Vor Wochen lag die Ankündigung der Feierlichkeiten irgendeines Abschlußjubiläums in meinem Mailfach. Heute die Zuschrift eines Mitschülers, von dem ich nie viel mehr wußte als den Namen und daß er sehr leicht rot wurde: "Meine Frau und ich haben im Mailverteiler deine Adresse gelesen, dein Fachgebiet ist ja wirklich interessant! Im Anhang findest du wichtiges Infomaterial, es betrifft die schädlichen Auswirkungen des Impfens auf"
–> Plonk.
Mannmannmann.
Hummeln in blühenden Apfelbäumen, Grauganskindergärten und Sonne, vorsichtig dosiert: unterm jungen Grün alter Weiden kann man der Welt nicht böse bleiben.
Ein ganzer gestohlener Wochentag (hast du da nix Sinnvolles zu tun?!), an dem sich alles mühelos findet: flirrende Flußwasserfarben, Störche, die wie bestellt am Nestrand erscheinen, Knoblauchsrauke vom Ufer zum mitgebrachten Butterbrot, geschenkte Lektüre, und der Grill wurde eben angeworfen, in einer halben Stunde gibt es Fisch. Wie am Schnürchen, wie beim Staatsbesuch.
K. zählt zu denen aus meinem echten Leben, die wissen, daß ich ein Blog habe, und die mich manchmal aufmerksam machen auf ein Fotomotiv ... Ich weiß nicht recht. In meinem echten Leben ist mir das mit dem Blog ein wenig peinlich, auf eine Art, die ich mir selbst nicht erklären kann.
Bloggen ist wie Singen unter der Dusche. Zumindest fallen auf die Frage nach dem Warum meine Antworten sehr ähnlich aus.
Manchmal lese ich in fremden Blogs nach, was andere Leute an schlimmen Tagen meines Lebens gemacht haben. Die Welt dreht sich um so viele Achsen, wie es Hirne gibt und Herzen; das tröstet.
Ob Authentizität wichtig ist? Muß, wer schreibt, ehrlich sein? Och. Ich lasse mir auch gern Geschichten erzählen, solange sie nur gut erzählt sind. Und solange sie mir nichts zu verkaufen versuchen.
Ob ich Ansprüche habe an mein Geblogge? Ich mag Sprache. Ich mag es, Gedanken knapp zu fassen. Ich mag Geschichten, und das war's. Wollte ich Bekanntheit, hätte ich irgendwas mit social; wollte ich Geld verdienen, na, was weiß denn ich.
Es gibt keinen triftigen Grund, nicht unter der Dusche zu singen, also blogge ich.
Und: ha! Heute regnet es. Gut, daß K. und ich nicht aufs Wochenende gewartet haben, wie die vernünftigen Leute.
(Hier noch was übers Bloggen, das ich mochte.)
Ein Frühlingstag samt Amselsang, warm genug für kurze Ärmel, endlich; und mir sind Kopf und Herz und Eingeweide wie eingeweicht und ausgewrungen. Nebelfeucht.
T. lacht mich aus, M., der Kluge, argumentiert gegen meine Mißstimmung an, K. verabredet Ausbüxen. Muß ich mich bloß wieder einkriegen.
Ich habe die Küchenfenster geputzt. Die Kirsche einen Hof weiter blüht; das ist ein Anfang.
Das Dorf B., durch das ich zweidrei mal im Jahr wandere, hat mich diesmal länger aufgehalten. Nicht weniger als sieben Kräne richten an seinem nördlichen Rand eine neue Siedlung auf, Einfamilienhäuser freistehend oder in Reihe, mit prominenten Garagen, wie das heute so ist. Die Zufahrtsstraße, für die bereits ein Streifen Land planiert wurde, dürfte vierspurig werden.
Ein Stück zum Dorf hinaus, in den Feldern, eines dieser unabbildbaren Bilder: ein herrlich gewachsener Walnußbaum, noch kahl, als Schattenriß vorm lichten Aprilhimmel; hoch oben sitzt ein Raubvogel, während scheinbar im Gezweig, mondgroß und dunstig glänzend, ein Passagierflugzeug hängt, wendet, durchstartet. Eine halbe Minute später ist das Flugzeug weg, das Licht ganz anders, von Lärm überdeckt, nur der Vogel sitzt da noch.
Sonst wenig Liebe zu diesem Landstrich.
"Es gilt das Datum des Poststempels": sehr niedlich. "Arial in 12-Punkt": weniger.
Paar Tage lang so tun, als schreibe man einen Roman, bereitet keine Schwierigkeiten. Schwerer ist, damit aufzuhören.
Allen Widrigkeiten zum Trotz pünktlich auf die letzte Minute abgeben fühlt sich immer noch gut an. Noch besser war's vielleicht bloß, als es wirklich um was ging.
Gelächter und Unruhe, mit überwiegend Gelächter.
(Und nicht zuletzt die Freude, den lieben Freund angestiftet zu haben zu einem herrlichen Unsinn, den er vielleicht noch brauchen kann. Überhaupt, so ein Unsinn, in meinem Alter.)
Nächste Seite