Ihre Rosensträuße waren achtlos abgeknipst, zusammengeklaubt und gebunden mit irgendwelchen Bändchen, voller Dornen, Knospen und Verblühtem, und sie waren die schönsten, die ich kannte.
Es muß schnell gegangen sein. Wahrscheinlich hat sie selbst es gar nicht mitbekommen. Vielleicht hat sie "hopsassa!" gesagt, wie stets, wenn ihr etwas fiel oder zerbrach.
Sie war allein; ihr Liebster ist schon vor zehn Jahren gegangen. Ich hoffe, er hat sie in Empfang genommen.
Was für ein Jahr.
Sie sollten nicht so ganz gehen, so daß etwas bleibt außer der Erinnerung und dem Vermissen.
Daß ich sagen könnte: diese Art, mich nicht zu wundern, oder: dieses Kichern, oder: diese Freude am Laufen im Regen, die habe ich von R geerbt.
R, du wirst so vielen fehlen. Möge dir die Erde leicht sein.
Am Hang war er licht, knorrige, niedrige Eichen und ein Geruch nach Sonne und wildem Oregano; als Kind dachte ich, Südfrankreich ist genau wie hier. Eidechsenfelsen: Kartäusernelken als Funken überm Staub der Wege, Blindschleichen, seltene Schmetterlinge und der Diptam, der süß duftet und, so heißt es, sich an heißen Tagen ganz von selbst entzündet.
Auf dem Hügel war er dann die grüne Krone: Buchen, Nadelbaumversuche und alte Eßkastanien, ein wenig zerfleddert alles, aber kühl. Dreht man sich um, fliegt das Auge wie ein Bussard über Weinhänge und Äcker, in jede Richtung hundert Wanderpläne.
Der Blick wird bleiben, aber der Wald, der Wald brennt, seit Tagen nun schon: Kulisse und Komm-wir-gehen-eine-Runde-raus-Gebiet, Schulausflugsland, Wurzel- und Erinnerungsgrund – alles Rauch und Asche.
Mir geht es wie vielen: Ich habe einen Platz in der Welt verloren, einen alten Freund. Einmal mehr.
Hast du das mitgekriegt, sagt mir B am Telefon, M ist tot. Ich denke: aber wir hatten doch Jahrzehnte keinen Kontakt, und: jetzt sterben schon die Leute von damals; und dann reise ich in die kleine Stadt, in der ich geboren bin, zu seiner Beerdigung.
Ich weiß nicht mehr, ob ich M über Kirchens oder den Naturschutz kennenlernte. Er war Mitte Zwanzig und hatte schon zwei Leben hinter sich gelassen; er war schmächtig, intelligent, und er war auf eine Art verletzt, wie sie leicht in Bitterkeit mündet. Er trug die Einsamkeit wie einen Mantel, zugeknöpft.
Ich als schüchtern-naseweiser Teenager integrierte ihn in meinen Freundeskreis. Zumindest versuchte ich das; er ließ sich aber nicht integrieren. Was er zuließ, war, daß ich ihm im Park unter einem Baum die Haare schnitt, zwei Handbreit Rabenschwarz, bis man seine Augen sehen konnte.
Als ich die Stadt verließ, traf ich ihn nicht wieder.
Ich habe nicht mitbekommen, wie sich sein Leben entfaltete und Gewicht bekam. Wie er fand, was gut und richtig für ihn war; wie er sich einrichtete: ein beständiges, genügsames Leben, immer mit der Distanz, die er brauchte; Abenteuer auf Papier und in der Welt und viele Freunde, die wußten, wann man ihm seine Ruhe lassen mußte.
Die drängen sich nun in der kleinen Kirche (einige Gesichter glaube ich zu kennen). M sei ein "geselliger Einzelgänger" gewesen, sagt der Pfarrer und muß schlucken; er kannte ihn.
Aber auch er weiß nicht, warum M sich das Leben nahm, es gab keinen Anlaß, keinen Verdacht und keinen Abschiedsbrief. In seiner Wohnung lag aufgeschlagen das letzte Buch, das er gelesen hatte, ein Reiseführer.
Der Trauerzug Richtung Friedhof ist lang. Ich gehe nicht mit; ich gehe in den Park und setze mich unter einen Baum, Jahrzehnte älter, allein.
Wo anfangen?
Der Flüchtlingsjunge, der nichts weiter hatte als seine Hände, ein gewinnendes Wesen und einen sehr, sehr hellen Kopf. Und der dann das begehrteste Mädchen der ganzen Gegend bekam, aus hochangesehener Familie; ein ganz unwahrscheinliches Traumpaar. Nun hat der Tod sie geschieden.
Er, dessen absolute Integrität seltsam aufschien an einer Stelle, wo Integrität kaum je zu finden ist. Der darum seine Arbeit irgendwann nicht mehr lieben konnte.
Der nicht gläubig war, der aber für die Werte und Worte und Lieder, die so weit in die Geschichte zurückwurzeln, einstand.
Der anstieß, sorgte, plante, immer an das Beste im Menschen glaubend. Und dessen letzte Frage war: ich habe doch alles gemacht?
Daß die Welt, ach, dunkler geworden ist ohne ihn.
Wenn einer von den Lieben geht, dann sind wir plötzlich ganz nah am Abgrund. Ein Schritt, mehr wär's nicht. Man muß sich gut festhalten, daß es einen nicht mitzieht da hin, wohin sowieso alles geht.
(Ich stehe an dieser Kreuzung von mehreren mehrspurigen Straßen, eine brüllende Weite aus Asphalt, von in Intervallen einschießendem Verkehr geflutet. Jetzt erst sehe ich, daß dieser Ort das Wort "Platz" im Namen trägt. Vielleicht war das wirklich mal ein Platz, auf dem Bäume und Bänke standen und Spaziergänger zum Gruß den Hut lüfteten.)
Wenn ich jetzt an C. denke, gehen die Gedanken ins Leere. Er wohnt nicht mehr, er macht nicht mehr, er denkt und sagt nicht mehr. Es bleiben die Geschichten; und die Vorstellungen von Geschichten.