Sonntag, 14. Mai 2017

Von C. habe ich eine kleine Uhr geerbt, meine erste seit, was, dreißig Jahren, die ich der Bequemlichkeit halber in der Hosentasche trage. Manchmal setzt ihr Sekundenzeiger aus, während es irgendwo innen weitertickt, manchmal bleibt sie ganz stehen, und was sie als Datum anzeigt, kommt meist noch oder war schon längst. Die einzig mögliche Uhr für mich: sie belästigt mich nicht mit Zuverlässigkeit. Sie zerstückelt nicht die Zeit, sondern erinnert an sie.

Hier und da entkomme ich in Gedrucktes. Das ging schon leichter, aber manchmal geht es eben doch.

Wetter-/Weltlage: als könnte was Flammendes vom Himmel auf mich fallen, träte ich vor die Haustür. Ich mache stattdessen Wäsche, die Wollsachen, das Beerdigungshemd. Feucht in Form ziehen, liegend trocknen. Einmotten, voller Hoffnung.





Sonntag, 7. Mai 2017

Frühmorgens beobachte ich Krähen. Auf der Autobahn hacken sie auf dem Fahrbahnbelag herum. Wenn Fahrzeuge kommen, staksen sie zum Seitenstreifen und warten hinter der durchgezogenen weißen Linie auf die nächste größere Lücke. Sie leben von den Tieren, die das System nicht kapiert haben. In der Stadt gehört ihnen mitten im Berufsverkehr die Busspur; für den Bus flattern sie kurz in einen der Straßenbäume. Würde mich nicht wundern, wenn die Krähen den Fahrplan auswendig wüßten.

In Bahnhofsnähe trabt mir auf dem Gehsteig ein Hund entgegen, groß, zottig, sehr aufrecht. Zwischen den Zähnen trägt er am zusammengeknoteten Henkel eine Metzgertüte. Er bleibt stehen, dreht sich um, läuft ein paar Schritte zurück, wartet ein wenig und setzt dann seinen Weg fort. Ganz da hinten erkenne ich einen Menschen, das wird der Besitzer sein; aber der Mensch ist langsam, und dieser Hund hat was vor.

Ich zähle Mauersegler hinterm Haus: zwei. Screaming party im Duett. Oh, ich hoffe, es werden noch mehr.





Samstag, 29. April 2017

Für Läufer, vor allem aber wohl für alle anderen: Von der Langstrecke. Ein staubiger, verschwitzter, sehr langer Text.

Ich bestaune das sehr; ich verstehe nicht, wie man so etwas wollen kann, aber doch, jetzt. Ein wenig. Vielleicht.





Dienstag, 25. April 2017

M. erzählt von einer verhauenen Klausur, unter die ein Student geschrieben hatte, er habe nicht erwartet, hier Lernstoff aus der Mittelstufe produzieren zu müssen; die wurde am Lehrstuhl herumgereicht.

Arme Jugend von heute. Stundenpläne bis ins letzte Semester. Lernziellisten. Und bevor sie ein Buch anfassen, fragen sie, ob das prüfungsrelevant sei. Das gab es bei uns auch schon, sagt M. Ja, in den Nebenfächern vielleicht, aber uns Hauptfachstudenten wäre der Eindruck, daß wir's so genau eigentlich nicht wissen wollen und nur lernen, um die Prüfung zu bestehen, unendlich peinlich gewesen. Oder? Da frage ich den richtigen; M. lernt, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, wofür das gut sein sollte.

V., in der sechsten Klasse, ärgert sich: Man zeige ihnen jede Menge Stoff; aber zum Einüben sei gar keine Zeit, immer gehe es gleich weiter zum nächsten Thema. V. läßt sich deswegen daheim Übungsaufgaben geben (V.s Mutter unterrichtet Mathematik, der Opa Latein, da wird das noch eine Weile gehen); aber was wird aus Schülern, denen keiner antworten kann? Denen es reicht, wenn sie von der Sache mal gehört haben?

M., sage ich, du bist ein Dinosaurier. Ich weiß, knirscht er. Dann rezitiert er ein Gedicht, das ich längst wieder vergessen habe, und wir sprechen von erfreulicheren Dingen.





Samstag, 22. April 2017

Die Tür zur Schalterhalle der Bank ist viel zu schwer, und wie sich der fragile alte Herr dagegenstemmt, sieht aus wie eine Übung in Vergeblichkeit. Eine jüngere Frau kommt hinzu und drückt von hinten mit einer Hand gegen das Türblatt. Der alte Herr scheint kurz überrascht, wie leicht das plötzlich geht; dann dreht er sich um mit hochgezogenen Brauen und Ach-so-Blick. Die Frau lächelt freundlich und sagt das einzige, was jetzt die Welt wieder ins Lot bringen kann; sie lächelt und sagt: Dankeschön, bevor sie hinter ihm durch die Tür tritt.





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