Freitag, 11. März 2016

Gespräch mit einer gar nicht viel älteren Frau. Es geht um die Mobilgeräte, über die sich alle immerzu beugen, um Verfügbarkeit von Wissen und Dingen und Menschen (zumindest virtuell) und um Kinder, die immer schlechter warten können, sich nicht allein beschäftigen, nicht durchhalten. Sie darf besorgt sein, sie arbeitet in der Förderung beeinträchtigter Kinder; und da, sagt sie, sieht sie die Schäden dieser neuen Welt.

In der Schule haben sie Defizite. Da sollen sie auswendig wissen, was jede Suchmaschine zu Millionen Treffern führt. Sie sollen kopfrechnen, zeichnen, lesen und verstehen, wo's ein Video täte. Zeitgemäß ist das nicht: auf ein Leben zwischen Bildschirmen, mit schnellen Entscheidungen, auf Multitasking und Flexibilität werden Schüler nicht vorbereitet in der Schule.

Wir beide sind ja froh, in einer Welt auch ohne Strom, ohne Geräte existieren zu können. Langsam sein, gründlich sein, unabhängig sein. Nicht leiden, wenn nicht alles gleich zu haben oder sicher zu wissen ist.

Und ich denke, wir zwei, wir werden bald nicht mehr zu denen zählen, die die Köpfe schütteln über Leute, die nicht mehr nichts tun können. Uns wird man mit Befremden betrachten, Angehörige eines fremden Volkes; wir werden die mit den Defiziten sein oder, wer weiß, vielleicht konserviert und in ein Museum gesteckt werden.





Montag, 22. Februar 2016

Dieses Jahr der dritte. Wie viele ich schon in der Zeit zurückgelassen habe, oder vielleicht sie mich, man weiß es ja nicht. Jedes Mal eine Zumutung. Bilder, Geschichten und ihre Namen bleiben mir. Ganzes und Halbes.

Die Reihen der Schatten werden dichter; vielleicht, daß das Leben umso klarer leuchte.





Mittwoch, 17. Februar 2016

Als Herr F. mit Ende zwanzig nach Deutschland kam, kam er mit Frau, kleinen Kindern und den alten Eltern. Er wäre gern Ingenieur geworden, aber was daheim aus politischen Gründen nicht ging, das scheiterte hier vor allem an der Bürokratie. Nun betreiben F.s einen kleinen Laden in der Innenstadt.

Herr F. ist ein Bild von einem Mann. Stattlich. Seine Sprache ist stark, die Vorsicht seine Sache nicht. Man muß die Dinge beim Namen nennen können. Er hat ein großes Lachen und einen raschen Witz; Frauen gegenüber legt er eine Galanterie an den Tag, gegen die er sich anscheinend selbst kaum wehren kann.

Ist Ihre Frau heute nicht da, fragt eine Kundin. Heute habe ich mal eine andere, antwortet er vergnügt und deutet auf mich. Was? fragt die Kundin, eine Studentin, verwirrt. Abwechslung muß sein, zwinkert er, am liebsten jede Woche eine neue, und ich mache hinter ihm Zeichen: ein Witz! ein Witz!, aber sie schaut erst entsetzt, dann pikiert. Merken Sie nicht, wie Sie objektifiziert werden, wirft sie mir beim Hinausgehen zu.

Was hatte sie? War sie böse?, fragt Herr F., und ich versuche, ihm zu erklären; aber Herr F. versteht die neue Welt nicht mehr: Haben die Leute keine Probleme! fragt er, ehrlich entsetzt.

Ich weiß ja auch nicht.





Freitag, 12. Februar 2016

Leider schmeckt alles nach Pappendeckel, aber, oh, so schön still hier.

Sorgen um die Spinne unterm Sofa. Wird sie überleben? Nicht verhungern, nicht zertreten oder weggesaugt werden? Meine Träume konstruieren Rettungswege, bis mir klar wird, daß gar nicht die Spinne im Zimmer ist, sondern das Zimmer in der Spinne; danach schlafe ich beruhigt.

Ansonsten treibe ich in Watte gepackt durch den Tag. Die Taubheit bewahrt mich vor Klingel wie Telefon.

Nach Tagen endlich: Massensterben von Mikroben. Hoffe ich zumindest. Ich gehe wieder schlafen und träume mir einen Fortschrittsbalken.





Dienstag, 9. Februar 2016

Wie sie Kontakte pflegt, nichts ausläßt, genießt, was zu genießen ist. Manchmal spricht sie noch im Präsens von ihrem Mann und verbessert sich sofort. Manchmal weint sie, kurz und untröstlich.

Und an manchen Tagen fügt sich alles, als wolle ihr die Welt das Leben schön und leichter machen. Das freut mich sehr.

Draußen doch kein Sturm; drinnen Fieber, Tee und viel Schlaf.





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