem Sohn.
Beiseite erzählt er mir, wie sein Freund, selbst todkrank, ihn auf Station besuchte, und ihm werden die Augen naß.
Über der Naht am Schädel, die nicht heilen will, trägt er einen eleganten Strohhut, ein bißchen schief, damit man den Verband nicht sieht. Oh, er spricht viel vom Sterben, aber selbst das noch, daß man nur nicken kann und lachen muß. So einer wird den Tod beim Knochenarm nehmen und ihm ein gutes Glas Wein anbieten, vielleicht den, von dem wir heute eine Kiste einpacken; so einen, wie sie ihn hier machen seit Generationen und auch in Generationen noch, wenn's der Himmel will.
Die Freude über das Wiedersehen mischt sich mit Schrecken und Beschämung über den Umstand, hier, und so grau und mager. Er ist gründlichst rasiert, das Hemd bis oben zugeknöpft, und trägt den Katheterbeutel wie beiläufig. Lang hält er es nicht aus, dann entschuldigt er sich und wandert auf dem Flur auf und ab.
Wie zerbrechlich der Leib ist, dieses fehleranfällige Gewirk von Nerven, Gefäßen, Organen; und wie viel nur am Mut hängt, an der Zuversicht, daß es schon wieder wird und daß sich der ganze Aufwand lohnt.
Ich habe ihm einen Bademantel besorgt, was man so braucht für einen längeren Aufenthalt hier: gestreiftes Tuch mit etwas Glanz, Knöpfe, Kragen. Oh, ein Staatsbademantel, sagt er und grinst.
Der Weg vom Kliniksgelände gerät mir zur Flucht; Tränen kommen erst später. So eine Ungerechtigkeit. So eine Verschwendung.
Jenseits der Leitplanke strohgelbes Land, und schwarz der Wald; hier und da Baumreihen wie Ketten im blonden Fell der Felder. Grün kaum noch. Dafür Blüten, weiß, gelb, blau und violett, unendlich viele winzige Sternensysteme, und es schäumt aus den Straßengräben die Böschungen hoch: verschenkt an die Insekten des Sommers.
Kilometer um Kilometer bedaure ich, daß dies eine Autofahrt ist und kein Weg zu Fuß.
Meine besten Wünsche sende ich D. und J., der Spiegelseele und dem pfeifenden Philosophen, die dem Tagesgeschehen einfach davonlaufen: von der Rheinquelle bis zum Bodensee. Auf dem Weg werden die wichtigen Dinge wichtig; die anderen sind natürlich nicht weg, aber sie halten nicht auf, bleiben auf Distanz. Es müßten, denke ich manchmal, mehr Menschen gehen, ohne Netz und doppelten Boden. Grenzerfahrung. Die kann das Herz weit machen.
Der charmante Professor, Wuschelfrisur, blendend sitzender Anzug und ein jungenhaftes Lächeln, muß um die dreißig sein; oder? Als er nach dem Vortrag an mir vorübergeht, sehe ich, daß das nicht sein kann. Ich frage eine, die ihn kennt: neunundfünfzig ist er. Wert auf sein Äußeres habe er schon immer gelegt, Maßanzüge, gefärbtes Haar, gebleichte Zähne; seit ein paar Jahren verjünge er sich chirurgisch. Botox, hier gestrafft, da unterspritzt, Tränensäcke weg ... Später höre ich jemanden sagen, der Professor wirke so unglücklich in letzter Zeit.
Endlich bessere Nachrichten vom lieben Freund: Er langweilt sich. Nach der Operation, berichtet er, habe er sich Tage getrennt von seinem Leib erlebt; der war halt das, womit die Mediziner hantierten. Nun sei er wieder hineingeschlüpft in seinen Körper, und er müsse sich mit allem, was da jetzt fehle, umgeräumt und zuviel sei, arrangieren.
G. ist im Dorf verwurzelt, verschwägert und versippt, drum heiratet H. in ein Dorf ein. Vor dem schmucken historischen Standesamt sammeln sich wilde Gesellen in Motorradkluft, G.s Freunde, beäugt von älteren Damen aus dem Schutze ihrer Vorgärten.
H. ist ganz strahlende Braut; dieses Kleid hat sie sich schon als kleines Mädchen gewünscht.
Der Festplatz im Wald (und den bekommt nicht jeder!) ist mit Blumen geschmückt. Unter der Überdachung sitzen die Weißköpfe beisammen, im Rauch des Grills die gestandenen Leute, das Jungvolk hält sich unter den Bäumen am Rand; um alles herum purzeln Kinder und Hunde.
Daß das Wetter mitspielt, ist das Größte, und gleich danach die Aussicht über die Gegend. Ich sitze mit den Cousinen unter einem Baum. Auf der Hochzeit der einen wäre ich als Blumenmädchen fast aus der Kutsche gestürzt, hätte mich der Bräutigam nicht noch an einer Rüsche erwischt. Die alten Geschichten sind aufmerksam und quicklebendig.
Die Nacht kommt zögernd. Ich freue mich an der Landschaft unter der Dämmerung und daran, wie schön H. und G. es haben werden in ihrem Dorf zwischen Äckern und Wald. In weiter Ferne sprüht ein Feuerwerk winzige Funken. Dann gehe ich die Namen der Orte durch und der Hügel, so weit ich sie kenne; eigentlich ist das hier auch meine Heimat. Das ist schon was.
Als ich gehe, bleibt das Fest schnell im Dunkel zurück. Der Wald duftet nach Sommer. Irgendwann wird auch die Musikbeschallung so leise, daß ich die Nachtigall hören kann; da wünsche ich mir, ich hätte kein Ziel und es bliebe noch ein Weilchen Nacht und Sommer und ich müßte nicht zurück in die Stadt.
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