Dienstag, 15. März 2022

Derzeit lese ich viel von Tapferkeit und Heldentum im deutschsprachigen Netz. Und davon, daß ja andere Flüchtlinge, wiewohl männlich und wehrfähig, nicht ihr Land verteidigt, sondern sich in Sicherheit gebracht hätten.

Ich möchte keinem Menschen, der partout sein Land verteidigen will, dieses Recht absprechen. Aber ich bete zu allen Himmeln um Drückeberger, Verweigerer, Deserteure. Auf sämtlichen Seiten der Fronten.





Sonntag, 6. März 2022

"Energiesparen" kann man offenbar nur im Zusammenhang mit "Putin schaden" öffentlich vorschlagen.

Und: ich hoffe, auch die Menschen aus Russland, die jetzt fliehen müssen, finden Aufnahme und Hilfe.





Mittwoch, 2. März 2022

Samstags auf dem Markt wird ein Huhn gekauft, leider immer schon ausgenommen, aber zwoeinhalb Kilo doch. Sonntag kommt es, ohne Rückgrat, gesalzen und plattgeklopft, in den Backofen, nach unten offen auf dem Rost. Im Fett, das heraustropft, garen auf dem Blech darunter Kartoffeln und Gemüse. Das ist Tag 1.

Die Reste – Brust, Rücken, Flügel – wandern in den Kühlschrank; dito Knochen, Häute, Sehnen, jeder Tropfen Fett. Aus denen und geschnetzeltem Suppengemüse wird am Montag eine Brühe gekocht: drei Stunden kleine Hitze, abgießen, fertig, drei große Gläser voll. Huhn- und Gemüsereste, paar Pilze noch, Wein, vielleicht Sahne, aber sicher zwei Eigelb werden mit einem davon eine Sorte Frikassee: Tag 2.

Was davon bleibt, ist Dienstag, vielleicht Mittwoch noch mit frischem Gemüse eine dicke Suppe – Tag 3 und Tag 4.

Freitag dann gibt es Risotto, mit Weißwein, geriebenem Käse, Butter und Hühnerfond: Tag 5 ist noch einmal besonders luxuriös.

An den zwei übrigen Tagen kann man dann über den Zustand der Welt nachdenken.





Freitag, 18. Februar 2022

War ich wieder mal beim Friseur, also nicht dem üblichen, sondern bei der, die das gelernt hat, und habe gesagt: kurz, und: jaja, einfach machen, und: daß ich bloß keine Arbeit damit hab.

Erst ein Schrecken: die Silhouette meiner Mutter, Betonfrisur mit Fönbedarf.

Zwei Tage später aber dann sehe ich im Spiegel aus wie auf dem einen Foto, das ich von ihm kenne, mein Großvater, der polnisch fluchte und sich weigerte, zur Hochzeit meiner Eltern in die Kirche zu gehen (recht hatte er): graue Borsten wider Schwerkraft, Mode und Wahrscheinlichkeit grob nach oben starrend, überm Dickschädel noch restgelockt, und das gefällt mir dann doch sehr.

(Im Traum überreicht mir M eine Rose aus gelbem Papier, kunstvoll gefaltet, und zieht dann hüpfend und trällernd von dannen, was so un-M ist, daß ich mich selbst aus dem Schlaf lache.

In der Ruhe nach dem Sturm übt eine Amsel.)





Mittwoch, 16. Februar 2022

Meinen gewisperten Namen als Hilferuf verstehen und mich auf die Bettkante setzen ist eins, noch ehe ich wach bin. Was ich tun kann, ist wenig: Hand halten. Irgendwas sagen. Bis der Herzschlag ruhiger geht, bis die Nacht wieder Nacht ist und nicht mehr Fels auf der Brust.

Wie schmal der Grat ist; und wie mächtig eine Berührung. Trost und Betrübnis in einem.





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