Donnerstag, 30. Juni 2016

Der steinalte Hund von nebenan hat Schmerzen. Er, der mich sonst keines Blickes würdigt, schleppt sich zu mir und drängt sich gegen meine Knöchel. Ich bin sprachlos. Falls er glaubte, ich großes, allmächtiges Wesen könne irgendetwas tun gegen sein Leid, so muß ich ihn enttäuschen.

Einem Menschen reicht die Diagnose, um krank zu sein; ein Hund ist genesen, sobald die Schmerzen weg sind.

Früher war ich mal katastrophenfest. Früher hatte ich ein dickeres Fell.





Mittwoch, 29. Juni 2016

Zehn Jahre scheint er gealtert seit der Diagnose. Es geht ihm nicht schlecht, aber er weiß und kann nicht mehr nicht wissen. Seine Angst ist begründet; es ist ernst.

Gesellschaft erträgt er nur, weil er weiß, daß seine Lieben nicht anders können. Vielleicht ist nicht da sein, was ich tun kann?

Alle sind wir allein und denken unsere finsteren Gedanken. Als könnte man das: vorbereitet sein.





Montag, 20. Juni 2016

In den Kräutern auf der Küchenfensterbank wohnt seit kurzem eine glänzende, kugelrunde Spinne. Ich habe ihr eine halbe Stunde lang zugeschaut, wie sie anmutig zwischen den Blättern herumkletterte und einige unordentliche Fäden spannte. Ein weiteres Exemplar lebt im Wohnzimmer-Fensterblatt; die sitzt reglos an einem Stengel und springt blitzartig vor, Jägerin, die sie ist. Und heute habe ich ein winzigkleines Tier an seinem eigenen Faden in die Strelitzie gehängt, die seit knapp fünfzehn Jahren in meinem Arbeitszimmer darbt und gerade ein neues Blatt entrollt.

Sollen sie ihre verstohlenen Reiche errichten; ich mag das, wenn sie sich in meinen Blumentöpfen willkommen fühlen.





Samstag, 18. Juni 2016

Der Beiname des Worst Case ist: Aber davon wollen wir nicht ausgehen.

Vielleicht gibt es ja noch eine Möglichkeit. Vielleicht ist es nicht so schlimm. Wenn all diese Wunder einträten, wären sie keine Wunder mehr. Man wendet sich: an Fachleute, an Zweitfachleute, an Überlebende, an Leute, die alles ganz anders machen, und dreht sich im Kreis.

"Was ich auf keinen Fall möchte, ist eine lange Leidensphase." Aber das wird dann heißen: die Hoffnung aufgeben. Ich hatte ganz vergessen, wie tief die sitzt; ein Stachel mit Widerhaken.

Die Mühlen sind angeworfen. Ein lieber Freund wird, auf die eine oder andere Art, darin verschwinden.

Aber. Aber. Vielleicht. Vielleicht. Vielleicht.





Samstag, 11. Juni 2016

Ich muß ein bißchen auf T. warten und frage ihn, was seine Entschuldigung sei.   Ich wollte dir das gute Gefühl geben, ausnahmsweise als erste da gewesen zu sein.   Hier, bitte schön, reiche ich T. das mitgebrachte Nußgebäck. Eine Schnecke. Wappentier der Zuspätkommer.   Ich dachte, mischt sich der Kaffeemann ein, wer zu spät kommt, wird zur Schnecke gemacht?   Wir regeln das subtiler, sage ich.   So, daß man sich auch noch dafür bedanken muß, ergänzt T., und zu mir: Danke, übrigens. Das werde ich dir nicht vergessen.

T. erzählt von seinen übellaunigen Großeltern, die es schafften, ihre Gäste aktiv zu deprimieren. Eine Weisheit seines Großvaters habe gehießen: Wenn der Bauer morgens lacht, gehörn ihm zwei gesunde Zähne gezogen.   Es liegt also in der Familie, fasse ich zusammen.   Tja, antwortet er. Was soll man machen.

Er habe, sagt T., ein Herz für öde Orte. Diese hier gefallen ihm gut.





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